"Das italienische Bildungssystem ist für Schüler und Studierende mit Behinderung ein Traum"

Interview mit Andrea Schöne, Studentin

Italien genießt einen sehr guten Ruf, wenn es um die Umsetzung von Inklusion und Barrierefreiheit geht. Für viele gilt beispielsweise das italienische Schulsystem als eines der inklusivsten weltweit. Das ist auch einer der Gründe, warum sich Studentin Andrea Schöne dazu entschloss, zwei Semester an der Universität Bologna in der Zweigstelle Forlì zu studieren.

01.03.2016

Foto: Andrea Schöne; Copyright: privat

Andrea Schöne; © privat

Ihr Studienschwerpunkt ist Internationale Politik und sie reist gerne und viel. Dabei nutzt sie für längere Strecken ein Dreirad. Die 22-Jährige ist kleinwüchsig, sie lebt mit Pseudoachondroplasie. REHACARE.de sprach mit ihr über ihre ersten Eindrücke und Erfahrungen während ihres Auslandsaufenthaltes.

Frau Schöne, Sie studieren im Rahmen des Erasmus-Programmes momentan zwei Semester in Italien. Wie gehen die Italiener mit Menschen um, die wie Sie eine sichtbare Behinderung haben?

Andrea Schöne: Nach meinen Beobachtungen gehen die Italiener viel natürlicher und offener mit einer sichtbaren Behinderung um. Schon gleich am Anfang fühlte ich mich nicht so angestarrt. Einmal, als ich mit meinem Dreirad Probleme hatte einen Bürgersteig hochzukommen, ist ein Besitzer aus seinem Geschäft gegenüber der Straße zu mir gelaufen und hat mir geholfen. Die Bereitschaft zu helfen ist hier schon größer als in Deutschland – auch wenn ich beispielsweise beim Einkaufen Produkte in den Regalen nicht erreichen kann. Im Supermarkt in meiner Nähe gibt es sogar ein Schild, das besagt, dass Rollstuhlfahrer und ältere Menschen Vortritt haben.

Ich sehe außerdem jeden Tag Menschen mit sowohl körperlicher als auch sogenannter geistiger Behinderung auf der Straße und im öffentlichen Leben. Erst vor Kurzem kam mir ein Elektrorollstuhlfahrer in meiner Universität entgegen. Das ist an deutschen Universitäten nicht unbedingt der Fall.

Wie empfinden Sie als Studentin das Bildungssystem in Italien?

Schöne: Das italienische Bildungssystem ist für Schüler und Studierende mit Behinderung ein regelrechter Traum. Seit 1978 gibt es in Italien keine Sonderschulen für behinderte Menschen mehr. Ich habe in Bologna und Forlì bereits Schulen gesehen, die extra Rampen für Rollstuhlfahrer angebracht haben, so dass die Schüler das Schulhaus nicht über den Hintereingang betreten müssen. Vor meinem Studium habe ich in Bologna einen Sprachkurs gemacht, um meine Italienischkenntnisse zu verbessern. Dabei habe ich mich mit den Angestellten unterhalten und ihnen erzählt, dass ich in Deutschland so große Probleme hatte, auf eine normale Regelschule gehen zu dürfen. Das konnten sie gar nicht nachvollziehen.

Ich habe auch mit vielen weiteren italienischen Bekannten darüber gesprochen und auch diese waren sehr verwundert, dass das in Deutschland so schlecht funktioniert. Viele von ihnen hatten Mitschüler mit einer Behinderung in ihrer Klasse und wirken für mich daher behinderten Menschen gegenüber viel aufgeschlossener. Auch die Universität Bologna in der Zweigstelle Forlì ist übrigens sehr gut ausgestattet: Zum einen ist das Gebäude der Politikwissenschaft komplett barrierefrei und jeder Raum für mich über einen Aufzug erreichbar. Zum anderen gibt es in jedem Vorlesungssaal ausgesparte Plätze für Rollstuhlfahrer mit einem Tisch, den man dazustellen kann. Meine Universität in Deutschland ist leider nicht so gut ausgestattet.

Foto: Andrea Schöne am Strand; Copyright: privat

Andrea Schöne weiß recht genau, wie es in Zukunft für sie weitergehen soll: "Mein Wunsch ist es, nach meinem Studium als Auslandsjournalistin zu arbeiten und auf Missstände in Bezug auf Inklusion hinzuweisen"; © privat

Inwiefern sind Sie bis jetzt auf Barrieren gestoßen?

