"Ich wollte körperlich behinderten Kindern in Palästina die Chancen bieten, die mir meine Eltern gegeben hatten"

Interview mit Maysoon Zayid

Lesen und Schreiben in Arabisch, Mathematik, Englisch und Naturwissenschaft/Sozialkunde – zumindest für sieben Kinder in Palästina ist das Erlernen dieser Fächer etwas ganz Besonderes. Die Alternative wäre überhaupt keine Schulbildung für sie. Wenn das Maysoon’s Kids Programm sie nicht unterrichten würde, würde das nämlich niemand tun.

02.02.2015

Foto: Maysoon Zayid

Maysoon Zayid; © Zayid

Maysoon Zayid ist Komikerin und Schriftstellerin und hat eine zerebrale Kinderlähmung. REHACARE.de sprach mit ihr über die Bedeutung von Bildung und wie wichtig es ist, Chancen zu bekommen.

Frau Zayid, Sie gründeten Maysoon’s Kids im April 2002. Welches Ziel hat sich Maysoon’s Kids gesetzt?

Maysoon Zayid: Ich wollte unbedingt mit Kindern arbeiten, die ihre Schussverletzungen von der israelischen Armee überlebt hatten. Ich wollte künstlerische Sachen mit ihnen machen, weil ich es für einen guten Weg hielt, mit ihren traumatischen Erlebnissen umzugehen. Am Ende habe ich die Kunstaktivitäten dann nur ein Jahr lang gemacht, weil mir klar wurde, dass behinderte und verwundete palästinensische Kinder etwas viel Wichtigeres brauchen.

Und was brauchten die Kinder stattdessen?

Zayid: Sie brauchten eine Schulbildung. Als ich damals in die öffentliche Schule in den USA kam, mussten meine Eltern den Schulbezirk erst verklagen, damit ich eine Regelschule besuchen durfte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht da wäre, wo ich heute bin, wenn ich auf eine Schule für Behinderte hätte gehen müssen. Ich wollte körperlich behinderten Kindern in Palästina die Chancen bieten, die mir meine Eltern gegeben hatten. Und so entschloss ich mich, die Maysoon’s Kids Class zu gründen. Ich hatte mit einigen Rehabilitationszentren in Palästina zusammengearbeitet und das, was fehlte, war eine Schulausbildung. Sie behandelten dort zwar die Körper der Kinder, aber ihr Geist wurde vernachlässigt. Wir gründeten schließlich unsere erste Klasse im September 2014 in Beit Fajjar in Palästina.

Das Dorf liegt zwischen Bethlehem und Hebron im Westjordanland und uns wurde dort kostenlos ein Raum mit Elektrizität und Toiletten zur Verfügung gestellt, wofür wir sehr dankbar sind. Alle Tische und Stühle, die wir für das Klassenzimmer einkauften, sind aus Palästina. Wir tun unser Bestes, um die einheimische Wirtschaft zu unterstützen. Momentan beschäftigen wir vier Leute in unserem Team, das heißt, wir schaffen auch neue Arbeitsplätze.

Wie darf man sich Maysoon’s Kids Class vorstellen?

Zayid: Wir haben einen Lehrer, einen Sozialarbeiter, einen Schülerassistenten und einen Sprachtherapeuten. Des Weiteren haben wir viele freiwillige Helfer, die ehrenamtlich ihre Zeit aufwenden, Tanz oder Kunst lehren oder uns helfen, unsere Indiegogo Campaign Webseite zu erstellen. Zurzeit haben wir sieben Schüler, die unsere kühnsten Erwartungen weit übertroffen haben. Wir hoffen, dass wir zwei von unseren Schülern im Herbst 2015 in das öffentliche Schulsystem integrieren können.
Foto: Maysoon Zayid mit Kindern

Maysoon's Kids möchte Klassenzimmer für Kinder mit Behinderung schaffen, die bisher vom Schulsystem ausgeschlossen wurden; © Maysoon's Kids

Wie finanzieren Sie Ihr Projekt?

Als ich Maysoon’s Kids gründete, zahlte ich das Meiste noch aus eigener Tasche, aber als das Projekt wuchs und ich mit ihm, war das so nicht mehr länger tragbar. 100 Prozent unserer Finanzierung kommen jetzt durch die Online-Spenden für unsere "Feed a Mind" Aktion (Deutsch: Bereichere einen Geist) auf der Indiegogo Webseite. Ich mache Reklame in meinen Social Media Kanälen und die Leute, die dann spenden, sind Freunde, Bekannte, Familie und Fans. Wir haben auch einen YouTube-Kanal, auf dem wir die Fortschritte der Schüler zeigen und bemühen uns dabei bewusst, jegliches Mitleid zu vermeiden und stattdessen ihre Erfolge in den Vordergrund zu stellen.

Was motivierte Sie dazu, sich solchen Aktionen zu verschreiben?

Meine Mutter und mein Vater kämpften für mich und ich kämpfe jetzt für diese Kinder, weil ich weiß, dass es für Eltern sehr schwer ist, das Richtige für ihre Kinder zu tun, wenn man im Chaos leben muss. Wenn ich also irgendwie helfen kann, dann tue ich das. Ich schließe mich mit anderen Organisationen zusammen, deren Arbeit ich sehr schätze und denen ich vertraue. Playgrounds for Palestine (Deutsch: Spielplätze für Palästina) ist eine dieser Gesellschaften. Sie haben den Spielplatz vor dem Zentrum gebaut, in dem das Maysoon’s Kids Klassenzimmer in Beit Fajjar liegt, und wir haben uns mit ihnen zusammengetan, um einen Spielplatz in einem weiteren Rehabilitationszentrum in Silwad, außerhalb von Ramallah, zu bauen. Die geschmackvollste Art und Weise, Playgrounds for Palestine zu unterstützen, ist der Kauf von aus Palästina importiertem Olivenöl. Je mehr man kauft, umso mehr kann die Organisation bauen und sie widmet sich der Errichtung von barrierefreien Spielplätzen. Wir arbeiten auch mit PCRF zusammen, die uns medizinische Güter für einige unserer Maysoon’s Kids Schüler bereitstellten.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Arbeit wirklich hilft und etwas im Leben der Kinder verändert?

Manchmal fühle ich mich wirklich überwältigt, weil ich ja nur sieben von Millionen Kindern helfe und ich sie nicht vor der Gewalt und der Diskriminierung beschützen kann, der sie täglich durch die Besatzung ausgesetzt sind. Aber ich weiß, dass ich das Leben dieser Kinder verändert habe. Bevor es diese Klasse gab, wurde ihnen eine Schulausbildung verwehrt. Jetzt können sie ganze Sätze lesen, Zahlen addieren und Yoga machen. Das muß doch was Gutes sein. Die Eltern haben uns so sehr dabei unterstützt, was auch sehr viel hilft.
Mehr über Maysoon Zayid (nur auf Englisch) unter: www.maysoon.com
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
(aus dem Englischen übersetzt von Elena O'Meara)
REHACARE.de