"Jeder kleinwüchsige Mensch muss seine Form der Mobilität finden"

Am Abend ins Kino gehen oder auf ein Bier in die Kneipe um die Ecke – eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert und viele Menschen mit Behinderung sehen dies als selbstverständlich an. In vielen Bereichen des Lebens ist Teilhabe auch mit Mobilität verbunden. Kleinwüchsige Menschen haben hierzu ganz unterschiedliche Zugänge.

01/06/2015

Foto: Silke Schönfleisch-Backofen

Silke Schönfleisch-Backofen; © Michel Arriens

Silke Schönfleisch-Backofen ist Vorstandsmitglied beim Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e. V. REHACARE.de sprach mit ihr darüber, wie vielfältig Mobilität ihr Leben beeinflusst.

Frau Schönfleisch-Backofen, wie definieren Sie Mobilität für sich?

Das ist tatsächlich eine Frage, die ich mir auch in Vorbereitung auf unser Gespräch gestellt habe. Und ich denke, dass es mithin die wichtigste Frage ist. Grundsätzlich muss man vielleicht aber vorweg sagen, dass Kleinwuchs nicht automatisch "mobilitätseingeschränkt" bedeutet. Dafür gibt es viel zu viele verschiedene Formen.

Aber für mich persönlich ist es schon ein Thema. Mobilität bedeutet für mich in erster Linie Freiheit und Selbstbestimmung. Nämlich um beispielsweise täglich zur Arbeit zu kommen. Allerdings ist mir sehr wichtig, genau dann mobil zu sein, wenn ich es möchte und nicht wenn der Fahrdienst kann. Ob Auto, Dreirad oder Unterarmgehstützen – ich möchte entscheiden können, welche Mobilitätshilfe ich in Anspruch nehme und auch wann und wo ich das tue. Das ist leider aber nicht immer möglich.

Wann müssen Sie denn auf diese Entscheidungsfreiheit verzichten?

Zum Beispiel im Urlaub. Denn ich kann nicht einfach am Urlaubsort in jedes beliebige Mietauto steigen – viele andere kleinwüchsige Menschen können das ebenfalls nicht. Die meisten Mietwagenfirmen sind höchstens auf Rollstuhlfahrer eingestellt, indem sie Fahrzeuge mit Handgas anbieten. Aber das nützt mir persönlich nichts. Denn mein Auto hat beispielsweise ein besonders kleines Lenkrad, einen Bremskraftverstärker und eine extra leichte Lenkung. Ich kann daher wirklich nur mein Auto fahren. Deswegen ist es zum Beispiel eine Katastrophe für mich, wenn es mal kaputt ist und für längere Zeit in die Werkstatt muss.
Foto: Silke Schönfleisch-Backofen mit ihrem Dreirad

Mit einem wendigen Dreirad macht das Shoppen gleich doppelt so viel Spaß; © privat

Gibt es noch andere Mobilitätshilfen, auf die Sie im Alltag zugreifen?

Ja, mein maßgefertigtes Dreirad. Ein Fahrrad mit zwei Rädern kommt für mich nicht in Frage, da ich das Gleichgewicht nicht halten kann. Mein Dreirad ist besonders leicht, hat insgesamt mehr Gänge und vor allem einen Rückwärtsgang. Der ist wichtig, da ich das Dreirad beispielsweise auch im Supermarkt oder in Kaufhäusern nutze. Da muss ich nicht nur möglichst wendig sein, sondern eben auch mal rückwärts aus einem Fahrstuhl wieder herausfahren können.

Ich sage immer: Mein Dreirad ist mein Rollstuhl. Nur dass es eben anders aussieht. Meine Arme sind für den Antrieb eines Rollstuhls zu kurz und ich hätte auch nicht genug Kraft. Aber der Beinantrieb funktioniert eben gut. Für mich ist das Dreirad der Lückenschluss zwischen Langstrecken mit dem Auto und Kurzstrecken mit meinen Unterarmgehstützen.

Für Sie ist die Nutzung von angepassten Hilfsmitteln also ganz selbstverständlich?

Ja, wie für die meisten anderen kleinwüchsigen Menschen auch. Sie ermöglichen uns gleichberechtigte Teilhabe im Sinne der UN-Konvention. Im Büro habe ich zum Beispiel auch noch einen Elektro-Rollstuhl, den man hoch und runter fahren kann. Das ist sehr praktisch in der Kantine, um zu sehen, was es heute zu essen gibt. Oder auch bei Stehempfängen. Mit dem Rollstuhl kann ich dann auf Augenhöhe meines Gesprächspartners hochfahren. Es geht bei dem Rollstuhl also nicht unbedingt darum, von A nach B zu kommen, sondern eher um den Ausgleich von Höhenunterschieden.
Foto: Silke Schönfleisch-Backofen mit ihrem Assistenzhund

Ihr Assistenzhund Jack ist für Silke Schönfleisch-Backofen streng genommen auch eine Art "Mobilitätshilfe"; © Georg Mittelbach

Gibt es noch andere Aspekte von Mobilität, die für Sie eine Rolle spielen?

Ich habe einen Assistenzhund, der mir zum Beispiel meinen Schlüssel oder aber auch ein Blatt Papier aufheben kann. Auch er trägt zu meiner Mobilität bei. Denn ich muss durch ihn drei Mal am Tag vor die Tür. Er gibt mir nicht nur Sicherheit und fördert soziale Kontakte, er ist eben auch ein Anreiz, rauszugehen und mich zu bewegen.

Für Sie hat Mobilität also auch viel mit Bewegung generell zu tun?

Ja, auf jeden Fall! Man muss dabei nicht immer unbedingt zielgerichtet von A nach B kommen. Ich habe beispielsweise vor über vier Jahren mit dem Tanzen angefangen. Die Bewegungs- und Tanzmethode "DanceAbility" stammt ursprünglich aus den USA und hat mir schnell gezeigt, dass ich falsch lag, als ich früher immer dachte: "Tanzen? Kann ich nicht." Inzwischen ist Tanzen für mich eine Ausdrucksform, die mir nicht nur neues Selbstbewusstsein, sondern auch ein besseres Körperbewusstsein gibt. Hierbei geht es nicht um Defizite, sondern um Aspekte der allgemeinen Körperlichkeit. Auch das ist für mich Mobilität.
Foto: Silke Schönfleisch-Backofen beim Tanzen

Mobilität bedeutet auch Beweglichkeit für Silke Schönfleisch-Backofen. Sie hat vor einigen Jahren das Tanzen für sich entdeckt; © Günter Holzleitner, Michaela Fessel

Ich möchte nach all dem Gesagten aber noch einmal betonen, dass meine Art zu leben nur eine von vielen ist. Mein Weg ist also nicht das Non-Plus-Ultra für alle kleinwüchsigen Menschen! Jeder muss seine Form der Mobilität finden. Ob mit oder ohne Hilfsmittel wie zum Beispiel Gehstützen oder Rollstuhl – jeder sollte sich so fortbewegen, wie er es mag und braucht. Und Mobilität bedeutet ja auch nicht automatisch, dass man laufen können muss. Wichtig ist hierbei, wie in anderen Lebensbereichen auch, sich selbst zu fragen und für sich selbst zu entscheiden, was die beste Lösung für die eigene Mobilität ist.

 
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Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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