"Im Modebereich gibt es bis jetzt keine Lobby für Menschen mit Behinderung"

Interview mit Dr. Kathleen Wachowski, Smart-Fit-In e.V.

Schicke Mode für Menschen mit Behinderung ist noch immer ein Nischenmarkt, mit einem bisher kaum wahrgenommenen Potential. Ein europäisches Netzwerk möchte deswegen interdisziplinär und branchenübergreifend dafür sorgen, dass Hersteller, Forscher und die Zielgruppe selbst zusammen an der Entwicklung und Produktion intelligenter, kostengünstiger Lösungen arbeiten. Ästhetik und Funktionalität sollen dabei gleichwertig verbunden werden und den Markt somit bereichern.

05.01.2015

Foto: Dr. Kathleen Wachowski; Copyright: Thomas Heinick

Dr. Kathleen Wachowski; © Thomas Heinick

Dr. Kathleen Wachowski ist Vorsitzende des Vereins Smart-Fit-In e.V., der zusammen mit dem Reha-Sport-Bildung e.V. in Thüringen die Netzwerkarbeit koordiniert. REHACARE.de sprach mit ihr über aktuelle europäische Aktivitäten und Vorhaben rund um universelle Mode.

Frau Dr. Wachowski, warum brauchen wir ein Netzwerk wie Smart-Fit-In?

Dr. Kathleen Wachowski: Im Modebereich gibt es bis jetzt keine Lobby für Menschen mit Behinderung. Aber es gibt sehr fähige Mikro-und Kleinunternehmen, die tolle personalisierte Produkte für diese Zielgruppe und auch für Menschen ohne Behinderungen entwickeln, jedoch kaum bekannt sind. Mit dem Netzwerk Smart-Fit-In wollen wir die Vielfalt dieser Unternehmen in Europa durch adaptierte Produktions-, Vertriebs-und Kommunikationsplattformen erhalten und weiter ausbauen. Außerdem soll das Netzwerk auch zur Inklusion beitragen – durch schicke, adaptierte Mode, die von Menschen mit Behinderung getragen werden kann, aber auch von Menschen ohne Behinderung. Uns liegt außerdem die Inklusion ins Arbeitsleben am Herzen, indem die Textilmaschinen zur Herstellung von personalisierter Kleidung so angepasst werden, dass zum Beispiel auch Rollstuhlfahrer ohne Probleme an den Maschinen arbeiten können.

Wie kann die Arbeit von Smart-Fit-In in der Praxis aussehen?

Wachowski: Im Netzwerk arbeiten zum Beispiel Menschen mit Behinderung als Berater und Testpersonen mit Forschern zusammen, wie bei der Entwicklung von 3D-Schnittkonstruktionen am ENSAIT in Roubaix, Frankreich, und der Technischen Universität Dresden. Die Zielgruppe selbst arbeitet aber auch als Entwickler von adaptiertem Marketing für Menschen mit Behinderung – wie zum Beispiel "Esthétique et Handicap" in Paris, "Agentur Age" in Nürnberg oder "Bezgraniz Couture" in Moskau. Wir arbeiten außerdem eng mit den Rollstuhlbasketball-Spielern des Oettinger RSB-Team Thüringen zusammen. Die Sportler testeten für das belgische Unternehmen Bivolino im Rahmen des EU-Projektes "Fashion-able" auf ihre Bedürfnisse angepasste Herrenhemden.
Foto: Rollstuhlbasketballspieler mit Hemden von Bivolino; Copyright: Lutz Leßmann
Rollstuhlbasketball-Spieler des Oettinger RSB-Team Thüringen
Die Rollstuhlbasketball-Spieler des Oettinger RSB-Team Thüringen mit auf ihre Bedürfnisse angepassten Herrenhemden, die sie für das belgische Unternehmen Bivolino testeten.
Foto: Screenshots der 3D-Schnittkonstruktionen; Copyright: ENSAIT
adaptierte 3D-Schnittkonstruktionen
Das Projekt zu adaptierten 3D-Schnittkonstruktionen für Menschen mit Behinderungen möchte die Blickführung so leiten, dass körperliche Einschränkungen nicht so in den Vordergrund geraten. Projektdurchführung 2014, von den Studenten MIHOKOVIC Mirna, NAMBIAR Roshni, SINGH Vaishnavi, geleitet von Professor Pascal Bruniaux, am ENSAIT in Roubaix, Frankreich.
Foto: Frau im Rollstuhl mit Freunden in einer Bar; Copyright: Klaus von Kassel
Optimale Passform
Wenn Kleidung optimal passt, trägt das zum allgemeinen Wohlbefinden bei, was in der Regel auch die eigene Ausstrahlung positiv beeinflusst.
Foto: Rollstuhlfahrerin mit Poncho fährt eine Rampe hoch; Copyright: Klaus von Kassel
Ästhetik und Funktion
Viele Rollstuhlfahrer legen neben der Ästhetik großen Wert auf Funktionalität. Perfekt ist es, wenn Mode beides miteinander kombiniert.
Foto: Rollstuhlfahrer und Model Sven Baum; Copyright: René Liedtke
Sven Baum
Der Rollstuhlfahrer Sven Baum ist nicht nur sportlich im Karate sehr aktiv, sondern arbeitet zusätzlich auch als Model.
Foto: Junge, modisch gekleidete Frau mit einer Gehhilfe; Copyright: Jaques Brenan
Deza Nguembock
Die Französin Deza Nguembock startete 2014 mit ihrer Agentur "Esthétique et Handicap" eine Sensibilisierungskampagne in Paris.
Sie arbeiten unter anderem mit den Forschern des Bönnigheimer Hohenstein Instituts zusammen. Inwiefern sind die dort gewonnenen Erkenntnisse wichtig für Ihre Arbeit?

