Nachgefragt bei Ludger Steffens

"Judo ist ideal für Menschen mit und ohne Behinderung"

Ein verändertes Gangbild und eine Lähmung der rechten Körperhälfte, besonders des Armes – diese Folgen eines Schlaganfalls scheinen auf den ersten Blick nicht die beste Voraussetzung für die Sportart Judo zu sein. Doch Ludger Steffens beweist gerne das Gegenteil. REHACARE.de sprach mit dem 63-Jährigen über Erfolge und Inklusion im Kampfsport.

26.11.2015

Foto: Ludger Steffens; Copyright: privat

Ludger Steffens; © privat

Herr Steffens, wie sind Sie ausgerechnet zum Judo gekommen?

Ludger Steffens: Ich habe bereits 1967, also in jungen Jahren, mit dem Judo angefangen und in den 80er Jahren zumindest schon meine Prüfungen zum Gelbgurt und später zum Grüngurt abgelegt. Nach meinem zweiten Schlaganfall 1999 bin ich dann zufällig im Internet auf einen Bericht über Judo für Menschen mit Behinderung gestoßen. Ich habe Kontakt aufgenommen und schon bald habe ich beim TSV Bayer Leverkusen wieder meine ersten Fallübungen, Würfe und Haltegriffe gemacht.

Für mich war es gut, dass ich so ganz langsam wieder in diesen Sport hineinkam und außerdem herausfinden konnte, was ich mit meiner Behinderung wirklich machen konnte und was nicht. Und heute weiß ich: Es gibt im Judo kaum etwas, was ich grundsätzlich nicht machen kann – ein paar Würfe, zum Beispiel Utsuri-goshi (Wechselhüftwurf), Ushiro-goshi (Hüftgegenwurf) und auch ein paar Techniken im Bodenkampf. Was ich außerdem herausgefunden habe, ist, dass ich mir fast alle Techniken selbst erarbeiten muss. Es gibt kaum etwas, was ich direkt vom Trainer, der eine Technik vor der Gruppe erklärt, übernehmen kann.

Trainieren Sie denn nach wie vor in dieser Gruppe, die sich speziell an Menschen mit Behinderung wendet?

Steffens: Nein, nachdem ich eine Weile mit ihnen trainiert hatte, habe ich mich irgendwann einer regulären Judogruppe angeschlossen. Der Gruppenleiter erklärte mir direkt, dass ich willkommen sei, er aber kein Sondertraining für mich machen könne. Also habe ich einfach selbst geschaut, was ich machen kann und was nicht. In diesem Verein, dem TSV Bayer Dormagen, bin ich dann auch mehrere Jahre geblieben. Ich habe wieder einen Judopass bekommen und konnte zum ersten Mal wieder eine Prüfung – zum zweiten Kyu – machen. Mensch, was war ich glücklich! Blauer Gurt! Und zwar der, den es für alle Judo-ka gibt, nicht eine Extralösung für behinderte Menschen. Und inzwischen habe ich sogar den ersten Dan!
Foto: Ludger Steffens mit anderen Judokas; Copyright: privat

Ludger Steffens (Mitte vorne) ist inzwischen in einer gemischten Judogruppe, in der Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam trainieren; © privat

Was würden Sie Menschen mit ähnlichen körperlichen Einschränkungen empfehlen, wenn sie sich für die Sportart Judo interessieren?

Steffens: Man muss versuchen herauszufinden, was man selbst noch machen kann. Kann man noch kämpfen? Oder will man lieber Randori (Übungskampf) machen oder sich stärker um die Kata (Technik-Abfolgen) kümmern? Wenn man das für sich herausgefunden hat, sollte man sich eine Gruppe oder einen Verein vor Ort suchen. Ob man eine spezifische Behindertensportgruppe oder doch eine reguläre Judogruppe wählt, muss jeder wohl für sich selbst entscheiden. Beides hat seine Vor- und Nachteile, die man für sich persönlich abwägen muss.

Findet man eine reguläre Gruppe oder einen Verein, wo man auch als Judo-ka mit körperlichen Einschränkungen mitmachen kann, so muss man sich jedoch darauf gefasst machen, dass man ein ganzes Stück weit auf sich allein gestellt sein wird. Wenn beispielsweise der Trainer eine bestimmte Bodenkampftechnik erklärt, überlege ich mir immer sofort, wie ich die Technik selbst anwenden und umsetzen kann.

Aber das Wichtigste ist, alle Übungen mitzumachen. Wenn eine Übung nicht geht, muss man sich Ersatz dafür suchen. Außerdem finde ich es wichtig, trotzdem Randori (Übungskämpfe) mit den anderen Judo-ka zu machen. Auch wenn man meist fliegt, übt man zumindest das Fallen. Und sollte man doch einmal selbst jemanden zu Boden werfen, ist das übrigens auch ein tolles Gefühl.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Steffens: Inklusion bedeutet für mich in einem Verein oder einer Gruppe zu trainieren wie jeder andere Mensch ohne Behinderung auch. Ich bin heute noch immer inklusiv aktiv, aber nicht in einer ausgewiesenen Inklusionsgruppe, sondern in mehreren "normalen" Judogruppen. Aber das ist für mich eine Selbstverständlichkeit.
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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