"Es wäre Inklusion, wenn eine Behinderung nicht mehr die Attraktivität bestimmen würde"

Interview mit Kassandra Ruhm, Behindertenrechtsaktivistin

03.01.2017

Kassandra Ruhm ist Rollstuhlfahrerin und lebt offen lesbisch. Sie möchte einengende Bilder von Menschen mit Behinderung ändern und immer mehr Menschen dazu bewegen, ihre Vorurteile zu hinterfragen und zu überdenken. Deswegen engagiert sie sich als Behindertenrechtsaktivistin und geht sehr selbstbewusst und aufgeschlossen mit sich, ihrer Behinderung und ihrer Art zu lieben um.

Foto: Kassandra Ruhm im Park; Copyright: privat

Kassandra Ruhm; © privat

REHACARE.de sprach mit der Behindertenrechtsaktivistin und Diplom-Psychologin über ihre Erfahrungen als lesbische Frau mit Behinderung bei der Partnerinnensuche und welcher Zusammenhang für sie zwischen Liebe und einem selbstbestimmten Leben besteht.

Frau Ruhm, was beschäftigt Sie in Sachen Liebe/Partnerschaft (derzeit) am meisten?

Kassandra Ruhm: Das schöne Gefühl, ohne Bedenken beieinander schwach sein zu können. Weil oft gerade die Schwächen und die Unperfektheit Menschen besonders liebenswert machen. Außerdem mag ich, dass meine Stärken gesehen und genossen werden. Zugehörigkeit und Nähe sind mir wichtig. Auch Sexualität wird damit intimer, aufregender und intensiver.

Wie offen gehen Sie damit um, dass Sie Frauen lieben?

Ruhm: Ich gehe damit sehr offen um. Ich finde, dass lesbisch zu sein gut ist, weil Menschen zu lieben gut ist. Deswegen ist gleichgeschlechtliche Liebe auch gut. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die Angst vor negativen Reaktionen haben. Ich will es anderen leichter machen, indem ich sehr offen und auf positive Weise zu meiner Lebensform stehe.

Ich finde, dass es gut ist, wenn es unterschiedliche Lebensweisen gibt. Für die Gesellschaft ist es besser, wenn es nicht nur ein Modell gibt, wie Menschen aussehen oder leben sollen, sondern vielfältige.

Seit Ihrem 22. Lebensjahr sind Sie Rollstuhlfahrerin. Welche Erfahrungen haben Sie als Frau mit Behinderung bei der Partnerinnensuche gemacht? Und wie sehr unterscheiden sich diese Erfahrungen von der Zeit, in der Sie noch keinen Rollstuhl genutzt haben?

Ruhm: In der Zeit, in der ich nicht als behindert angesehen wurde, habe ich oft wie im Vorbeigehen Herzen mitgenommen. Das hat sich mit der Sichtbarkeit meiner Behinderung stark verändert.

Inwiefern?

Ruhm: Nicht-behinderte Menschen haben oft Berührungsängste. Entweder sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen oder sie haben Angst, eine behinderte Partnerin könnte zu viele Dinge nicht. Oder sie gehen unbewusst davon aus, behinderte Menschen wären weniger attraktiv als nicht-behinderte. Das ist eine subtile gesellschaftliche Überzeugung, die sich über Filme, Literatur, Werbung und andere Medien vermittelt und die viele Menschen verinnerlicht haben. Manchmal sogar wir behinderten Menschen selbst.

Ich weiß, dass ich nicht weniger attraktiv oder toll bin als damals, als ich noch nicht als "behindert" einsortiert worden bin. Trotzdem werde ich mit meinem Rollstuhl viel seltener angegraben als vorher. Manchmal werden nicht-behinderte Menschen durch Denkbarrieren eingeschränkt und nehmen unsere Attraktivität nicht normal wahr. Ich finde gut, zu wissen, dass das nicht an mir liegt, sondern an den Ängsten der anderen und an Vorurteilen. Ängste können sich ändern. Wenn wir wissen, was wir an uns mögen und selber behinderte Menschen als attraktiv wahrnehmen, wenn wir unter Leute gehen und aktiv unser Leben gestalten, können wir dem Rest der Gesellschaft helfen, ihre Vorurteile abzubauen.

Denken Sie, dass eine nicht-sichtbare Behinderung vieles einfacher machen würde?

Ruhm: Auch wenn einige direkte Diskriminierungen wegfallen würden, weil die meisten Menschen gar nicht wüssten, dass ich behindert bin, gibt es eine Reihe von Nachteilen, die Menschen mit nicht-sichtbarer Behinderung erleben. Ich möchte das nicht gegeneinander aufwiegen.