Schöne: Bauliche Barrieren gibt es in Italien natürlich auch – beispielsweise, wenn Rampen zu steil sind oder sich eine Stufe vor einem Geschäft befindet. Allerdings bekommt man immer sehr schnell Hilfe. Was mich sehr beeindruckt und gleichzeitig verärgert hat, ist die Tatsache, dass der Bahnhof von Forlì, der mit zwei Gleisen wirklich sehr klein ist, komplett barrierefrei ist. Die Aufzüge wirken ebenfalls so als wären sie bestimmt schon seit zehn Jahren dort eingebaut. In meiner Heimatstadt Ingolstadt, die genauso viele Einwohner wie Forlì hat, wurde erst vor etwa vier Jahren alles barrierefrei umgebaut. Dabei ist der Bahnhof von Ingolstadt aber deutlich größer.

Also ist das Bewusstsein für bauliche Barrieren schon etwas stärker ausgeprägt in Italien?

Schöne: Ja, zumindest habe ich diesen Eindruck bis jetzt. Aber ich habe dann doch noch eine Barriere in den Köpfen der Menschen mitbekommen: das Bestehen auf Verordnungen und bestimmten organisatorischen Vorbereitungen. Auch in Italien müssen Zugfahrten für Rollstuhlfahrer, die Hilfe benötigen, vorher angemeldet werden. Da ich mich in der italienischen Bürokratie nicht auskenne und lediglich jemanden brauchte, der mein Gepäck und Dreirad in den Zug hineinheben würde, hatte ich mich nicht weiter darum gekümmert. Zwei Grenzpolizisten und Mitarbeiter der Bahn fanden das nicht so gut und wollten meinen Erklärungen gar nicht zuhören. Stattdessen wurde ewig herumtelefoniert, damit jemand kommt, um mir zu helfen. Sowas passiert mir in Deutschland beim Zugfahren allerdings ständig – sogar, wenn ich mit Begleitung unterwegs bin.

Foto: Andrea Schöne vor den Stufen zum Universitätsgebäude; Copyright: privat

Andrea Schöne fühlt sich an der italienischen Universität wohl. "Ausgeschlossen wurde ich nie! Man hat mir mein Dreirad beispielsweise völlig selbstverständlich in den vierten Stock getragen, damit ich auch an einer Party teilhaben konnte"; © privat

Was zeichnet Italien besonders aus im Hinblick auf Inklusion?

Schöne: Ich denke, dass vor allem das bereits erwähnte inklusive Schulsystem Italien so auszeichnet. Und was mir besonders positiv auffällt: Ich fühle mich endlich einmal nicht mehr wie ein Alien, ein Wesen aus einer anderen Welt. Hier falle ich mit meiner Behinderung wegen dem Dreirad zwar immer noch auf, aber bei weitem nicht so extrem wie in Deutschland.

Ein direkter Vergleich zwischen Italien und Deutschland – wie fällt Ihr Urteil aus?

Schöne: Von der Einstellung der Menschen her und der Gesetzeslage würde ich Italien deutlich besser bewerten. Hier sind die Menschen insgesamt viel offener. Auf der anderen Seite sind das jetzt die Eindrücke von ungefähr einem halben Jahr und ich habe auch nicht in jeden Lebensbereich einen Einblick gewinnen können. Wie es in der Arbeitswelt oder mit Versicherungen aussieht, kann ich beispielsweise nicht beurteilen. Was ich mir in Deutschland sehr wünschen würde, wäre einfach mal mit Ländern verstärkt zusammenzuarbeiten, die bereits seit Jahren Inklusion, etwa in der Bildung, umsetzen – und nicht ständig etwas neu erfinden zu wollen.

In Deutschland hat sich im Vergleich der letzten Jahre natürlich schon auch vieles zum Positiven verändert. Es wäre also unfair zu sagen, dass die Deutschen nicht willig sind etwas zu ändern. Ich habe sehr viele gute Freunde, die keine Behinderung haben und mir gegenüber sehr offen sind und mir auch helfen, wenn es nötig ist. Ich würde Deutschland in Sachen Offenheit trotzdem hinter Italien stellen. Ich schätze durch das inklusive Schulsystem sind die Italiener an behinderte Menschen in ihrem Alltag viel mehr gewöhnt und können daher auch besser mit ihnen umgehen.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

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Nadine Lormis
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