"Inklusion beim Wohnen ist möglich"

In der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung spielt auch das barrierefreie Bauen eine wichtige Rolle. Ausschließende Sonderlösungen werden nicht akzeptiert. Viel mehr werden Forderungen nach Ästhetik und gleichzeitiger Funktionalität und Selbstbestimmung gestellt. Doch in der baulichen Praxis ist das bisher nur bedingt angekommen.

02/03/2015

Foto: Ulrike Jocham

Ulrike Jocham; © die arge lola

Ulrike Jocham ist Inhaberin der Unternehmensberatung inklusiv wohnen/inklusiv leben aus Stuttgart. Sie hat die Informationskampagne Schwellenfreiheit und Benutzerfreundlichkeit in der Architektur gestartet, die über interdisziplinäre Aufgabenstellungen und bereits vorhandene Lösungen informiert. REHACARE.de sprach mit ihr über negative und positive Umsetzungsmodelle des barrierefreien Bauens.

Frau Jocham, Sie sind Heilerziehungspflegerin und Dipl.-Ing. in Architektur. Eine recht ungewöhnliche Kombination. Inwiefern können Sie diese zielführend in Ihre Arbeit einbringen?

Beim sogenannten "barrierefreien" Bauen sind sehr viele Professionen gefragt, wie zum Beispiel Pflege, Pädagogik, Medizin, Soziale Arbeit, Design, Produktentwicklung, Architektur, Städtebau, Handwerk, Baugesetzgebung, Normen- und Richtlinienentwicklung, Bausachverständigenwesen, Baurecht, Sozialrecht und Forschung, beziehungsweise Adressatenforschung sowie Expertentum in eigener Sache. Nachhaltige Entwicklungen und Lösungen für das sogenannte "barrierefreie" Bauen müssen meiner Meinung nach dringend transdisziplinär angelegt sein. Dies ist bis jetzt noch viel zu selten der Fall. Meine beiden Grundqualifikationen mit meinen disziplinübergreifenden Weiterbildungen und beruflichen Erfahrungen ermöglichen mir unter anderem zwischen den vielen, sich häufig noch sehr fremden Professionen Brücken zu bauen, Verständnis für fachfremde Aufgabenstellungen zu fördern, Denkfehler aufzudecken, disziplinübergreifende Wissenslücken zu schließen oder Übersetzungshilfen bei Verwendung von unterschiedlichen "Disziplin-Sprachen" zu leisten. Mein Wissen, das über das klassische "barrierefreie" Bauen hinausgeht, fördert zum Beispiel. demografiegerechte Lösungen, empowerndes (stärkendes) Bauen, gleichberechtigte Teilhabe- und Wahlmöglichkeiten für Menschen mit und ohne Pflege- oder/und Assistenzbedarf sowie ressourcenfördernde Vielfaltsentwicklungen beim Wohnen, Lernen, Arbeiten und Leben in der Gesellschaft.

Warum sprechen Sie vom "sogenannten barrierefreien" Bauen?

Beim "barrierefreien" Bauen wird leider entgegen den Zielen der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (BRK) der Fokus viel zu häufig auf die Defizite gelegt. Die BRK fordert hingegen ein Universal Design ohne diskriminierende Sondergestaltungen sowie größtmögliche Selbstbestimmung und Autonomie für alle Menschen. Eine entsprechende Gestaltung von Räumen, die Fähigkeiten von Menschen stärkt und Potentiale entfalten lässt, ist aus meiner Sicht gefragt: eine empowernde und demografiegerechte Architektur, die niemanden ohne Grund ausschließt, sondern Inklusion Realität werden lässt. Beim Thema "barrierefreie" Wohnungen in den verschiedenen Landesbauordnungen (LBOs) hier in Deutschland kann ich mein Anliegen verdeutlichen. Die LBOs fordern nur einen ganz geringen Teil an "barrierefreien" Sonderwohnungen, die den veränderten Bedarf aufgrund des demografischen Wandels meiner Meinung nach nie abdecken können. Selbst Immobilienverbände befürchten eine immense "graue Wohnungsnot" für ältere Menschen. Ich denke, wir benötigen eine Baugesetzgebung, die grundsätzlich nur schwellenfreie, benutzerfreundliche, demografiegerechte und inklusive Neubauwohnungen mit den bewährten Mindeststandards vorschreibt.
Foto: Barrierefreie Wohnanlage

Die Bielefelder Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft mbH (BGW) sammelt seit rund 20 Jahren Erfahrungen mit Inklusion im Bereich Wohnen und den dafür notwendigen universell designten Mindeststandards von Mietwohnungen; © Ulrike Jocham

Wie sinnvoll finden Sie DIN-Normen, wie etwa die Norm für barrierefreies Bauen, die DIN 18040?