Mit zwölf Jahren bin ich leicht schwerhörig geworden. Es war zwar für mich selbst anstrengend, mein fehlendes Hörvermögen zu kompensieren, aber es hat keine Auswirkungen darauf gehabt, in welchem großen Umfang Männer an mir interessiert waren. Wenn ich später aufgrund anderer gesundheitlicher Schwierigkeiten Rücksichtnahmen brauchte, war das ähnlich. Solange ich als "nicht-behindert" angesehen worden bin, bin ich als attraktive Frau wahrgenommen worden.

Es ging und geht also nicht um meine tatsächlichen Einschränkungen – sondern um den Stempel "behindert", der von außen auf mir klebt.

Manche nicht-behinderten Menschen nehmen an, sie müssten in einer Beziehung mit einem behinderten Menschen mehr geben als sie bekommen. Meine persönliche Erfahrung ist genau umgekehrt: Ich werde von behinderten Frauen mehr umsorgt und verwöhnt als von nicht-behinderten.

Foto: Kassandra Ruhm im Park; Copyright: privat

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Haben Sie denn dann selbst vor allem nach Partnerinnen mit einer Behinderung gesucht?

Ruhm: Es kommt mir auf den Charakter und die Einstellungen einer Partnerin an, nicht darauf, ob sie behindert ist oder nicht. Andererseits: Obwohl die meisten meiner Liebschaften nicht-behindert waren, waren die Beziehungen mit behinderten Frauen oft leichter und lustiger.

Welcher Zusammenhang besteht für Sie zwischen Liebe, Partnerschaft und einem selbstbestimmten Leben?

Ruhm: Über sein Leben selbst bestimmen zu können, ist eine hilfreiche Voraussetzung, um Liebe und Partnerschaft gut leben zu können.

Wenn man zum Beispiel in einer Behinderteneinrichtung lebt und nicht die nötige Assistenz hat, um da hin zu gehen, wo man sich zugehörig fühlt – ob das ein queerer Treffpunkt, die Gemeinde einer bestimmten Religion, ein Fetisch-Laden, eine Schlager-Kneipe oder ein Electro-Club ist – dann kann man sich nicht an diesen Orten in jemand Passenden verlieben. So einfach ist das.

Wenn man als Erwachsene noch bei den eigenen Eltern lebt und von ihrer Unterstützung abhängig ist, kann man nur die Arten von Liebe und Partnerschaft leben, die sie akzeptieren.

Mir sind Nähe und Liebe zu Menschen sehr wichtig. Gegenseitiger Austausch, sich etwas bedeuten, sich gegenseitig unterstützen. Aber ich kann nicht selbst bestimmen, wer sich in mich verliebt. Da hat die Selbstbestimmung ein Ende. Egal ob mit oder ohne Behinderung.

Wie würden Sie in diesem Zusammenhang Inklusion definieren?

Ruhm: Es wäre Inklusion, wenn die Frage, ob jemand als behindert angesehen wird oder nicht, gar keine Rückschlüsse mehr darauf liefert, ob jemand als attraktiv wahrgenommen wird oder nicht. Aber nicht in dem Sinne, dass die Behinderung nicht mehr gesehen wird – wie "Ach, da achte ich gar nicht drauf." – sondern dass man sie sehr wohl sieht, sie aber keine wertende Rolle spielt.

Wenn wir in einer inklusiven Gesellschaft leben würden und behinderte Menschen als genauso wertvoll angesehen würden wie nicht-behinderte, dann würden zum Beispiel Menschen ohne Behinderung, die im Behindertenbereich arbeiten, auch in ihrem privaten Umfeld mit behinderten Menschen zu tun haben – nicht nur, wenn sie Geld dafür bekommen. Ein Teil ihres Freundeskreises wäre behindert. Mindestens jede zehnte wäre aktuell in einer Liebesbeziehung mit einem behinderten Menschen, fast alle hätten sich schon mal in jemanden mit einer Behinderung verliebt. Und vielleicht hätten sie Glück gehabt und ihre Gefühle wären erwidert worden.

Fast alle Menschen sagen, sie würden behinderte Menschen genauso schätzen, wie nicht-behinderte. Ob das nur gut klingende Worte sind oder ob man jemandem wirklich auf Augenhöhe gegenübersteht, kann man zum Beispiel daran erkennen, ob man sich ineinander verliebt. Nicht in jeden individuellen behinderten Menschen. Aber mal in den einen und in die andere. Wie bei allen anderen Menschen auch.

Weiterführende Artikel, Bilder und Kurzfilme zum Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung, zu Sexualität und Beziehung und zu lesbischer Liebe gibt es auf der Homepage von Kassandra Ruhm unter: www.kassandra-ruhm.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

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Nadine Lormis
REHACARE.de

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