"Mit dem Lorm Glove erhalten taubblinde Menschen einen unabhängigen Zugang zu Informationen"

Direkt und vor Ort – so sieht die Kommunikationssituation für taubblinde Menschen derzeit aus. Das von ihnen genutzte Lormalphabet ist eine Buchstabiersprache und wird direkt in die Handinnenfläche gelormt. Eine Kommunikation über Entfernungen ist nur mit einer Mittelsperson möglich. Ein Handschuh soll das nun ändern.

01.10.2015

Foto: Tom Bieling

Tom Bieling; © Design Research Lab, Berlin

Tom Bieling ist Designforscher am Design Research Lab der Universität der Künste in Berlin. Er und sein Team haben den Lorm Glove genannten Handschuh entwickelt. REHACARE.de erzählte er, wie der Lorm Glove funktioniert und welches Potenzial er hat.

Herr Bieling, wie kam es zu der Idee, den Lorm Glove zu entwickeln?

Tom Bieling: In meiner Forschung beschäftige ich mich mit Mensch-Maschine-Interaktion und mit der Rolle von Technik im Alltag. Seit Jahren liegt mein Schwerpunkt dabei auf Technik und Inklusion beziehungsweise Technik und Behinderung.

Mobile Kommunikation und Technologien im Allgemeinen sind häufig eher an Mehrheiten adressiert und gerade diejenigen, die sowieso schon Teil einer Minderheit sind, fallen dabei durchs Raster. Deswegen habe ich mir Gedanken gemacht, wie man zum Beispiel mit Technik den Alltag von blinden oder gehörlosen Menschen vereinfachen kann. Als ich in diesem Zusammenhang einen öffentlichen Workshop mit Gehörlosen anbot, bekam ich auch eine Anfrage von einer taubblinden Person. Auch wenn es an dem Tag dann doch nicht passte, war mein Interesse am Thema geweckt.

Wie ging es dann weiter?

Bieling: Ich beschäftigte mich erst einmal intensiv mit den Kommunikationsmöglichkeiten taubblinder Menschen, vor allem also mit dem Lormalphabet. Wie funktioniert das eigentlich? Wo und wie kann man das lernen? Ich traf mich daraufhin öfter mit einer Gruppe taubblinder Menschen. Wir diskutierten Fragen wie etwa: Wie kann Technologie dabei helfen, dass die Taubblindheit bei der Kommunikation nicht mehr direkt im Vordergrund steht?

Anfangs liefen diese Überlegungen erst einmal nur als Nebenprojekt. Wir, das heißt meine Kollegen Ulrike Gollner, Tiago Martins und ich, trafen uns mit sogenannten Primär- und Sekundärbetroffenen und wir klärten technische Fragen, machten uns gemeinsam Gedanken über die Benutzerfreundlichkeit, Funktionsfähigkeit aber auch über die nötige Alltagstauglichkeit und die Gefahr der Stigmatisierung.
 
Foto: Finger berühren andere Hand beim Lormen

Beim Lormen entsprechen einzelne Punkte auf der Hand den jeweiligen Buchstaben des Alphabets. Diese werden nacheinander berührt, um zu kommunizieren; © privat: Edi Haug, Laura M. Schwengber

Ergebnis all dieser Überlegungen war dann ein spezieller Handschuh, der vor allem die Fernkommunikation für taubblinde Menschen ermöglicht. Wie funktioniert der Lorm Glove?

Bieling: Der Lorm Handschuh kann Texte sowohl senden als auch empfangen. Berührungen in der Handinnenfläche wandelt er in gesprochenen und/oder geschriebenen Text um. Eingehender Text wird über Vibrationssignale direkt in die Hand ausgegeben. Vibriert etwa eine bestimmte Stelle am Daumen, wird gerade der Buchstabe "a" übermittelt. Die Sensoren für die einzelnen Buchstaben sind gemäß des Lormalphabets überall in der Handinnenfläche angebracht. Damit ist die komplette Handfläche vernetzt. Zusätzlich läuft eine Mustererkennung im Hintergrund. Werden etwa fälschlicherweise ein Dreieck oder Quadrat geschrieben, erkennt der Handschuh die einzig mögliche Übersetzung als Kreis, der für den Buchstaben "s" steht.

Den ersten Prototyp hatten wir hauptsächlich auf Funktionalität ausgerichtet und wenig Wert auf die äußere Erscheinung gelegt. Es war tatsächlich ein Handschuh, jetzt ist es eher eine Auflagefläche zum Anschnallen. Anfangs gingen die Signale auch auf dem Handrücken ein, jetzt findet alles in der Handinnenfläche statt: lormen, senden und empfangen.
Foto: Blick von oben auf Tisch mit mehreren Lorm Gloves

Vom ersten Prototyp bis heute hat sich schon einiges verändert. Komplett fertig entwickelt ist der Lorm Glove allerdings noch nicht; © Design Research Lab, Berlin

Neben dem Handschuh gibt es auch noch die Lorm Hand. Was hat es damit auf sich?

Bieling: Unser Forschungsteam wurde zu einer großen Taubblinden-Demonstration in Berlin eingeladen. Da wir aber unseren Prototypen des Lorm Gloves vor Ort nicht der möglichen Beschädigung aussetzen wollten, haben wir dann die Handskulptur (Lorm Hand) entwickelt. Die Lorm Hand kann bis jetzt nur schreiben und senden. Sie ist allerdings automatisch an verschiedene Soziale Netzwerke gekoppelt. Da sie außerdem auch visuelles Feedback für Sehende gibt, eignet sie sich gut als Einstiegs- und Lernhilfe.

Man könnte auch sagen, dass die Hand das Festnetzpendant zum mobil einsetzbaren Handschuh ist. Auch wenn mit der Hand derzeit nur das Schreiben und Senden möglich ist, wollen wir dafür sorgen, dass man damit bald auch Texte empfangen kann.
Foto: Lorm Glove, Lorm Hand und diverse Social Media Symbole

Die Vernetzung mit verschiedenen Social Media Kanälen vereinfacht die Fernkommunikation mit anderen; © Design Research Lab, Berlin

Inwiefern kann der Lorm Glove zur Inklusion beitragen und ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen?

Bieling: Eine unabhängige und ungefilterte Informationsbeschaffung ist für taubblinde Menschen besonders wichtig. Mit dem Lorm Glove können sie zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort mit wem auch immer sie möchten kommunizieren! Sonst ist ihr Zugang zur Welt eher beschränkt. Denn sie sind meist auf eine Eins-zu-Eins-Kommunikation angewiesen. Das versetzt sie in der Regel in eine eher passive Position. Bei Fernkommunikation ist immer mindestens eine Person dazwischen, die oft automatisch filtert. Mit dem Lorm Glove erhalten taubblinde Menschen einen unabhängigen Zugang zu Informationen und können auch über Distanzen hinweg kommunizieren. Auch die Kommunikation mit mehreren Personen gleichzeitig ist nun möglich.

Die Behinderung an sich verliert also an Relevanz?

Bieling: Richtig. Aus "Tom, der Taubblinde" wird in erster Linie "Tom". Und auch im Alltag stünde die Behinderung nicht mehr automatisch im Vordergrund. Da der Handschuh per Bluetooth mit dem Smartphone gekoppelt ist und im Hintergrund eine App läuft, können auch alltägliche Mikrokontakte unkomplizierter werden. Zum Beispiel das Busticket kaufen oder Brötchen holen wird mit dem Lorm Glove deutlich einfacher.
Mehr über das Design Research Lab, Berlin unter: www.design-research-lab.org
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de