Nachgefragt bei mit Sigrid Arnade (Interessenverband Selbstbestimmt Leben ISL e.V.) und Eva-Maria und Andreas Mohn (Andreas-Mohn-Stiftung)

"Plattform Ability4Refugees will Hilfsmittel für behinderte Flüchtlinge vermitteln"

24.05.2016

Viele Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, legten diesen Weg im Rollstuhl oder auf Krücken zurück. Für sie waren die Belastungen der Flucht teils noch beschwerlicher und anstrengender. REHACARE.de sprach mit Sigrid Arnade vom Interessenverband Selbstbestimmt Leben ISL e.V. und Eva-Maria und Andreas Mohn von der Andreas-Mohn-Stiftung über die Plattform Ability4Refugees, die die Hilfsmittelversorgung für Geflüchtete verbessern soll.

Foto: Sigrid Arnade

Sigrid Arnade; © ISL

Wie schätzen Sie die Situation für Geflüchtete in Bezug auf die Hilfsmittelversorgung ein?

Sigrid Arnade und Eva-Maria und Andreas Mohn: In Deutschland ist es für Geflüchtete mit Behinderung oft schwer, geeignete Hilfsmittel wie Rollstühle, Gehhilfen oder Hörgeräte zu bekommen. Das Gesetz sieht in der Regel nur eine akute medizinische Versorgung vor. Wenn es geflüchteten Menschen gelingt, ein Hilfsmittel zu beantragen und zu erhalten, geht dem meist ein langer nervenaufreibender Kampf voraus, so dass es beispielsweise vorkommt, dass ein Rollstuhl für ein behindertes Kind erst bewilligt wird, wenn das Kind dem seinerzeit benötigten Hilfsmittel längst entwachsen ist. So geht wichtige Zeit für die persönliche Entwicklung und die Partizipation in der Gesellschaft verloren.

Foto: Eva-Maria und Andreas Mohn

Eva-Maria und Andreas Mohn; © privat

Welches Ziel steckt hinter der Facebook-Plattform Ability4Refugees?

Arnade, Mohn: Die Plattform Ability4Refugees will Hilfsmittel für behinderte Flüchtlinge vermitteln. Hier können Leute ihre nicht mehr benötigten Hilfsmittel einstellen und vor allem Flüchtlinge, die Hilfsmittel benötigen, ihre Anliegen veröffentlichen. Die Plattform schafft somit einen "Marktplatz", auf dem Nachfrage und Angebot zum Thema der Hilfsmittelversorgung von Flüchtlingen zusammentreffen – unter der Voraussetzung, dass die Hilfsmittel kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Wie können Menschen konkret auf Ability4Refugees helfen?

Arnade, Mohn:
Menschen, die helfen wollen, können auf der öffentlich zugänglichen Plattform "Ability4Refugees" auf Facebook ein Inserat aufgeben, in dem sie auf Deutsch und/oder Englisch beschreiben, um was für ein Hilfsmittel es sich handelt, das sie anbieten können, und davon gegebenenfalls auch ein Foto einstellen.

Die Hilfsmittelbörse unterteilt sich in drei Kategorien: 1. Ability4Refugees Living (Leben), 2. Ability4Refugees Mobility (Mobilität) und 3. Ability4Refugees Communication (Kommunikation). Für diese drei Bereiche gibt es jeweils eine Unterseite, die genutzt werden kann. Hier können dann die jeweiligen Hilfsmittel eingestellt werden, zum Beispiel Rollstühle, Gehhilfen, Blindenstöcke, Hörgeräte, Schienen, Therapiestühle, Reha-Buggys. Interessierte (Flüchtlinge, Flüchtlingshelfer*innen und Unterkünfte, aber auch zum Beispiel Sachbearbeiter*innen von Behörden, die helfen wollen) können hier recherchieren, welche Angebote vorhanden sind und Kontakt aufnehmen. Sie können aber auch selber ein Inserat aufgeben, wonach sie suchen, was dringend benötigt wird.

 

Foto: Screenshot der Facebookseite von Ability4Refugees
Was bedeutet für Sie Inklusion?

Arnade, Mohn: Inklusion bedeutet, dass die gesellschaftlichen Bedingungen so gestaltet werden, dass sie Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden. Körperlich oder sogenannte geistig behinderte Menschen können sich so mit ihrem Spiritus und ihren Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen, am Leben teilhaben. In einer inklusiven Gesellschaft können sie Mensch sein und das gesellschaftliche Miteinander leben. Davon profitieren dann alle Bürger*innen, egal welchen Geschlechts, egal wie alt, egal ob mit oder ohne Behinderung oder Migrationshintergrund, egal welcher Religionszugehörigkeit oder sexuellen Orientierung.

Das Konzept der Inklusion wurde mit der UN-Behindertenrechtskonvention bekannt und wird heute meist im Zusammenhang des Schulbesuchs behinderter Kinder diskutiert. Inklusion bedeutet aber mehr, wie ausgeführt.

Damit Geflüchtete mit Behinderungen inklusiv leben können, muss zunächst deren Grundbedürfnissen entsprochen werden. Und dazu gehört eine ausreichende Hilfsmittelversorgung, wie Betroffene aus aller Welt sehr gut wissen.

Hier geht es zur Facebook-Seite von Ability4Refugees
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de