Nachgefragt bei Dagmar Marth, Unfallkrankenhaus Berlin

"Beim Peer Counseling bestimmen die Bedürfnisse des Patienten den Gesprächsverlauf"

Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert in Artikel 26 Unterstützung für Menschen mit Behinderung in Form von sogenannten Peers, die ebenfalls in ihrer Situation sind. Das Prinzip des Peer Counselings wird daher immer mehr umgesetzt. Auch die Dipl. Pädagogin Dagmar Marth berät seit neun Jahren sowohl ehrenamtlich als auch professionell Menschen mit Amputationen. REHACARE.de sprach mit ihr über das Projekt Peers im Krankenhaus (PiK).

28/04/2015

Foto: Dagmar Marth; Copyright: Silvia von Eigen

Dagmar Marth; © Silvia von Eigen

Frau Marth, wie entstand die Idee zu Peers im Krankenhaus?

Dagmar Marth: Die initiale Idee zu Peers im Krankenhaus kam von Dr. Eckhard von Hirschhausen. Bei einem Treffen zum Sommerfest des Bundespräsidenten mit verschiedenen Interessenvertretern der Gesundheitswirtschaft und Ärzte kam er auf die Idee, eine Initiative zum Thema Peers durch seine Schirmherrschaft zu unterstützen. Im Verlauf der letzten zwei Jahre wurde eine solche Arbeitsgruppe mit Vertretern der AOK, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, des Bundesverbandes für Menschen mit Arm- oder Beinamputation e.V., des Unfallkrankenhauses Berlin (ukb) und der bereits seit einigen Jahren im ukb tätigen Peer-Beraterin gegründet. Die erste Fortbildung für Peers im Krankenhaus wurde gemeinsam in Kooperation mit den Partnern vorbereitet und fand im November 2014 statt.


Und wie läuft so ein Gespräch ab?


Marth: Die Peer-Gespräche finden in der Klinik im Krankenzimmer oder in angemessener, geborgener Umgebung statt. Die Bedürfnisse und Fragen des Patienten bestimmen den Gesprächsverlauf und die Inhalte.

Jeder Patient bewältigt und verkraftet eine Amputation anders und in Abhängigkeit vieler Faktoren. Man sollte niemals vergleichen, was der eine oder der andere besser oder schlechter kann. Faktoren, die die Bewältigung einer Amputation beeinflussen, sind beispielsweise das Alter des Betroffenen, die Amputationshöhe und -art oder der frühere Beruf. Ein Geiger beispielsweise, dem zwei Finger amputiert werden müssen, steht vor einer völlig anderen Lebenssituation als ein Apotheker, der seinen Beruf weiter ausüben kann. Die Anpassung an die neue Lebenssituation hängt weiter von den persönlichen Ressourcen und der Persönlichkeitsstruktur des Patienten ab. Auch ist von Bedeutung, wie die Familie und die Angehörigen mit dem Ereignis umgehen, denn die Familie ist eine fundamentale Stütze für die meisten Betroffenen. Diese vielfältigen Komponenten nehmen Einfluss auf den Bewältigungsprozess von Amputationen und die damit verbundenen psychischen und sozialen Folgen.
Foto: Patient, Dr. Melissa Beirau und Dagmar Marth; Copyright: ukb

Dagmar Marth: "Du sagst, ich müsse es anderen zugestehen, dass sie schockiert sind, wenn sie mich sehen. Deine Worte sind scharf wie ein Dolch, der mich trifft. Du lässt dich täuschen, von dem, was dein Auge sieht. Sieh mit dem Herzen, dann siehst du mich"; © ukb

Dem Ratsuchenden gehört die "Bühne", das heißt der Betroffene bestimmt aus seiner persönlichen Situation heraus mit seinen Fragen die Gesprächsinhalte. Die Klinikgespräche finden in der Regel bis zu drei Mal während eines Klinikaufenthaltes statt und sind ein ehrenamtliches Angebot. Auch in der Prothesen-Rehabilitation im Unfallkrankenhaus Berlin werden Gesprächsrunden angeboten. Peer Counseling kann außerdem, je nach Bedarf des Betroffenen, auch professionell in Anspruch genommen werden.

Welche positiven Effekte kann das Peer-Gespräch nach Amputationen von Gliedmaßen auf den Patienten haben?

Marth: Ziel des Counselings ist es, von Amputation betroffene Menschen zu motivieren, zu unterstützen und zu aktivieren, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Man spricht hier von Empowerment, einem "stark machen" für das Leben. Anteilnahme, echte Zuwendung, bedingungsfreie Wertschätzung, Empathie und aktives Zuhören sind Säulen der Gespräche. Die Peer-Gespräche sollen dem Betroffenen im Bewältigungs- und Anpassungsprozess an die neue Lebenssituation und die neue Körpererfahrung und die damit verbundenen physischen, psychischen und sozialen Folgen unterstützen.

