"Die Schauspielbranche muss sich für Menschen mit Behinderung öffnen"

Interview mit John Patrick Garth, Schauspieler

Ob Theaterbühne oder Fernsehkamera – John Patrick Garth fühlt sich wohl, wenn er in die Rolle anderer Personen schlüpfen kann. Er ist Schauspieler mit Leib und Seele. Trotzdem ist er bei einem Vorsprechen nicht immer die erste Wahl. Denn: Als Schauspieler mit einer Spastik wird ihm oft wenig zugetraut.

01.12.2015

Foto: John Patrick Garth; Copyright: Johannes Mairhofer

John Patrick Garth; © Johannes Mairhofer

REHACARE.de sprach mit ihm über seinen Weg zum ausgebildeten Schauspieler und den unterschiedlichen Umgang mit seiner Behinderung in Deutschland und den USA.

Herr Garth, Sie haben sich nach dem Schulabschluss für eine Ausbildung als Schauspieler entschieden. Wie ist es Ihnen in der Bewerbungsphase ergangen?

John Patrick Garth: Ich habe mich nach dem Abitur an 45 Schauspielschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz beworben. Doch die Standardantwort lautete immer wieder: "Du bist gut, aber wir können dich aufgrund deiner Behinderung nicht ausbilden".

Bei einer privaten Schauspielschule in München gab es eines Abends eine Open Night, bei der ich Kontakte knüpfen konnte. 2001 fing ich dort meine Ausbildung an. Allerdings ging die Schule nach drei Monaten insolvent. Ich versuchte es noch bei einer anderen und wurde dort angenommen. Doch nach etwa einem Jahr merkte ich, dass es mir nichts mehr brachte. Also ging ich in die USA und setzte dort meine Ausbildung fort.

Welche Unterschiede zu Deutschland sind Ihnen dort aufgefallen?

Garth: In L.A. beziehungsweise in den USA bezeichnet sich eigentlich jeder Kellner oder Klempner als Schauspieler. Erzählt man jemandem: "Ich bin Schauspieler", wird man in Deutschland gefragt: "Geht das denn mit deiner Behinderung?". In den USA heißt es in der Regel: "Cool, erzähl mehr." Konkurrenz und Neid sind in Deutschland sehr ausgeprägt. In den USA bekommt man von anderen Schauspielern auch wohlwollend Hinweise, wenn irgendwo Vorsprechen stattfinden. Kreative Arbeit scheitert in Deutschland oft an der Umsetzung, weil die Deutschen immer Angst haben, dass es schiefgehen könnte. Scheitern ist in den USA nichts Schlimmes.

Außerdem musste ich mir in Deutschland einen dicken Panzer gegen unangemessene Bemerkungen zulegen. In den USA ist das genau zwei Mal passiert, dass ich auf meine Behinderung angesprochen wurde – und das war in beiden Fällen von Deutschen.

Die Schauspielerei und Ihre Behinderung sind für Sie kein Widerspruch. Warum genau?

Garth: Ein kleines Beispiel: Ich war bei einem Casting in einem Theater für die Rolle von Shakespeares Richard, dem Dritten. Es hieß allerdings ich sei "zu behindert für diese Rolle". Dabei war die Rolle doch aber mit einer körperlichen Behinderung im Drehbuch skizziert. Diese Voraussetzung erfüllte ich – eben aufgrund meiner Behinderung. Ein nicht-behinderter Schauspieler muss sich darauf konzentrieren, diese Behinderung noch zusätzlich in die Rolle einfließen zu lassen. Aber ich bringe es mit und kann mich so hundertprozentig auf den Rest der Rolle konzentrieren. Da frage ich mich schon: Warum wurden nicht-behinderte Schauspieler für eine behinderte Rolle besetzt? Diese müssen sich das ja erst aneignen. Das wirkt sich auch auf das eigene Spiel aus, weil es Konzentration erfordert. Wenn wir realistisch sind, ist es beispielsweise für nicht-behinderte Menschen fast unmöglich, überzeugend einen Menschen mit Down-Syndrom zu spielen.
Foto: John Patrick Garth auf der Theaterbühne; Copyright: privat

"Ich finde es wichtig als Schauspieler über den persönlichen Tellerrand hinaus zu schauen. Denn nur so wird das eigene Schauspiel noch reicher und vielfältiger", sagt John Patrick Garth; © privat

Also liegt das eigentliche Problem bei denen, die casten und Rollen besetzen?

Garth: Im Prinzip, ja. Filmemacher sollten generell mehr behinderte Rollen ins Drehbuch einbauen, ohne dass dabei die Behinderung im Vordergrund steht. Beispielsweise kann auch ein Staatsanwalt, Richter oder ein Bankangestellter eine Behinderung haben. Aber Regisseure sagen dann meist: "Das müssen wir aber den Zuschauern erklären." Das glaube ich allerdings nicht! Die Zuschauer werden oft unterschätzt. Die Schauspielbranche sollte sich mehr öffnen und auch Menschen mit Behinderung gezielt suchen oder ihnen bei Castings zumindest eine realistische Chance geben – für jede Art von Rolle, egal ob mit oder ohne Behinderung.

Haben Sie im Laufe Ihres Werdegangs Zweifel an Ihrem Weg gehabt?

Garth: Wenn man bei 45 Vorsprechen rausfliegt, fragt man sich natürlich schon zwischendurch, ob das der richtige Weg ist. Man fragt sich, ob die anderen, die Zweifler, nicht vielleicht doch Recht hatten. Es ist als Schauspieler mit Behinderung zwar nicht einfach, aber ich rate trotzdem allen, die wirklich dafür leben, es zu versuchen.

Was wäre Ihre absolute Traumrolle und warum?

Garth: Eigentlich habe ich da gar keine besonderen Vorstellungen. Ich möchte Rollen und Charaktere spielen, die Ecken und Kanten haben. Das ist mir wichtig. Ich will mir die Figur erarbeiten. Aber egal welche Rolle es dann wäre, meine Behinderung stellt einfach eine zusätzliche Facette und Färbung der Figur dar. Nicht mehr und nicht weniger.
Mehr über John Patrick Garth unter: www.jpgarth.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Nadine Lormis
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