Nachgefragt bei Dr. Ralph Suhr, Vorstandsvorsitzender Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP)

"Gründe, die zu Gewalt in der Pflege führen, sind komplex und vielschichtig"

Gewalt in der Pflege ist vielfältig und nach wie vor ein Tabuthema. Deswegen will der Welttag gegen Misshandlungen alter Menschen darauf aufmerksam machen. In diesem Jahr stellte das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) seinen neuen Themenreport "Gewaltprävention in der Pflege" vor. REHACARE.de sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung ZQP, Dr. Ralf Suhr, über fließende Übergänge und aktive Vorbeugung.

25.06.2015

Foto: Dr. Ralf Suhr; Copyright: Laurence Chaperon

Dr. Ralf Suhr; © Laurence Chaperon

Herr Dr. Suhr, wo fängt Gewalt in der Pflege überhaupt an und wie äußert sich diese?

Dr. Ralf Suhr: Misshandlung gegen alte und pflegebedürftige Menschen kann viele Gesichter haben. Dazu gehören neben körperlicher Gewalt oder verbal aggressivem Verhalten ebenso die Missachtung der Intimsphäre, finanzielle Ausbeutungen, Einschränkungen der Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit aber auch die Vernachlässigung. Gewalt fängt eben nicht erst beim Schlagen an. Umgekehrt können aber auch Pflegende von gewalttätigem Verhalten betroffen sein, zum Beispiel in Form von Beleidigungen oder aggressiven Übergriffen seitens der pflegebedürftigen Person. Dies kann krankheitsbedingt sein, manchmal können auch die Nebenwirkungen bestimmter Medikamente ursächlich sein.

Generell gilt jedoch: die Gründe, die letztendlich zu Gewalt führen, sind komplex und vielschichtig und in hohem Maße abhängig von der individuellen Konstellation. Bekannt ist jedoch, dass unter anderem Situationen von Überlastung problematische Situationen begünstigen können. Daher kommt der Früherkennung von Belastungssituationen, bevor sie zu Überlastungssituationen werden, eine tragende Rolle bei der Gewaltprävention zu. Vor diesem Hintergrund hat das ZQP ein Internetportal zur Gewaltprävention entwickelt. Unter www.pflege-gewalt.de finden sich fundierte Informationen, Entlastungsmöglichkeiten, praktische Tipps sowie Kontaktdaten zu bundesweiten Krisentelefonen für alle an der Pflege Beteiligten.

Welche Ursachen gibt es für gewalttätiges Verhalten?

Suhr: Die Gründe, welche letztendlich zur Entstehung von problematischen beziehungsweise gewalttätigen Situationen führen, sind vielfältig und individuell verschieden. Jedoch kommt es nur selten plötzlich und ohne Anzeichen zu Eskalationen – in den allermeisten Fällen haben Aggression und Gewalt eine längere Vorgeschichte. Zudem ist eine Reihe auch sich gegenseitig bedingender Faktoren bekannt, welche das Risiko für ein Auftreten von Gewalt in Pflegekonstellationen erhöhen. Auf Seiten des Pflegebedürftigen zählen zu diesen Risikofaktoren beispielsweise ein besonders hoher Grad an Pflegebedürftigkeit, kognitive oder psychiatrische Störungen sowie "herausforderndes Verhalten", also ausgeprägte Unruhe oder Aggressivität, wie sie bei dementiell erkrankten Menschen vorkommt. Auf Seiten der Pflegenden ist vor allem die Überlastung als bedeutender Faktor zu nennen. Daneben wurden bestehende problematische interpersonelle Beziehungen oder Konflikte als weitere Risikofaktoren für eine gewalttätige Eskalation identifiziert. Auch ein fehlendes unterstützendes Netzwerk kann zu problematischem beziehungsweise gewalttätigem Handeln führen.
Foto: Titelblatt des Themenreports; Copyright: ZQP

Zum Welttag gegen Misshandlungen alter Menschen am 15. Juni stellte das Zentrum für Qualität in der Pflege seinen neuen Themenreport "Gewaltprävention in der Pflege" vor; © ZQP

Wie kann man das Gewaltpotenzial im Pflegealltag reduzieren und solchen Konfliktsituationen aktiv vorbeugen?

Suhr: Erfolgreiche Maßnahmen der Gewaltprävention und die Bereitstellung adäquater Hilfen erfordern zuallererst ein Problembewusstsein für das Thema, um Gewalt und Aggression in der Pflege überhaupt als solche zu erkennen. Erst dann können Handlungsalternativen aufgezeigt werden. Dazu gehört vorrangig eine sachliche Aufklärung, die das Phänomen Gewalt in der Pflege objektiv betrachtet, ohne Schuldfragen in den Mittelpunkt zu stellen und zu kriminalisieren. Hierfür gilt es, ein Klima für den offenen Austausch zu schaffen, um dem Thema transparent und dennoch kritisch begegnen zu können. Nur so können auch Präventionsmaßnamen wirksam dort ansetzen, wo sie notwendig sind.

Die Studienlage zur Wirksamkeit von Maßnahmen zur Gewaltprävention ist allerdings noch lückenhaft. Daher gilt es, umfassendere Daten zu den Effekten der einzelnen Interventionen und Maßnahmen zu gewinnen. Einzig für den Bereich der Vermeidung freiheitseinschränkender Maßnahmen liegen bereits evaluierte Interventionsprogramme vor – maßgebliche Orientierung für Pflegekräfte bietet hier zum Beispiel die evidenzbasierte Leitlinie "Vermeidung von freiheitseinschränkenden Maßnahmen in der beruflichen Altenpflege", www.leitlinie-fem.de.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Suhr: Die Verwendung des Begriffes Inklusion ist nicht leicht. Denn Tatsache ist, dass ein Zustand totaler Inklusion niemals existieren kann, da wir als Menschen immer in verschiedene gesellschaftliche Teilsysteme inkludiert und aus anderen ausgeschlossen sind. In der Regel haben wir eine gewisse Entscheidungsautonomie und Wahlfreiheit bei der Auswahl dieser Teilsysteme. Besonders für Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen gilt dies jedoch meist nicht. Ihnen fehlt oftmals die beschriebene Entscheidungsautonomie und damit Selbstbestimmung, was zwangsläufig zum Ausschluss aus bestimmten Lebensbereichen führen kann.

Inklusion bedeutet für mich deshalb zunächst einmal die Achtung und gleichberechtigte Anerkennung aller Menschen in einer Gesellschaft, die sich durch Respekt, Fairness und Solidarität auszeichnet. Ziel ist es, den Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben und auf gesellschaftliche Teilhabe für alle Menschen – unabhängig von körperlichen und geistigen Einschränkungen – zu ermöglichen.

Mehr über die Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege unter: www.zqp.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

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Nadine Lormis
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