"Das wichtigste Element beim Peer Counseling ist das Beispiel eines anderen, mit dem ich mich gleichstellen kann. Das Vorbild eines Kollegen gibt einen eindrucksvolleren und nachhaltigeren Effekt als der Einsatz der besten nichtbehinderten Experten", sagt Sigrid Arnade. Der Peer hat durch eigene Erfahrungen und die Bewältigung der eigenen Lebenssituation Konzepte, Problemlösungsmöglichkeiten und Strategien entwickelt, die Nicht-Betroffene nicht haben können. Peers können aus diesem Grund andere Betroffene leichter verstehen, wodurch sich der Ratsuchende besser angenommen fühlt – "... der weiß, wie es mir geht!". Dadurch ist eine Ebene der Vertrauens- und Glaubwürdigkeit gegeben.

Die Vorteile der Peer-Beratungen sind Vorbildwirkung, der gleichberechtigte Kontakt zwischen Peer und Patient, das Verständnis aus der gemeinsamen Erfahrung heraus und ein Informationsvorsprung des Peers. Auch im Prozess der Prothesenanpassung kann der Peer unterstützen und Tipps und Strategien weitergeben. Manche Betroffene wissen nicht, dass sich der Prothesenanpassungsprozess mitunter langwierig gestalten kann, da sich der Stumpf anfangs immer wieder verändert. Der Peer kann die möglichen emotionalen Folgen der Amputation wie Schuld- oder Schamgefühle, Selbstwertverlust, Ängste, wie die vor den Reaktionen der Umwelt oder Zukunftsängste, besser verstehen.
Foto: Patient Martin Malicki, Dagmar Marth beim Peergespräch; Copyright: ukb

Peergespräche sollen Patienten dabei helfen, eine Amputation besser zu verarbeiten; © ukb

Es ist ein Unterschied, ob man hier über gemeinsame Erfahrung verfügt, oder ob man nur darüber erzählen kann. Der Unterschied liegt darin, ob sich der Patient angenommen fühlt, so wie er ist, oder ob er sich in der neuen Situation allein fühlt. Netzwerke auszubauen und zu nutzen – durch die Weitervermittlung zu Selbsthilfegruppen – ist ebenso von Bedeutung wie die Einzelberatungen.

Inwiefern ist geplant das Projekt weiter auszubauen und deutschlandweit zu etablieren?

Marth: Die nächste PiK-Fortbildung ist am 13. und 14. November 2015 geplant. Die aktuelle Initiative PiK fokussiert die Beratung von Betroffenen mit traumatischen Amputationen. Geplant ist jedoch, dieses Projekt auf andere Krankheits- und Verletzungsgebiete auszudehnen, beispielsweise auf Rückenmarksverletzte. Langfristig sollen im gesamten Bundesgebiet Peer-Berater zur Verfügung stehen.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Marth: Inklusion bedeutet für mich, Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten, Potentiale und Talente zu fördern und ihnen die gleichberechtigte Teilhabe am Leben in unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Das ist ein großartiges Ziel. Inklusive Schulen, inklusive Arbeitsplätze oder inklusive Freizeitangebote sind beispielhaft, um den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung Rechnung zu tragen. Dennoch haben es Menschen mit einer Behinderung in unserer Gesellschaft immer noch schwer beispielsweise einen Arbeitsplatz zu finden. Von Behinderung Betroffene brauchen für die Verrichtung alltäglicher Dinge mehr Kraft, mehr Zeit oder Assistenz. Sie bedürfen der Förderung und Unterstützung durch die Gemeinschaft. Ausschlaggebend im Prozess der Inklusion ist, zu beachten und zu erforschen, welche Bedürfnisse, welche Fähigkeiten, Potentiale und welche Grenzen von Behinderung betroffene Personen haben, um beispielsweise einen angemessenen Arbeitsplatz zu schaffen oder entsprechende Freitzeitangebote. Die Arbeit von Menschen mit Behinderung sollte dieselbe Anerkennung, Akzeptanz und Bezahlung finden wie die von Menschen ohne Behinderung. Die Diskussion um das Recht auf gleiches Einkommen und Sparen auch für Menschen mit Behinderungen ist nicht beendet. Auch hier muss Inklusion stattfinden.


Mehr über Peers im Krankenhaus unter: www.peers-im-krankenhaus.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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