"Experten gibt es genug, aber gehört werden die wenigsten"

Interview mit Aleksander Knauerhase, freiberuflicher Referent und Dozent in der Erwachsenenbildung

01.12.2016

Aleksander Knauerhase arbeitet als freiberuflicher Referent und Dozent in der Erwachsenenbildung. In seinen Veranstaltungen und Seminaren beschäftigt er sich vor allem mit den Themen Autismus und Inklusion. Das Besondere an seinen Vorträgen ist der Fokus auf die Innensicht bei Autismus. Denn Knauerhase weiß genau, worüber er spricht: Er ist Experte in eigener Sache.

Foto: Aleksander Knauerhase; Copyright: Literaturschock.de

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REHACARE.de sprach mit ihm darüber, warum Menschen mit Behinderung am besten über die eigenen Belange informieren können und wie auch unsere Gesellschaft dauerhaft davon profitieren kann.

Herr Knauerhase, warum ist es Ihnen so wichtig, als Autist selbst über Autismus aufzuklären?

Aleksander Knauerhase: Viele Informationen, die man zum Thema Autismus findet, befassen sich oft nur mit dem, was Menschen von außen beobachtet und interpretiert haben. Die Innensicht, also das was Autisten erleben und wie sie Dinge um sich herum wahrnehmen, kommt leider oft viel zu kurz. Besonders extrem ist das noch im Bereich Ausbildung und Studium. Hier muss man dringend die Innensicht mit einbeziehen. Das geht aber nur, wenn auch entsprechende Angebote vorhanden sind. Diese anzubieten ist mein Ziel.

Welche Rolle spielen Ihre Vorträge und Ihr Buch dabei?

Knauerhase: Mit den Vorträgen, Informationsveranstaltungen und Gesprächsrunden kann ich viele Menschen erreichen. Sie sind wichtig, um auf mein Angebot aufmerksam zu machen und um etwas zu bewegen. Mein Buch füllt hier eine Lücke zwischen den Menschen, die meinen Blog lesen und eher online unterwegs sind, und denen, die zu meinen Veranstaltungen kommen. Vor allem aber vermittelt mein Buch noch viel mehr und viel breiteres Wissen im Vergleich zu Vorträgen oder zeitlich begrenzten Veranstaltungen. Wie sage ich immer? "Es gäbe noch so viel zu sagen…"

Was zeichnet Sie als Experten in eigener Sache besonders aus?

Knauerhase: Ich bin seit 42 Jahren Autist. Wer kennt meine Bedürfnisse und meine Sorgen besser als ich? Barrieren kann man eben nur dann benennen und auch versuchen abzubauen, wenn man selbst darauf stößt. Ein Beobachten von außen reicht da oft nicht. Besonders bei "unsichtbaren" Behinderungen, die man nicht oder zumindest nicht auf den ersten Blick erkennt. Hier ist es unabdingbar eben die Menschen zu fragen, die es betrifft. Dazu kommt, und das sollte man nie vergessen: Auch wir haben ein Recht auf Selbstbestimmung. Wenn andere ohne uns und über uns hinweg entscheiden, ist das Fremdbestimmung, die niemand für sich selbst möchte.

Gibt es, Ihrer Meinung nach, schon viele Experten in eigener Sache, die auch tatsächlich gehört werden?

Knauerhase: Nein, es sind noch viel zu wenige. Experten gibt es genug, aber gehört werden die wenigsten. Ganz langsam wird das Thema Empowerment breiter bekannt. Hier muss aber noch viel geschehen, damit Menschen mit Behinderung auch für sich und ihre Belange sprechen dürfen. Je unsichtbarer die Behinderung, umso schwerer wird es zu Wort zu kommen.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach?

Knauerhase: Zum einen sieht die Gesellschaft Menschen mit Behinderung fast automatisch als nicht vollwertige Menschen. Das liegt daran, dass Defizite so präsent sind und man viel zu wenig die Menschen an sich sieht. Man traut uns Menschen mit Behinderung nichts zu. Besonders gravierend ist das im Bereich der psychischen und seelischen Behinderungen und bei Menschen mit Lernschwächen. Uns wird oft abgesprochen, dass wir überhaupt fähig seien, wichtige Entscheidungen zu treffen. Ein Unding! Ich glaube, es würden sich auch mehr Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache engagieren, wenn sie die Hoffnung hätten, dass sie auch etwas bewegen können. Hier braucht es Vorbilder und Strukturen, die so etwas ermöglichen. Es ist ein Prozess, der wachsen muss. Eine spannende Zeit!

Inwiefern kann unsere gesamte Gesellschaft davon profitieren, wenn Menschen mit verschiedenen Behinderungen als Experten in ihren Belangen wahr- und ernstgenommen werden?

Knauerhase: Provokante Gegenfrage: Was würde sie verlieren, wenn es so wäre? Nichts. Der Gewinn liegt klar auf der Hand: Es würde wesentlich mehr Hilfen für Menschen mit Behinderung geben, die sinnvoll und gewünscht sind. Das wiederum würde erst die Teilhabe und dann langfristig auch die Inklusion erleichtern und vorantreiben. An erster Stelle würde es aber über Behinderungen informieren, sie schrittweise enttabuisieren und vor allem auch Berührungsängste abbauen. Defizite würden in den Hintergrund rücken, die Menschen in den Vordergrund.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

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Nadine Lormis
REHACARE.de

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