"Meine Behinderung eröffnet mir neue künstlerische Perspektiven"

Interview mit Markus Georg Reintgen, Fotokünstler

Die Fotografie ist der Dreh- und Angelpunkt im Leben des Künstlers Markus Georg Reintgen. Seit einem Unfall ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Das hindert ihn aber nicht daran, seine Umwelt genaustens zu betrachten und festzuhalten. Der Fotokünstler reist auf der Suche nach neuen Motiven durch die ganze Welt.

04.01.2016

Foto: Markus Georg Reintgen

Markus Georg Reintgen; © markus georg reintgen

Im Interview mit REHACARE.de erzählt er, warum ihm gerade das Thema "Krieg" so wichtig ist und inwieweit er durch seine sitzende Position eine neue Perspektive gewinnt.

Herr Reintgen, Sie greifen in Ihren Arbeiten immer wieder das Thema "Krieg" auf. Warum?

Reintgen: Einerseits wirkt das Thema sehr abstrakt. Große Ereignisse wie die Schlacht von Verdun liegen beispielsweise bereits 100 Jahre zurück. Der zeitliche Rahmen macht sie nicht mehr greifbar für unsere Gesellschaft. Andererseits hat das Thema eine aktuelle Brisanz. Auch in Deutschland ist die Lage von Krieg berührt, beispielsweise durch die Anschläge in Paris oder die Flüchtlingskrise. Überall redet man vom "Krieg gegen den Terror". Ich habe mich schon früh mit diesem Thema befasst – auch, weil es die Biografie meiner Großväter prägte. Für mich ist es wichtig, sich zu positionieren und die Erinnerungen wachzurufen. Vieles wird durch vorausgehende Ereignisse beschleunigt, so auch der Naziterror. Es kann schneller gehen als man denkt, dass Dinge passieren, die keiner mehr steuern kann.

Was reizt Sie an der Fotografie besonders?

Reintgen: Die Verzeitlichung. Die Fotografie hat - abgesehen von den technischen Innovationen, die zur Verfügung stehen - eine Dimension, die man schlecht greifen kann. Man könnte sagen, ich verstehe es etwas codierter. Ich übersetze. Auch die philosophischen Aspekte interessieren mich sehr. Das eine ist zum Beispiel die Entschleunigung. Gerade die Kameraarbeit mit Film schafft eine ganz besondere Ebene der Welt zu begegnen. Das hat mich nie losgelassen. Ich tue mich schwer, Worte zu finden und kann mich besser in Bildern ausdrücken.
Foto: eine Sanddüne mit Balken als Zugang - Utah Beach

Arbeit "longest day (utah beach)" aus dem Jahr 2007: Im Sand von Utah Beach (Frankreich) sind Rollstuhlspuren zu erkennen; © markus georg reintgen

Wie arbeiten Sie für gewöhnlich?

Reintgen: Die Projekte, an denen ich arbeite, laufen teilweise über Jahre. Viele Dinge kehren immer wieder. Aktuell habe ich ein Projektstipendium über sechs Monate, das vom Land Rheinland-Pfalz vergeben und finanziert wird. Das Thema ist Prora, das ehemalige KdF (Kraft durch Freude)-Seebad auf der Insel Rügen. Daran arbeite ich bereits seit 2008. Es sind oft gewachsene Ziele, von denen ich oft auf den verschiedensten Kommunikationswegen erfahren habe. Oder es sind eben solche feststehenden Begrifflichkeiten wie "Normandie" oder "Verdun", die nicht recherchiert werden müssen, da sie als Synonyme für den Krieg in unserem kulturellen Gedächtnis verankert sind.

Als Rollstuhlfahrer haben Sie automatisch eine veränderte Perspektive auf die Welt. Inwieweit bereichert dies Ihre Motivauswahl?

Reintgen: Durch meine besondere Perspektive versuche ich Übersetzungen zu finden, die zwangsläufig anders sein müssen. Von mir wird man in der Normandie keine Bunker, die im Sand versinken, sehen, weil ich gar nicht weiter als bis zu den Dünen komme. Ich sehe das auch nicht als Nachteil, sondern mache einfach etwas daraus. Aus meinen Werken liest man andere Dinge, die einen philosophischen beziehungsweise metaphorischen Hintergrund besitzen.

Bleibt man bei der Kameraarbeit, sehe ich meine Welt durch meine sitzende Position natürlich anders. Ich sehe sie aus einer gewissen "Untersicht", die aber auch keine Froschperspektive ist. Ich habe eine Art "Mittelsituation", die aber immer wieder dazu führt, dass ich einen Blick entwickeln kann, den ein stehender Mensch nicht wahrnimmt. Normalerweise setzt sich niemand in eine Landschaft. Viele Künstler gehen eher in Extreme. Sie legen sich auf den Boden oder nutzen Drohnen, um über Landschaften hinweg zu fliegen. Ich begreife es als Chance und habe einen guten Blick entwickelt.
Foto: Flugzeug in den Farben grün und rot

Arbeit "black in black" aus dem Jahr 2008: Einige der Bilder werden von Reintgen nachbearbeitet, um Kontraste noch intensiver hervorzuheben; © markus georg reintgen

Wenn Sie sich in unserer Kulturlandschaft einmal umsehen: Wie ergeht es Künstlern mit Behinderungen dort?

Reintgen: Ich weiß von Frau Bea Gellhorn, die die Geschäftsleitung der Online-Galerie Insider Art innehat, und auch von anderen Kollegen, dass es generell schwer ist. Man empfindet es zumindest schnell so, weil man sich oft in der Position wiederfindet, kämpfen zu müssen. Ich glaube auch, dass sich diese Ansicht generell auf Künstler, egal ob mit oder ohne Behinderung, überträgt. Ein Künstlerdasein und -leben, auch aus der Geschichte heraus, war irgendwie immer prekär. Es gibt einige, die einen Quantensprung schaffen. Das sind aber ganz wenige. Ich habe wirklich Glück, dass ich hier in Rheinland-Pfalz lebe. Meine Arbeit wird anerkannt und unterstützt, wie aktuell durch das bereits angesprochene Stipendium.

Was muss Ihrer Ansicht nach getan werden, um den Kulturbetrieb inklusiver zu gestalten?

Reintgen: Inklusiver geht immer. An der Lage gibt es immer etwas auszusetzen. Ich denke, durch die beharrliche Hintergrundarbeit von Menschen wie Frau Gellhorn und anderen, die jahrelang an diesen Dingen arbeiten, wird sich früher oder später etwas in den Köpfen der Menschen ändern. Das schlägt sich dann auch ganz konkret dadurch nieder, dass Menschen mit Behinderung durch eben Stipendien oder Künstlerhilfe am Kulturbetrieb teilhaben können. Bei eben jenen Menschen wie Frau Gellhorn, die sich für eine Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Kulturbetrieb, aber auch darüber hinaus, einsetzen, kann ich mich nur ganz herzlich bedanken.
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Melanie Günther
REHACARE.de