Nachgefragt bei Birgit Nofftz, Bundesverband der Schriftdolmetscher Deutschlands e.V.

"Schriftdolmetscher unterstützen bei einer gleichberechtigten Kommunikation"

Wenn hörbehinderte oder gehörlose Menschen nicht mit Hilfe von Gebärdensprache kommunizieren können oder wollen, gibt es noch eine andere Alternative für sie: Sogenannte Schriftdolmetscher bringen gesprochene Worte in Textform auf Papier, Bildschirm oder Leinwand. REHACARE.de fragte beim Bundesverband der Schriftdolmetscher Deutschlands e.V. nach und bekam einen kleinen Einblick ins Berufsbild.

26/03/2014

Foto: Birgit Nofftz mit einer Spracherkennungsmaske; Copyright: privat

Birgit Nofftz ist die stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der Schriftdolmetscher Deutschlands e. V. und nutzt hier eine Maske zur Spracherkennung; © privat

Frau Nofftz, worin besteht der Unterschied zum Gebärdensprachdolmetscher und welche Vorteile bietet das Schriftdolmetschen im direkten Vergleich?

Birgit Nofftz: Schriftdolmetscher und Gebärdensprachdolmetscher sind persönliche Hilfen für Menschen mit Hörbehinderung. Vereinfacht kann man sagen, dass Gebärdensprachdolmetscher für Menschen arbeiten, die die Gebärdensprache nutzen. Dort sind sie das zentrale Hilfsmittel. Schriftdolmetscher arbeiten für Menschen, die sich an der Lautsprache orientieren und/oder der Schriftsprache mächtig sind. Der größte Teil der hörbehinderten Menschen beherrscht die Gebärdensprache nicht. Wer im Laufe des Lebens schwerhörig wird oder ertaubt, erlernt die Gebärdensprache meist nicht mehr, denn die Gebärdensprache hat eine eigene Grammatik und Kultur. Diese Menschen können daher Schriftdolmetscher nutzen.

Schriftdolmetscher setzen das Gehörte in Schrift um. Der lautsprachliche Bezug bleibt bestehen, das heißt man kann gesprochene Wörter mit geschriebenen Wörtern vergleichen und so unter anderem Verstehenslücken auffüllen und neue Wörter lernen. Erscheint der Text bei Veranstaltungen auf der Leinwand, profitieren auch Menschen ohne Hörbehinderung davon, dass sie Informationen nach- oder mitlesen können. Nach Absprache und unter Einhaltung von Datenschutzauflagen ist es möglich, gegen eine Gebühr eine Mitschrift des gedolmetschten Texts zu erhalten.

Generell gibt es dabei keine Konkurrenzsituation zwischen Gebärdensprachdolmetschern und Schriftdolmetschern. Es bleibt dem Menschen mit Hörschädigung überlassen, welche Kommunikationshilfen oder Kommunikationshilfsmittel für ihn geeignet sind. Diese Entscheidung bleibt stets individuell.

In welchen Situationen werden Schriftdolmetscher eingesetzt und warum?

Nofftz: Schriftdolmetscher werden in ganz unterschiedlichen Situationen eingesetzt. Im Wesentlichen immer dann, wenn es wichtig ist, gleichberechtigt verstehen und kommunizieren zu können. Dies betrifft Arztbesuche ebenso wie Gerichtstermine und Besprechungen auf der Arbeit. Auch bei Fort- und Weiterbildungen, Ausbildungen, Studium und Schule werden Schriftdolmetscher regelmäßig eingesetzt. Einsätze zu kulturellen und privaten Zwecken nehmen mittlerweile ebenfalls zu.
Foto: Schriftdolmetscher im Einsatz; Copyright: privat

Ob im beruflichen Umfeld oder zu privaten Zwecken - Schriftdolmetscher kommen in vielen Situationen zum Einsatz; © privat

Wie ist die Ausbildung zum Schriftdolmetscher aufgebaut?

Nofftz:
Die Ausbildung zum Schriftdolmetscher besteht aus theoretischem und praktischem Unterricht sowie aus Praktika. Inhalt und Dauer der Ausbildungen sind vom Anbieter abhängig. Übergreifend kann man sagen, dass neben dem Erlernen der Dolmetschmethode (Schriftdolmetschen mit Spracherkennnung, konventioneller Methode oder maschinengestützte Computerstenographie), die Themen Technik, Hörbehinderung, Kommunikation, Ethik, Recht und Translation auf dem Ausbildungsplan stehen.

Was bedeutet für Sie Inklusion?


Nofftz: Inklusion bedeutet für mich, dass die Vielfalt der Menschen normal ist. Es bedeutet, dass ich selbst entscheiden kann, was ich mache und woran ich teilhabe; und dass ich weiß, es wird für mich zugänglich sein; dass ich weiß, alle werden sich darum bemühen, Hindernisse abzubauen - egal ob baulich oder kommunikativ. Es bedeutet auch, dass andere meine Fähigkeiten und Möglichkeiten in den Blick nehmen und entsprechend mit mir umgehen.
Mehr über den Bundesverband der Schriftdolmetscher Deutschlands e.V. unter: www.bsd-ev.org
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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