Nachgefragt bei Tobias Marczinzik, PIKSL Projektleiter

"Bei PIKSL geht es um den Abbau von digitalen Barrieren"

Der digitale Wandel stellt nicht nur Menschen mit Behinderung vor ein Problem, auch Unternehmen stehen digitalen Barrieren gegenüber, die es zu überwinden gilt. Im PIKSL-Labor wird digitale Inklusion gelebt: Gemeinsam arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung am Abbau digitaler Hürden. Im Interview mit REHACARE.de erläutert Projektleiter Tobias Marczinzik das PIKSL-Konzept.

26.01.2016

Foto: Tobias Marczinzik

Projektleiter Tobias Marczinzik; © PIKSL

Herr Marczinzik, was bedeutet die Abkürzung PIKSL und welche Idee liegt dem Projekt zugrunde?

Tobias Marczinzik: PIKSL steht für "Personenzentrierte Interaktion und Kommunikation für mehr Selbstbestimmung im Leben". Entstanden ist die Idee als Projekt beim Träger "In der Gemeinde leben gGmbH (IGL)", der Menschen mit Lernschwierigkeiten im ambulant betreuten Wohnen und im stationären Bereich unterstützt. Vor sechs Jahren haben unsere Klientinnen und Klienten sich an die Geschäftsführung und unsere Mitarbeiter gewandt, da sie bedingt durch den digitalen Strukturwandel befürchteten, digital abgehängt zu werden. Sie haben uns daher um Unterstützung gebeten und zusammen haben wir uns dann überlegt, wie das Projekt gemeinsam angegangen werden könnte. Dadurch ist das PIKSL-Labor entstanden, hier geht es um digitale Inklusion und den Abbau von digitalen Barrieren. Zudem werden dort neue Produkte und Dienstleistungen gemeinsam mit Kunden nach Maßstäben eines universellen Designs gestaltet.

Wie funktioniert das PIKSL Labor und wer kann daran teilnehmen?

Marczinzik: Das Labor ist ein offener Kommunikationsort in Düsseldorf Flingern. Dort kann jeder hingehen, unabhängig vom Alter oder Berufsstand. Man kann sich dort zu Computerfragen und Neuen Medien beraten lassen, kann Dinge ausprobieren und an Kursen teilnehmen, aber auch gemeinsam mit dem Team vor Ort Problemstellungen bearbeiten. Es sind immer Assistenten und die PIKSL Professionals, Experten im Vereinfachen, vor Ort. Man kann das Labor auch als Think Tank (Denkfabrik) bezeichnen, wo wir uns Gedanken darüber machen, wie digitale Barrieren abgebaut werden können.

Ein Alleinstellungsmerkmal von PIKSL ist, dass wir Menschen mit Lernschwierigkeiten als wahre Experten im Finden von passgenauen Lösungen und im Abbau von Komplexität sehen, weil sie jeden Tag auf Hürden stoßen. Sie kennen Barrieren und entwickeln Lösungen, um diese Barrieren zu umgehen. Darum sitzen Menschen mit Lernschwierigkeiten immer von vornherein mit unseren Forschungs- und Entwicklungspartnern an einem Tisch und bringen ihre Expertise ein.
Foto: Besprechung im PIKSL-Labor
Foto: Senior bekommt ein Tablet erklärt
Foto: Senioren beraten Menschen mit Behinderung
Foto: Ministerin Barbara Steffens am Stand von PIKSL auf der REHACARE
Darüber hinaus bieten Sie inklusive Firmentrainings an. Welche Erfahrungen stehen hier im Vordergrund?

Marczinzik: Bei den Trainings geht es um das gegenseitige Kennenlernen von Menschen mit und ohne Behinderung, mit dem Ziel Vorbehalte aufzulösen. Diese Trainings haben wir beispielsweise schon mit L’Oréal oder der Deutschen Bank absolviert. Uns ist es wichtig, dass die Mitarbeiter der Unternehmen die Lebenswelt von Menschen mit Behinderung kennenlernen und Erfahrungen sammeln. Im Alltag gibt es viele Menschen, die nur wenige Berührungspunkte mit dem Thema Behinderung haben. In den Trainings setzen wir gemischte Teams zusammen, die beispielsweise im Rahmen einer Geocachingaktion ins Quartier gehen und dort gemeinsam Aufgaben lösen. Dadurch entsteht ein Teambuildingprozess in dem sich die Teilnehmer gegenseitig kennenlernen und Sensibilität füreinander entwickeln.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Marczinzik: Zum einen finde ich, dass Inklusion in unserer Gesellschaft sehr stark auf den Bereich der schulischen Inklusion fokussiert und auf dieser Ebene diskutiert wird. Das ist unzureichend, denn Inklusion betrifft beispielsweise auch Bereiche wie Arbeit, Wohnen oder Freizeit. Auf der anderen Seite glaube ich, dass die Diskussion über Behinderungen und Einschränkungen defizitär geprägt ist. Wenn Menschen einander begegnen, sehen sie immer zuerst das, was ihr Gegenüber nicht kann. Das ist problematisch, da ich die Ressourcen und Potenziale des einzelnen übersehe. Ich wünsche mir für eine inklusive Gesellschaft, dass wir die Capabilities in den Vordergrund stellen und von Menschen mit Behinderung lernen.
Mehr über PIKSL unter: www.piksl.net
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Melanie Günther
REHACARE.de