"Bisher wird Sexualassistenz nicht finanziell vom Staat unterstützt"

Wenn Menschen mit Behinderung Beziehungen miteinander führen, möchten sie ihre Liebe auch körperlich ausleben. Doch nicht jedem Paar ist dies uneingeschränkt möglich. Sexualassistenten können dann eine Lösung sein.

02.11.2015

Foto: Katja

Katja: "Ein selbstbestimmtes Leben macht für mich aus, dass ich meine eigenen Ziele so verfolge und erreiche, wie ich es mir vornehme"; © privat

Katja und ihr Freund Tim haben sich für diese Alternative entschieden. REHACARE.de sprach mit ihr über intime Momente und ihren offenen Umgang mit diesem Thema.

Sie und Ihr Partner nehmen die Dienstleistungen von Sexualassistenten in Anspruch. Wie kann man sich das vorstellen?

Katja: Wenn ich meinen Freunden oder Bekannten die Sexualassistenz erkläre, sage ich immer, dass die Sexualassistenz die Kraft in unseren Händen ist. Wir sind beide nicht in der Lage, unsere Hände und unsere Körper zu bewegen. In den zwei Stunden, die wir uns einmal im Monat leisten können, ist es uns möglich, uns überall in erotischer Hinsicht anzufassen, weil unsere Sexualassistenten unsere Hände nehmen und diese dort hinführen kann, wo wir es uns in dem Moment wünschen. Wenn sich mein Partner bestimmte Berührungen von mir wünscht, lege ich meine Hand dort hin und die Sexualassistentin legt ihre Hand um oder auf meine, um für mich die Bewegungen und beispielsweise den Druck von außen auf meine Hand auszuüben. Grundsätzlich ist mir das zwar auch alleine möglich, allerdings ist es sehr kräftezehrend für mich.

Die beiden Assistenten bringen uns außerdem in jegliche Stellungen, die wir uns wünschen und übernehmen auch die rhythmischen Bewegungen nach unseren Anweisungen und Vorstellungen. Bei den verschiedenen Stellungen ist uns außerdem häufig der Lifter behilflich. Der Lifter ist eigentlich ein Hilfsmittel, damit meine Assistenzen mich problemlos umsetzen können. Und ja, er sieht eigentlich fast so aus wie eine Sexschaukel. Wenn ich also oben sein möchte, dann hänge ich mich in den Lifter. Und wenn mein Freund über mir sein möchte, dann hängt er sich hinein. Mit viel Kreativität und Fantasie ist eigentlich so ziemlich jede Stellung möglich. Manchmal sieht es vielleicht so aus wie Kamasutra.

Wie fühlt es sich für Sie beide an, dass Sie in so intimen Momenten nicht alleine sind?

Katja: Am Anfang war es sehr komisch! Und es gibt immer noch Momente, in denen ich mir zum Beispiel denke: "Wenn die beiden Sexualassistenten jetzt nicht da wären, dann würde ich dies und das zu meinem Tim sagen". Wobei die beiden absolut gar nichts dagegen einzuwenden hätten, im Gegenteil sie befürworten das. Aber irgendwie komme ich mir dann albern vor, wenn wir nicht alleine sind. Das lernen wir sicherlich aber auch noch. Ansonsten kann ich mich mittlerweile ganz gut fallen lassen und alles andere um mich herum ausblenden.

Unsere Sexualassistenten sind mittlerweile auch ein wichtiger Bestandteil unserer Beziehung: Durch sie können wir uns näher kommen und unser Sexualleben entfalten und ausleben. Das Beste an den beiden ist, dass sie wirklich offen für alles sind und ich das Gefühl habe, dass ich jeden Wunsch und jede Art von Vorliebe äußern kann, ohne dass es mir peinlich zu sein braucht. Denn nur dann kann man sich wirklich fallen lassen und jemanden in solch einem intimen Moment herein lassen.
Foto: Katja und Tim

Um ihre Liebe füreinander komplett ausleben zu können, benötigen Katja und Tim die Unterstützung von Sexualassistenten; © privat

Sie beide sind jung und möchten Ihre Liebe ausleben. Wie wichtig ist Ihnen dabei die Sexualität?

Katja: Sexualität ist mir sehr wichtig. Ich kann mir eine Beziehung ohne Sex überhaupt nicht vorstellen. Sex ist für mich nicht einfach nur ein Weg, meine Triebe zu befriedigen, wobei das natürlich ein wichtiger Aspekt ist. Beim Sex kann ich meine Liebe und meine Leidenschaft zu meinem Partner zum Ausdruck bringen; es ist eine weitere Möglichkeit mich komplett fallen zu lassen. Seit dem Sex mit Tim fühle ich mich um einiges attraktiver, begehrenswerter und weiblicher. Sex hat einen positiven Einfluss auf das eigene Selbstwertgefühl. Beim Sex fühle ich mich Tim einfach so nah, ich liebe dieses Gefühl – denn dann sind wir irgendwie eins.

Diese Leistungen sind für Sie ja nicht kostenlos. Was bezahlen Sie für ein paar Stunden, in denen Sie Ihre Liebe ausleben?

Katja: Wir können uns im Monat nur zwei Stunden Sex leisten. Das kostet uns circa 360 Euro – aber auch nur, wenn wir zu unseren Sexualassistenten fahren. Bei uns zu Hause würde uns das 460 Euro kosten. Wir teilen uns den Betrag monatlich. Das Geld ist aus eigener Tasche, was für uns bedeutet, dass wir dafür auf einiges verzichten müssen.

Gibt es keinerlei rechtliche Schlupflöcher, um dafür staatliche Unterstützung zu erhalten?

Katja: Nein. Bisher wird die Sexualassistenz nicht finanziell vom Staat unterstützt. Allerdings könnte man einen 'formlosen Antrag' stellen, der aber sicherlich abgelehnt wird, da es eben keinerlei Anrechte auf Sexualassistenz gibt. Eventuell könnte man noch auf einen Ausnahmefall plädieren, der allerdings weitere Prozesse nach sich ziehen würde.
Foto: Katja und Tim

Die Sexualassistenten sind ein Stück weit zu einem Teil der Beziehung von Katja und Tim geworden; © DW/C. Machhaus

Sowohl in Ihrem Blog als auch in Interviews wie diesem gehen Sie sehr offen mit Ihren Erfahrungen um. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Katja: Sex gehört für mich zu den schönsten Dingen der Welt! Ich bin in einer Beziehung und so ist das Thema Sex noch präsenter. Dadurch, dass wir aufgrund unserer Behinderung 24 Stunden auf Assistenz in jeglichen Situationen angewiesen sind, müssen wir offen über das Thema Sex reden, um auch in diesem Bereich Assistenz zu bekommen. Zum Anderen glaube ich, dass es viele Menschen mit Behinderung gibt, die vielleicht denken, dass das Ausleben der eigenen Sexualität nicht möglich ist, weil eventuelle Hürden bestehen. Ich würde mir einfach wünschen, dass die Menschen, die meinen Blog oder dieses Interview lesen, ihren Weg finden, um ihr eigenes Sexualleben ausleben zu können. Des Weiteren wünsche ich mir, generell alle Menschen aufzuklären und vielleicht ein Stückchen dazu beizutragen, dass der Gedanke, dass Menschen mit Behinderung asexuelle Wesen sind, in unserer Gesellschaft verschwindet.
Mehr über Katja unter: www.einfach-katja.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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