"Behindert spielen" oder mit Behinderung spielen?

Ob auf großer Theaterbühne, im Fernsehen zuhause oder auf der Kinoleinwand – Figuren mit unterschiedlichen Behinderungen tauchen immer wieder auf. Doch wie werden die Charaktere dargestellt? Welchen Eindruck hinterlassen sie beim Zuschauer? Und werden sie überhaupt von Schauspielern mit einer Behinderung gespielt? REHACARE.de verschaffte sich einen kleinen Überblick über die Branche.

01.12.2015

 
Foto: Hauptdarsteller der Serie "Dr. Klein"; Copyright: ZDF/Mathias Bothor

In der ZDF-Vorabendserie "Dr. Klein" steht eine kleinwüchsige Ärztin im Mittelpunkt. Mit der vermeintlichen Einschränkung wird aber mit viel Humor und Augenzwinkern umgegangen; © ZDF/Mathias Bothor

Meistens sind sie in einer Nebenrolle zu sehen oder sie stellen direkt den Dreh- und Angelpunkt des ganzen Filmes dar: Menschen mit Behinderung. In Film und Fernsehen, aber auch in Theaterstücken, erscheinen sie immer wieder auf der Bildfläche – als die Tochter mit Trisomie 21 oder der gute Kumpel im Rollstuhl.

Der Freund, der allen mit Rat und Tat zur Seite steht, genau das war beispielsweise die Figur des Frederik Neuhaus in der Vorabendserie "Marienhof" für viele Jahre. Gespielt wurde er von Erwin Aljukic, der mit Glasknochen lebt.

Frischer Wind in deutscher Serie

Wenn in deutschen TV-Serien Figuren mit einer Behinderung auftauchen, ist die körperliche Einschränkung – in der Regel durch einen Unfall verursacht – meist aber nur vorrübergehend. Die Heilung und Genesung scheint erklärtes Ziel der meisten Drehbücher zu sein. Das kommt gerade bei Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen in der Regel nicht sonderlich gut an.

Umso erfrischender empfanden daher viele Fernsehzuschauer den Start der ZDF-Vorabendserie "Dr. Klein", die inzwischen bereits mit der zweiten Staffel angelaufen ist. Titelgebende Hauptfigur ist Dr. Valerie Klein. Sie ist nicht nur Ärztin in einer Kinderklinik, sonder auch selbst Mutter zweier Kinder, Tochter eines Vaters mit Demenz, Ehefrau und schlagfertig gegenüber ihrem Widersacher Dr. Lang.

Besetzt wurde die Hauptrolle mit ChrisTine Urspruch, die Krimifreunden vor allem aus dem "Tatort Münster" als Rechtsmedizinerin Silke Haller, genannt Alberich, bekannt ist. Ihre Körpergröße von 1,32 Metern bietet in der Serie immer wieder Vorlagen für Wortspielereien, ohne dabei aber unter die Gürtellinie zu zielen.
Foto: Carina Kühne; Copyright: Peter Schäfer

Carina Kühne spielt in "Be my baby" ein junge Frau mit Trisomie 21, die ein selbstbestimmtes Leben führen möchte; © Peter Schäfer

Dieser recht unverkrampfte Umgang mit dem Kleinwuchs der Hauptfigur ist derzeit eher noch eine Ausnahme in der deutschen Fernsehlandschaft. Aber er stößt auf positive Resonanz bei den Zuschauern.

"Ich freue mich immer über die TV-Serie 'Dr. Klein'", sagt auch Schauspielerin Carina Kühne. "Für mich ist es einfach wichtig, dass im Fernsehen Menschen mit Behinderung zu sehen sind – genau wie im richtigen Leben." Kühne selbst trägt dazu ebenfalls ihren Teil bei: Sie spielte die Hauptrolle in der Fernsehproduktion "Be my baby". Hier geht es um eine junge Frau mit Trisomie 21, die gerne Mutter werden und ein selbstbestimmtes Leben führen möchte.

US-Serien: Behinderung rückt in den Hintergrund

Doch muss eigentlich die jeweilige Behinderung einer Figur auch immer direkt Thema sein und im Fokus stehen? Das US-amerikanische Fernsehen zeigt an vielen Stellen, dass es nicht nötig ist. Peter Dinklage gehört bei "Game of Thrones" inzwischen beispielsweise zu den Hauptdarstellern. Sein Kleinwuchs steht dabei nicht im Vordergrund. Es ist eine Eigenschaft von vielen, die seine Rolle als Tyrion Lannister ausmachen. Inzwischen wurde er dafür auch schon zweimal mit dem Emmy und einmal mit dem Golden Globe Award ausgezeichnet.

