"In Rio habe ich realistische Chancen auf Gold"

Interview mit Christinae Reppe, Sportlerin

01.06.2016

Vom Wasser ans Land – Christiane Reppe hat ihre langjährige Karriere als Leistungsschwimmerin an den Nagel gehängt, um nach einer kurzen Auszeit erfolgreich auf dem Handbike neuen Höchstleistungen entgegen zu fahren. REHACARE.de sprach mit ihr über alte und neue Erfolge, Unterschiede der Disziplinen und natürlich die Paralympics in Rio.

Foto: Christiane Reppe; Copyright: privat

Christiane Reppe; © privat

Frau Reppe, Sie waren lange Zeit aktive Leistungsschwimmerin. Auf welche Erfolge schauen Sie am liebsten zurück?

Christiane Reppe: Ich habe mit etwa zwölf Jahren angefangen zu trainieren. 2002 holte ich dann bereits zwei Bronzemedaillen. 2006 ging ich dann nach Berlin und entschied mich ganz bewusst für ein professionelles Training. Seitdem war ich dreimal bei dem Paralympics dabei. Mein Höhepunkt waren eindeutig die Paralympics in London, auch wenn ich dort nicht so erfolgreich war.

Warum haben Sie sich nach London 2012 aus dem Schwimmsport zurückzogen?

Reppe: Ursprünglich war es mein Plan, dieses Jahr in Rio auch als Schwimmerin anzutreten. Doch dann gab es einige Differenzen mit meinem Trainer. Dann bin ich erstmal aus Berlin weggezogen, habe ein Jahr lang keinen Sport gemacht, mich in die Arbeit in der Firma meines Vaters gestürzt. Doch irgendwann merkte ich, dass mir das nicht reicht, dass Sport einfach ein Teil von mir ist. Nur schwimmen wollte ich nicht mehr.

Und wie kam es dazu, dass Sie dann doch wieder in den Leistungssport einstiegen – aber dieses Mal eben auf dem Handbike?

Reppe: Ich hatte vorher schon mal Handbikes ausprobiert und habe mich dann über den Sport informiert. In der Nähe von Freiburg gab es ein Trainingslager, bei dem ich dabei sein konnte. Dort bekam ich auch direkt ein gebrauchtes Bike und mir wurde ein Trainer vermittelt. Ich lernte Errol Marklein vom Team Sopur Quickie kennen und drei Monate später war ich selbst ein Teil dieses Teams. Bei meinen ersten Wettkämpfen kam ich direkt aufs Treppchen und konnte mir sogar die EM-Qualifikation sichern. Es sollte wohl einfach so sein.

Foto: Christiane Reppe fährt mit ihrem Handbike auf einer Straße; Copyright: Oliver Kremer

Christiane Reppe versucht mit ihrem Handbike in Rio auf die Gold-Medaille zuzusteuern; © Oliver Kremer

Welche Unterschiede gibt es für Sie persönlich bei den Wettkämpfen und dem Training in beiden Disziplinen?

Reppe: Das Training besteht beim Schwimmen in der Regel aus zweimal zwei Stunden im Wasser sowie viel Land- und Ausdauertraining. Gerade beim Training im Wasser macht man beim Schwimmen ja immer wieder kleinere Pausen. Beim Handbiken ist das ganz anders. Da muss man ununterbrochen kurbeln – und das manchmal bis zu fünf Stunden am Stück.

Bei den Wettkämpfen besteht der Unterschied schon allein darin, dass man beim Handbiken zusammen als Team startet. Das gefällt mir sehr. Beim Schwimmen bin ich ja alleine auf der Bahn. Außerdem ist das Handbiken viel strategischer: Ich muss die Konkurrenz im Blick behalten, immer mitdenken und insgesamt taktischer vorgehen.

Wie empfinden Sie die generell öffentliche Aufmerksamkeit, die die Paralympics und auch Sie als Sportlerin bekommen?

Reppe: Ich denke, dass die Berichterstattung professioneller geworden ist. Auch in Bezug darauf, was wir Sportler der Presse geben. Die Olympischen Spiele werden aber sicher immer wichtiger sein und an erster Stelle stehen. Gerade deswegen müssen wir selbst dafür sorgen, der Presse Material zur Verfügung zu stellen und uns selbst in Szene zu setzen. Unser Team hat inzwischen zum Beispiel immer einen Profifotografen bei den Rennen dabei, damit wir den Medien gute Fotos anbieten können. Insgesamt haben wir alle dazugelernt und wissen, dass wir Athleten uns über Social Media-Kanäle und auch insgesamt einfach noch besser selbst vermarkten müssen. Und ich finde es wichtig, dass die Berichterstattung nicht nur zu den großen Events stattfindet, sondern auch eher unbekannte Sportler eine Plattform bekommen. Für die Paralympics an sich stellt sich auch in diesem Jahr wieder die Frage: Wie viel wird wohl übertragen werden – und vor allem zu welchen Zeiten?

Wie stehen Sie zur Diskussion darüber, ob die Olympischen und Paralympischen Spiele zusammengelegt werden sollten?

Reppe: Ich bin gegen eine Zusammenlegung, weil uns das einfach nicht weiterbringen würde. Auch dann würden wir trotzdem noch im Hintergrund bleiben. Bei der Masse an Wettkämpfen frage ich mich außerdem, wie das organisatorisch zu bewältigen sein soll. Ich denke, dass sowohl die Olympischen als auch Paralympischen Spiele ihre gesonderte Zeit und Aufmerksamkeit verdient haben.

Foto: Christiane Reppe mit einer Gold-Medaille und ihren Team-Kollegen; Copyright: privat

Christiane Reppe mit ihrem Kollegen vom Team Sopur Quieckie Mischa Hielkema (links) und dem Teamchef Errol Marklein; © privat

Welche Ziele haben Sie sich für Rio gesetzt?

Reppe: Gold! (lacht) Das steht gar nicht zur Diskussion! Es sind aber auch die ersten Paralympics für mich, bei denen Gold tatsächlich ein realistisches Ziel ist. Beim Schwimmen war ich immer eher die Dritte, aber jetzt in Rio habe ich realistische Chancen auf Gold.

Wie wichtig ist der aktive Leistungssport für Sie?

Reppe:
Sport macht einen großen Teil meines Lebens aus. Im Prinzip bestimmt der Leistungssport seit vielen Jahren mein gesamtes Leben. Und ich möchte auch nicht ohne Sport sein müssen. Als ich in meinem Jahr Auszeit vom Sport zwischendurch nur im Fitnessstudio war, merkte ich, dass mir das nicht reichte. Ich brauche für mich einfach auch die Wettkampfsituation. Das ist schon fast wie eine Sucht nach dem Kick und Adrenalinstoß. Wenn man einmal Blut geleckt hat und auf dem Podest stand, dann will man immer mehr.

Was kann Sport bewirken?

Reppe:
Sport an sich kann meiner Meinung nach jungen Leuten und Frischverletzten neues Selbstbewusstsein geben. Ich war beispielsweise bei der Kliniktour der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) dabei und es tat vielen schon gut zu sehen, was aus ihnen werden könnte. Es hat ihnen Mut gemacht. Ganz wichtig ist es aber auch zu vermitteln, dass nicht jeder (Leistungs-)Sport machen muss! Es gibt immer mehrere Wege. Und am Ende ist es auch "nur Sport". Dadurch bin ich nicht automatisch etwas Besseres. Im Gegenteil: Ich bin auch nur ein ganz normaler Mensch. Ganz wichtig ist, was man am Ende für sich selbst daraus macht.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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