Wachowski: Im Jahr 2013 wurde dort beispielsweise eine Studie zu optimaler Sportbekleidung für Rollstuhlsportler wie Basketballer oder Handbiker abgeschlossen. Die gewonnenen Erkenntnisse werden jetzt von einer Firma in Sachsen zum ersten Mal Anwendung finden, so dass in der Zukunft Rollstuhlbasketballer ihre personalisierte Sportkleidung online bestellen können.

Welche Ergebnisse konnten Sie sonst noch erzielen?

Wachowski: Wir haben ein Netzwerk aufgebaut, das Menschen aus Forschung, Bildung, Sport, Kunst und Politik aus 14 europäischen Ländern zum Thema personalisierte Kleidung, aber auch Schuhe, Möbel und andere Produkte für Menschen mit und ohne Behinderung zusammenführt, um gemeinsam regionale und europäische Projekte zu entwickeln. Es wurden außerdem erste Studentenprojekte an deutschen Hochschulen zu adaptierter Mode initiiert und wir konnten schon mehrere branchenübergreifende Konferenzen organisieren sowie einige Mikro- und Kleinunternehmen bei der Realisierung von Prototypen unterstützen.
Foto: Frau im Rollstuhl auf dem Laufsteg; Copyright: Bezgraniz Couture

Die deutsche Designerin Angela Tönnies stellte ihre Entwürfe bereits 2011 beim Bezgraniz-Couture Award in Moskau, Russland, vor; © Bezgraniz Couture

Das Netzwerk greift auch über die deutschen Landesgrenzen hinweg. Wie ist denn das Mode-Angebot in anderen europäischen Ländern?

Wachowski: Das reale Modeangebot in diesem Bereich einzuschätzen, ist sehr schwierig, da adaptierte Mode bisher nicht in Boutiquen und Kaufhäusern verkauft wird, große Marken keine Mode für diese Zielgruppe anbieten und die darin kompetenten Mikrounternehmen im Internet nur schwer zu finden sind. Mode für Menschen mit Bewegungseinschränkungen ist bisher zum Beispiel in Deutschland nur online oder vor Ort in den Ateliers der Hersteller kaufbar. Im Verhältnis zu anderen EU-Ländern ist das Angebot in Deutschland wohl trotz sehr kleiner Quantität reichhaltig. In Frankreich, Holland, Schweden ist die Situation ähnlich gut. In südeuropäischen Ländern wie Spanien oder Rumänien scheint es bisher kaum adaptierte Mode zu geben.

Ein kleiner Blick in die Zukunft: Was möchten Sie mit Smart-Fit-In innerhalb der nächsten fünf Jahre erreichen?

Wachowski: Mein Wunsch wäre es, ein international interdisziplinär agierendes Unternehmen zu schaffen, das Mikro-und Kleinunternehmen adaptierter, ästhetischer, gesundheitsfördernder Produkte vereint und gleichzeitig ihre Autonomie und Einzigartigkeit erhält und ihre branchenübergreifende Weiterentwicklung unterstützt. Außerdem möchte ich Hersteller, aber vor allem auch interessierte Menschen mit Behinderung ermutigen und auffordern, sich gerne bei uns zu melden, um bei künftigen Projekten als Tester und Berater aktiv mitzuarbeiten und gemeinsam eine smarte, fitte Lobby für diese Zielgruppe aufzubauen.
Mehr über Smart-Fit-In unter: www.smart-fit-in.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de