"Schauspielern mit Behinderung werden nicht viele Rollen angeboten"

Interview mit Carina Kühne, Schauspielerin

Manchmal werden Träume eben doch wahr: Carina Kühne hätte nämlich nicht damit gerechnet, dass sie einmal eine Hauptrolle in einem inzwischen sogar preisgekürten Film spielen würde. Doch trotz dieses Erfolges sind noch einige Wünsche offen geblieben. Denn die Branche muss endlich inklusiv denken.

01.12.2015

Foto: Carina Kühne; Copyright: Peter Schäfer

Carina Kühne; © Peter Schäfer

REHACARE.de sprach mit der Schauspielerin über ihre Sicht auf die Branche und Barrieren in den Köpfen.

Frau Kühne, in "Be my Baby" spielen Sie die Hauptrolle der Nicole, die eine Familie gründen und ein ganz normales Leben führen möchte. Wie sehr können Sie sich mit der Rolle identifizieren?


Carina Kühne:
Ich kann mir gut vorstellen, eine Familie zu gründen und zu heiraten. Eigentlich wünscht sich das doch fast jeder. Trotzdem habe ich mich dagegen entschieden, Kinder zu bekommen, weil ich selbst das Down-Syndrom habe und es vielleicht vererben würde. Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie schwer es für Menschen mit Behinderung ist, einen Platz in der Regelschule, auf dem normalen Arbeitsmarkt oder eine ganz normale Rolle in einem Film zu bekommen. Das möchte ich meinem Kind gerne ersparen.

Der Film wurde nicht nur für den Grimme Preis 2015 nominiert, sondern hat schon Preise wie den Förderpreis Neues Deutsches Kino beim Münchner Filmfest oder das Mainzer Rad beim Festival des deutschen Kinos (FILMZ) gewonnen. Wie wichtig ist Ihnen das?

Kühne: Darüber freue ich mich sehr! Ich denke, dass der Film dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommt. Man spricht über den Film und ich glaube, dass manche Menschen dadurch neugierig werden und einen Film anschauen, der sie normalerweise nicht interessieren würde. Ich denke, dass der Film auch diese Preise bekommen hat, weil die Zuschauer sich unbewusst mit Nicole identifizieren können.

Inwiefern ist es Ihnen grundsätzlich wichtig, sich in Ihrer Rolle wiederzufinden?

Kühne:
Ich spiele ja eine Rolle und nicht mich selbst. Deshalb ist es nicht wichtig, dass ich mich in der Rolle wiederfinde. Ich muss mich nur hineinversetzen können. In der Rolle der Nicole konnte ich mich auch nicht wirklich wiederfinden. Ich persönlich spreche anders, bin sehr viel selbstständiger, brauche nicht immer jemanden, der auf mich aufpasst und hatte auch immer Freunde, die nicht behindert waren. Ich würde sehr gerne einmal eine Mörderin spielen, damit würde sicher keiner rechnen und das wäre eine besondere Wendung für die Zuschauer.
Foto: Carina Kühne sitzt auf einem Bett; Copyright: Peter Schäfer

Im Film "Be my Baby" spielt Carina Kühne die Rolle der Nicole, die gerne Mutter werden möchte; © Peter Schäfer

Wenn in einem Film eine Rolle mit einer Behinderung besetzt werden soll, werden dafür selten Menschen mit Behinderung ausgewählt, sondern eher Menschen ohne eine Behinderung. Wie finden Sie das?

Kühne: Leider werden Schauspielern mit Behinderung ohnehin nicht viele Rollen angeboten. Deshalb sollte es doch selbstverständlich sein, dass sie diese Rolle besetzen. Sie spielen viel authentischer als nicht behinderte Schauspieler. Da habe ich oft das Gefühl, dass sie die Behinderung übertrieben darstellen.

Was würden Sie sich stattdessen wünschen?

Kühne: Ich wünsche mir, dass Schauspieler mit Behinderung nicht nur solche Rollen bekommen. Eigentlich können sie in fast allen Filmen mitspielen. Ich könnte mir zum Beispiel auch vorstellen, dass die Serie "Unser Walter", in der es um ein Kind mit Down-Syndrom geht, aus den 60er Jahren wieder im Fernsehen gezeigt wird und dann aber auch noch eine neue Serie, in der alles anders ist, viel positiver, irgendwie normal und selbstverständlich. Meine Devise lautet: Wer gesehen wird, gehört dazu!

Wie finden Sie es, wenn in Filmen die Behinderung in den Vordergrund gerückt wird?

Kühne: Es wird wohl immer Filme geben, in denen es um das Thema Behinderung geht. Aber eigentlich wünsche ich mir, dass es mehr Filme gibt, in denen die Behinderung keine Rolle spielt. Leider haben die Filmemacher meist eine seltsame Vorstellung, wie sich Menschen mit Behinderung verhalten sollen. Das kommt oft gar nicht gut bei den Zuschauern an. Sie sehen nicht die schauspielerische Leistung, sondern denken, die sind eben so und können sich nicht anders verhalten. Das hilft dann leider nicht, die Barrieren in den Köpfen zu beseitigen.
Foto: Carina Kühne; Copyright: Georg Kliebhan

Carina Kühne bei den Filmfestspielen Biberach 2014; © Georg Kliebhan

Wie soll es in Zukunft mit Ihnen und der Schauspielerei weitergehen?

Kühne: Im wahren Leben habe ich nie eine Behinderteneinrichtung besucht, sondern immer Inklusion gelebt. Das wünsche ich mir auch in den Filmrollen. Ich möchte nicht immer die Behinderte spielen. Ich habe in Arztpraxen, in Kindergärten, Seniorenheimen, in einer Praxis für Entwicklungspädagogik, in einem Café als Servicekraft und als Verkäuferin im Supermarkt gearbeitet. Ich habe gemodelt, Klavierkonzerte gegeben, schreibe ein Blog, halte Vorträge und nehme an Diskussionen teil. Deshalb würde ich mich freuen, wenn ich auch im Film Inklusion leben dürfte. Ich möchte gerne zeigen, dass auch Menschen mit Down-Syndrom etwas leisten können und dazugehören.
Mehr über Carina Kühne unter: www.carinakuehne.wordpress.com
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Nadine Lormis
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