"Die Zahl der älteren Drogenabhängigen mit Pflegebedarf wird erheblich ansteigen"

Darauf ist die Pflege bis jetzt nicht vorbereitet: Drogenabhängige Menschen werden inzwischen viel älter als bisher angenommen. Gleichzeitig setzen viele eigentlich altersbedingte Einschränkungen bei ihnen deutlich früher ein. Das stellt die pflegerische Versorgung vor neue Herausforderungen.

01/09/2015

Foto: Prof. Dr. Dipl.-Psych. Tanja Hoff

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Tanja Hoff; © KatHO NRW

Prof. Dr. Dipl.-Psych. Tanja Hoff vom Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen ist Leiterin des Projektes „Alters-CM3“. REHACARE.de sprach mit ihr über die Ziele des Projektes und die Pflege von älteren Drogenabhängigen.

Frau Prof. Hoff, das auf drei Jahre angelegte Projekt "Alters-CM3" läuft nun fast ein Jahr. Was konnten Sie in den letzten zwölf Monaten bereits erreichen?

Prof. Tanja Hoff: In den vergangenen zehn Projektmonaten wurden einerseits die notwendigen Netzwerkstrukturen des Projekts aufgebaut und intensiviert. Ein zentrales Arbeitspaket war die Entwicklung und Erhebung einer standardisierten Befragung der Zielgruppe zu psychischen, körperlichen und sozialen Belastungen, die in den drei Regionen Koblenz, Frankfurt am Main und Köln/Düsseldorf mit 108 Probanden nun fast abgeschlossen werden konnte. Im Vergleich zu früheren Studien bei älteren Drogenabhängigen, die vorrangig qualitativ ausgerichtet waren, basiert unsere Erhebung weitgehend auf standardisierten Testinstrumenten, so dass auch erstmals eine adäquate quantitative Aussage über Belastungsformen und -ausmaß getroffen werden kann.

Im Weiteren wurde eine erste quantitative Netzwerkanalyse der Kooperation beteiligter Dienste entwickelt und erprobt; dies wird ein wesentliches Arbeitspaket des nächsten Projektjahres sein, dies weiterzuentwickeln und zur Förderung einer vernetzten ambulanten Versorgung älterer Drogenabhängiger zu nutzen.

Ebenfalls in der Entwicklung befindet sich ein umfangreiches Weiterbildungsmodell zum zielgruppenspezifischen Case Management, das federführend von unserem Projektverbundpartner, der Hochschule Koblenz, unter Leitung von Prof. Dr. Martin Schmid bearbeitet wird.

Wie sieht der Versorgungsbedarf von älteren Drogenabhängigen aus?

Hoff: Menschen, die von illegalen Drogen wie Heroin abhängig sind, werden in Deutschland heute deutlich älter, als dies früher angenommen wurde. Eine Ursache hierfür ist die Substitutionsbehandlung und die insgesamt gut ausgebaute medizinische und psychosoziale Versorgung Drogenabhängiger. Allerdings geht damit auch eine Verschiebung der Problemlagen einher. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass ältere Drogenabhängige nicht nur in erheblichem Ausmaß gesundheitlich und psychosozial belastet sind, sondern auch früher als andere von altersbedingten Problemen wie Mobilitätseinbußen und Pflegebedarf betroffen sind.

In den nächsten Jahren wird die Zahl der älteren Drogenabhängigen mit Pflegebedarf und alterskorrelierten Erkrankungen erheblich ansteigen. Für häusliche Pflege fehlt in den meisten Fällen das erforderliche familiäre Umfeld. Die somatische und psychiatrische Multimorbidität der Zielgruppe, häufige Behandlungsabbrüche und Wiederaufnahmen, Exklusionserfahrungen durch langjährigen Drogenkonsum sowie die soziale Isolation vieler älterer Drogenabhängiger erschweren eine angemessene Versorgung zusätzlich. Mangels entsprechender Erwerbsbiographien fehlen oft Ansprüche an Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung, sodass die Kosten hierfür größtenteils auf die Kommunen zukommen werden.

Wie kann die ambulante und stationäre Pflege denn diesen Bedürfnissen gerecht werden?

Hoff: Die ambulanten Pflegedienste, die stationären Pflegeheime und andere Einrichtungen der Altenhilfe verfügen bisher kaum über Erfahrungen in der medizinischen, pflegerischen und psychosozialen Versorgung älterer Drogenabhängiger, die meist von kommunal finanzierten Drogen- und Suchtberatungsstellen betreut werden, denen aber häufig wiederum alters- und pflegespezifische Kompetenzen fehlen.

Im Mittelpunkt des Projektes Alters-CM3 steht deshalb die Organisationen angemessener ambulanter (und bei Bedarf auch stationärer) Versorgungsstrukturen durch eine stärkere Vernetzung und Kooperation zwischen Drogen- und Suchthilfe, Altenhilfe und Pflege sowohl auf der Einzelfallebene als auch auf der Ebene der lokalen Versorgungssysteme. Wesentlich zu nutzen ist in ambulanter Betreuung aus unserer Sicht das Modell des Case Managements, das aber alters- und bedarfsgerecht weiterentwickelt werden muss.

Im Weiteren stammen aus einem anderen unserer Projekte Handlungsempfehlungen für die stationäre Pflege zum Umgang mit riskantem Alkohol- und Medikamentenkonsum unter älteren Bewohnern sowie Pflegeinterventionen bei älteren Bewohnern mit einem ehemals illegalen Drogenkonsum.
 
Mit welchen Herausforderungen rechnen Sie im weiteren Verlauf des Projektes?

Hoff: Eine besondere Herausforderung wird sicherlich sein, die Zielgruppe im Modell des Case Managements über einen längeren Beratungsprozess zu halten, sind doch die biografischen und auch hilfebezogenen Erfahrungen älterer Drogenabhängiger häufig von vielen Brüchen und Abbrüchen geprägt. Allerdings haben wir bereits in unserer durchgeführten Bedarfserhebung die Erfahrung gemacht, dass die befragten Älteren sehr interessiert an auf sie abgestimmten Studien und Angeboten sind, was uns optimistisch bezüglich der Stichprobenerreichung stimmt.

Eine weitere Herausforderung wird sein, insbesondere die Sucht- und Altenhilfe in eine gemeinsame kooperative Behandlung und Begleitung dieser Zielgruppe zu bringen. Aus anderen Projekten wissen wir, dass hier zum Teil sehr unterschiedliche fachliche und organisationskulturelle Vorstellungen aufeinander prallen.

Was ist das finale Ziel von "Alters-CM3"?

Hoff: Das ist sicherlich ganz entscheidend die Verbesserung der Lebensqualität und der Versorgungsstrukturen für ältere Drogenabhängige. Und hierfür Methoden und Konzepte evidenzbasiert weiterzuentwickeln und der Praxis zur Verfügung zu stellen.
Projektzwischenergebnisse und -informationen gibt es zukünftig auf der Projektwebseite Alters-CM3 unter: www.disup.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

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Nadine Lormis
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