Laut Bundesgerichtshof sind DIN-Normen "keine Rechtsnormen, sondern lediglich private technische Regelungen mit Empfehlungscharakter", die auch überholt sein können (BGH-Urteil VII ZR 45/06). Dementgegen werden sie erfahrungsgemäß leider nicht nur von der Baubranche viel zu häufig ohne kritische Betrachtung als bare Münze hingenommen.

Die BRK hingegen regt eine spannende Optimierung für alle DIN-Normen an. Sie fordert ihre Anpassung, damit Universal Design umgesetzt werden kann. Genau das muss meiner Meinung nach bei allen DIN-Normen passieren, die Schwellenfreiheit in Bauwerken verhindern. Selbst der neuen DIN 18040 für barrierefreies Bauen fehlt es aus meiner Sicht an Klarheit und Konsequenz, was mögliche schwellenfreie Türen und Duschen angeht. Und das obwohl genau diese Gestaltungsanforderungen die Grundvoraussetzung für das neu geforderte Vielfaltsmanagement (Diversitiy Management) in der Architektur aufgrund von demografischem Wandel und Inklusion darstellt. Aktuell sind selbst in neuen Pflegeeinrichtungen zwei Zentimeter hohe Schwellen an Balkon- und Terrassentüren immer noch Standard, obwohl eine deutsche Erfindung, die schwellenlose Magnet-Doppeldichtung bereits seit über 15 Jahren zeigt, dass es im Neubau überall auch ohne exkludierende Hindernisse sowie Stolper- und Sturzgefahren geht. Diese unzähligen Türschwellen (zum Beispiel in nur einer Anlage des Betreuten Wohnens kommen schnell 80 Stück zusammen) können übrigens auf Kosten unserer Sozialkassen wieder abgebaut und zusätzlich noch die ganzen Türflügel erneuert werden. Nachhaltige Lösungen sehen anders aus.
Welche Rolle spielen Benutzerfreundlichkeit und Ästhetik in Zusammenhang mit Barrierefreiheit?

Nach dem Designer und Architekten Dieter Rams gehören beide Gestaltungsziele, die Benutzerfreundlichkeit (Usability) und die Ästhetik neben einigen weiteren zu einem guten Design. Beim klassischen barrierefreien Bauen werden die Benutzerfreundlichkeit und die Ästhetik sowie das grundsätzliche Ziel eines guten Designs aus meiner Sicht noch viel zu wenig beachtet. Vor allem Sonderbauwerke wie zum Beispiel Pflegeheime und Sonderräume, wie etwa sogenannte "Behinderten-WCs", erinnern leider allzu häufig an Pflege, Krankheit und Alter, diskriminieren dadurch allein durch ihre Erscheinungsbilder und schaden dem "Image" des sogenannten barrierefreien Bauens. Meiner Meinung nach geht es um gutes Design in der Architektur durch Diversitymanagement, Inklusion und Empowerment für alle!
Foto: Schwellenlose Übergänge

Alle Wohnungseingangstüren sowie Terrassen- und Balkontüren in den Wohnprojekten nach dem Bielefelder Modell werden von der BGW bereits seit 2005 schwellenfrei mit der Magnet-Doppeldichtung ausgeführt; © Ulrike Jocham

Was hat es mit dem sogenannten Bielefelder Modell auf sich?

Das ist eine inklusive Wohnkonzeption, die zusammen von der Bielefelder Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft mbH und dem Verein Alt und Jung e.V. aus Bielefeld (BGW) entwickelt wurde. Ich hatte das große Glück, beide Gründer, Werner Stede von der BGW und Theresia Brechmann von Alt und Jung e.V., persönlich über mehrere Jahre gut kennen lernen und breitgefächerte Informationen über das Modell erhalten zu können. Die beispielhafte Wohnkonzeption setzt Inklusion im Bereich Wohnen selbst für Menschen mit einem 24-stündigen Pflege- und Assistenzbedarf, zum Beispiel ältere Menschen mit höchster Pflegestufe und Menschen mit sogenannten schwersten Mehrfachbehinderungen, um. Die älteren Menschen können innerhalb des Bielefelder Modells in ihren eigenen Wohnungen wohnen bleiben und Menschen mit Behinderung können als einzelne Person in Wohnungen mit einer Mindestgröße von 45 Quadratmetern leben – eine unverzichtbare Wohnalternative, denn nach der BRK soll jeder selbst entscheiden können, wie, wo und mit wem er leben möchte. Durch das beispielhafte Universal Design des Bielefelder Modells in der Architektur und bei den Pflege- und Assistenzleistungen entstehen spannende Synergieeffekte, wie beispielsweise eine kostenneutrale Versorgungssicherheit rund um die Uhr in und um die einzelnen Wohnprojekte, die zu beachtlichen volkswirtschaftlichem Einsparpotential führen. Inklusion beim Wohnen ist möglich, das haben die Bielefelder gezeigt.
Mehr über Ulrike Jocham und inklusiv wohnen/inklusiv leben unter: www.inklusiv-wohnen.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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