"Bei meiner Orientkreuzfahrt mit der Costa Fortuna war alles perfekt"

Interview mit Jenny Bießmann

Jenny Bießmann studiert, arbeitet und lebt in Berlin. In ihrer Freizeit ist sie aktives Mitglied im Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz (NITSA e.V.). Sie lebt mit Spinaler Muskelatrophie. In ihrem Elektro-Rollstuhl hat sie schon viel von der Welt gesehen. REHACARE.de sprach mit ihr über ihre Erfahrungen auf Reisen und ihre Wünsche an die Tourismusbranche.

02.05.2016

Foto: Jenny Bießmann; Copyright: privat

Jenny Bießmann; © privat

Frau Bießmann, wohin und wie reisen Sie am liebsten?

Jenny Bießmann: Am liebsten fliege ich in Länder, in denen es warm ist, also alles südlich von Österreich.Das Flugzeug ermöglicht es mir, schnell am Urlaubsort zu sein, auch wenn ich dann immer etwas in Sorge bin, ob der E-Rolli auch heil ankommt.Eines meiner Lieblingsländer ist die Türkei. Hier war ich bereits schon 27 Mal. Das 28. Mal ist für Ende Mai geplant. Dort ist es schön warm, die Menschen sind sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Auch die Hotels sind, für meine Bedürfnisse, barrierefrei genug und ich kann an der Strandpromenade von Side lange Strandspaziergänge machen.

Was ist für Sie das Wichtigste auf Reisen?

Bießmann: Die Unterkunft muss barrierefrei sein, also stufenlos und mit einer ebenerdigen Dusche. Im Land selbst muss ich die Möglichkeit haben, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Taxi problemlos von A nach B zu kommen.

Von der Buchung über die Anreise bis hin zur Unterkunft und der Situation vor Ort – da können sich einige Stolperfallen ergeben. Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?

Bießmann: Ich buche Flug und Hotel immer über Internetseiten. Anschließend teileich dann der jeweiligen Unterkunft explizit mit, dass ich ein behindertengerechtes Zimmer benötige. Dies ging bisher immer problemlosund kostete mich auch nicht mehr als einen Menschen ohne Behinderung. Auch bei der Anreise lief bisher immer alles gut. Mein E-Rolli ist immer ohne Defekt angekommen. Deshalb sind meine Erfahrungen mit dem Fliegen durchweg positiv. Das gleiche gilt auch für die Unterkünfte. Über die Möglichkeiten vor Ort kann ich bisher auch nicht wirklich klagen – ob auf europäischem Boden in Barcelona, Amsterdam oder am Bodensee oder auch in Asien beziehungsweise im Orient. Die Busse sind behindertengerecht und die meisten Sehenswürdigkeiten auch.

Foto: Jenny Bießmann vor einem Kreuzfahrtschiff; Copyright: privat

Eine Kreuzfahrt mit der Costa Fortuna würde Jenny Bießmann wieder machen wollen; © privat

In welchen Ländern haben Sie besonders gute oder schlechte Erfahrungen gemacht?

Bießmann: Bei meiner Orientkreuzfahrt mit der Costa Fortunawar alles perfekt. Die Reederei Costa Kreuzfahren ist die einzige, wo Menschen mit Behinderung, die ein B (für Begleitung) im Ausweis stehen haben, ihre Assistenz oder Begleitung kostenlos mitnehmen können. Und in Dubai ist die Metro hundertprozentig barrierefrei. Es gibt barrierefreie Taxen und die Sehenswürdigkeiten sind auch für Menschen mit Rollstuhl problemlos zu besuchen.Ich war von der Kreuzfahrt so begeistert, dass ich mir definitiv vorstellen kann, 2017 so die Karibik zu bereisen.

Was erwarten Sie von der Reise- und Tourismusbranche?

Bießmann: Es sollte in den Internetportalen immer direkt angezeigt werden, ob es behindertengerechte Zimmer gibt. Und wenn es diese gibt, sollten diese keine Extrakosten verursachen!Der Transfer vom Flughafen zum Hotel sollte auch problemlos buchbar und für Menschen mit E-Rollstuhl nutzbar sein. Außerdem sollte es nicht so teuer sein.

Ich wünsche mir und fordere, dass die Fluglinien endlich eine Möglichkeit schaffen, dass Menschen mit Assistenzbedarf auch auf das WC gehen können – also dass zum Beispiel eine Liege vorhanden ist.Und für die ferne Zukunft wünsche ich mir, dass ich mich beim Fliegen nicht mehr umsetzen muss, sondern in meinem E-Rollstuhl den Flug bestreiten kann.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de

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