Aber auch andere Serien zeigen in den USA – und inzwischen weltweit – wie Vielfalt in der Besetzung funktionieren kann: Jamie Brewer wurde durch ihr Mitwirken in drei Staffeln von "American Horror Story" international bekannt. Lauren Potter verkörperte die Rolle der Becky Jackson in der beliebten Serie "Glee". Beide Frauen haben Trisomie 21. Auch RJ Mitte hat sich in seiner Rolle als Walter White jr. in "Breaking Bad" einen Namen gemacht. Der Darsteller mit Zerebralparese ist inzwischen ein gefragter Jungschauspieler.

Debatte: Behinderung nur spielen?

Doch nicht jede Figur in Film und Fernsehen, die eine Behinderung hat, wird auch automatisch mit einem behinderten Schauspieler besetzt. Im Gegenteil: Dies ist eher noch eine Ausnahme. Diese Tatsache wird unter Menschen mit Behinderung übrigens heiß diskutiert: Einige fordern, dass behinderte Figuren auch ausschließlich von Schauspielern mit dieser oder einer zumindest ähnlichen Behinderung gespielt werden müssen. Sonst wäre Authentizität nicht möglich. Andere räumen ein, dass es eben auch der Job eines Schauspielers ist, in andere Rollen zu schlüpfen und diese möglichst überzeugend zu spielen.

Eddie Redmayne, der Stephen Hawking in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" spielte, hat zwar unter anderem einen Oscar für seine Rolle erhalten. Doch von Menschen mit Behinderung gab es sowohl Lob als auch Kritik für seine schauspielerischen Leistungen. Positiv anerkannt wurde unter anderem, dass er sich im Vorfeld ausführlich mit Hawkings Nervenkrankheit ALS und auch mit seinem Leben auseinandersetzte.
Foto: Gehörlose Schauspielerin bei Tatort-Dreharbeiten; Copyright: SR/Manuela Meyer

Die gehörlose Kassandra Wedel spielt im neuen "Tatort: Totenstille" die Rolle der gehörlosen "Kassandra Feldhausen"; © SR/Manuela Meyer

Hilfreich und sinnvoll für eine gute Film- oder Fernsehproduktion ist es übrigens auch, wenn Menschen mit Behinderung von Anfang an beratend zur Seite stehen. Wie etwa im Falle des kommenden "Tatort: Totenstille": Der neue Saarbrückener Tatort wird viele gehörlose Figuren beinhalten. Als Expertin in eigener Sache war hier die gehörlose Bloggerin Julia Probst mit am Drehbuch beteiligt und konnte ihr Wissen entsprechend einfließen lassen. Auch alle gehörlosen Rollen werden von gehörlosen Schauspielern gespielt. Die Ausstrahlung ist für Ende Januar 2016 geplant.

Europa: Vielfalt im Theater

Schauspiel findet aber natürlich nicht nur im Kino und auf dem Fernsehbildschirm statt. Auch in den Theatern dieser Welt betreten kreative Köpfe mit und ohne Behinderung die Bretter, die für sie die Welt bedeuten. Besonders in Deutschland gibt es im Vergleich zu Film und Fernsehen in den Theatern doch deutlich mehr aktive Schauspieler mit Behinderung – allerdings meist auch in expliziten Theatergruppen, wie etwa das Theater Ramba Zamba oder Theater Thikwa in Berlin. Diese zeigten zuletzt unter anderem auf den Theaterfestivals "Grenzenlos Kultur" in Mainz oder auch bei NO LIMITS in Berlin ihr Können. Am Staatstheater Darmstadt gibt es mit Samuel Koch und Jana Zöll gleich zwei Schauspieler mit Behinderung fest im Ensemble.

Auch im Rest Europas gibt es kleinere und größere Theater, die mit behinderten Schauspielern arbeiten: etwa das Theater HORA in Zürich (Schweiz), das niederländische Theater Maatwerk oder die belgische Theatergruppe Stap. Das DuvTeatern in Helsinki (Finnland) bekam sogar erst kürzlich den Staatpreis für seine langjährige und vorbildliche inklusive Arbeit in der finnischen Theaterszene.

Wenn sich Film und Fernsehen nun also noch an der europäischen Theaterlandschaft ein Beispiel nehmen und sich die Branche insgesamt deutlich mehr der bestehenden Vielfalt unserer Gesellschaft öffnet, dann braucht künftig vielleicht nur noch über gute oder schlechte Produktionen diskutiert werden – unabhängig vom Blickwinkel auf die Behinderung.
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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