Nachgefragt bei Anna Hartmann, Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff)

"Suse" hilft gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen mit Behinderung

Repräsentative Studien zeigen: Frauen und Mädchen mit Behinderung sind häufiger von Gewalt betroffen als Frauen ohne Behinderung. Unterstützung suchen sie allerdings in den wenigsten Fällen, denn oft erschwert ihre Behinderung den Zugang zu entsprechenden Hilfesystemen. Das Projekt „Suse“ bietet Betroffenen barrierearme Unterstützungsangebote beispielsweise in Form von Leichter Sprache.

23.02.2016

Foto: Anna Hartmann

Anna Hartmann; © bff/Jörg Farys

REHACARE.de sprach mit Anna Hartmann vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff). Sie ist eine der Verantwortlichen des Projektes "Suse – sicher und selbstbestimmt. Frauen und Mädchen mit Behinderung stärken."

Frau Hartmann, wie stark sind Frauen mit Behinderung von Gewalterfahrungen betroffen?

Anna Hartmann: Frauen und Mädchen mit Behinderung erleben sehr häufig Gewalt. Lange Zeit war das Thema stark tabuisiert. Mittlerweile zeigen repräsentative Studien, dass etwa jede zweite Frau mit Behinderung sexualisierte Gewalt in Kindheit, Jugend oder als Erwachsene erlebt. Bei Frauen ohne Behinderung ist jede siebte mindestens einmal in ihrem Leben von schwerer sexualisierter Gewalt betroffen. Körperliche und psychische Gewalt, zum Beispiel in Form von Beschimpfungen, Bedrohungen oder Beleidigungen, erfahren Frauen mit Behinderung fast doppelt so häufig wie nichtbehinderte Frauen.

Männer mit Behinderung sind häufiger von Gewalt betroffen als nichtbehinderte Männer, so vor allem von sexualisierter oder körperlicher Gewalt. Zum Beispiel erleben 70 Prozent körperliche Gewalt im Erwachsenenalter. Männer erfahren häufiger Gewalt im öffentlichen Raum als Frauen. Sie werden insgesamt aber deutlich seltener Opfer von Gewalt als Frauen mit Behinderung.

Welche Formen von Gewalt erleben Frauen mit Behinderung in der Regel?

Anna Hartmann: Frauen und Mädchen mit Behinderung sind von Gewalt betroffen, weil sie Frauen sind und weil sie eine Behinderung haben. Geschlechtsspezifische Gewalt hat dabei ganz unterschiedliche Formen: Dazu zählen sexualisierte Gewalt und Übergriffe, häusliche Gewalt oder psychische Gewalt. Frauen mit Behinderung machen außerdem häufiger als nichtbehinderte Frauen Erfahrungen von Fremdbestimmung und Benachteiligung. Ihre Lebensbedingungen unterscheiden sich oft von denen nichtbehinderter Frauen. Die Abhängigkeit von Pflege oder das Leben in einer Einrichtung der Behindertenhilfe können Risikofaktorensein, denen Frauen ohne Behinderung nicht ausgesetzt sind. Lange Zeit galten solche Einrichtungen als besonders geschützte Orte, in denen demnach auch keine Übergriffe und Gewalt stattfinden. Das ist ein Trugschluss, denn viele behinderte Frauen, die in Einrichtungen leben, benennen auch strukturelle Benachteiligungen und Diskriminierungen. So hat zum Beispiel jede fünfte Frau kein eigenes Zimmer. Oft sind Toiletten und Badezimmer nicht abschließbar, was die Gefahr von Übergriffen erhöht. Ein Problem ist auch, dass Frauen und Mädchen mit Behinderungen nach einer Gewalterfahrung selten Beratung in Anspruch nehmen, weil der Zugang zum Hilfesystem erschwert ist.

Wie unterstützen Sie mit dem Projekt "Suse" Frauen mit Behinderung und was können Betroffene gegebenenfalls selbst tun?

Anna Hartmann: "Suse" ist ein Projekt des Bundesverbandes Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff). Es will behinderte Frauen und Mädchen stärken und informieren. Durch "Suse" sollen gewaltbetroffene Frauen und Mädchen mit Behinderung leichter Unterstützung erhalten. Das Ziel ist vor allem eine bessere Vernetzung zwischen Akteuren und Akteurinnen im Bereich der Behindertenhilfe, dem Bereich der Antigewaltarbeit und Selbstvertretungsvereinen. Oft fehlt es in der Behindertenhilfe an Wissen über Gewaltdynamiken und was zur Verhinderung von Gewalt getan werden kann. Fachberatungsstellen fehlt es manchmal an behinderungsspezifischen Kenntnissen. Für eine gute Unterstützung müssen Akteure und Akteurinnen vor Ort voneinander wissen, damitHilfen besser ineinandergreifen. Aber die Betroffenen selbst müssen ebenfalls wissen, dass auch sie das Angebot einer Frauenberatungsstelle nutzen können, und wo sie Hilfe bekommen.

Um lokale inklusive Netzwerke gegen Gewalt zu bilden, gibt es im Projekt fünf Modellregionen in vier Bundesländern. Dort sollen langfristige und verbindliche Kooperationen entstehen. Es wurde im Rahmen des Projektes "Suse" außerdem eine Onlineplattform (www.suse-hilft.de) entwickelt. Dort kann barrierearm nach Anlaufstellen vor Ort gesucht werden. Die Plattform enthält auch viele Informationen über Formen von Gewalt, teilweise in Leichter Sprache und Deutscher Gebärdensprache. Zuletzt ist die erste inklusive und barrierefreie Kampagne "Superheldin gegen Gewalt" gestartet. Ein animierter Kurzfilm erklärt in mehreren Sprachen, darunter auch in Leichter Sprache und mit Gebärdensprachdolmetschung, was Beratung ist und wo gewaltbetroffene Frauen und Mädchen Unterstützung in ihrer Nähe finden.

Foto: Screenshot aus dem Projektvideo
Foto: Screenshot aus dem Projektvideo
Foto: Screenshot aus dem Projektvideo
Was bedeutet für Sie Inklusion?

Anna Hartmann: Im Kleinen kann es heißen, dass ich mit meiner Projektkollegin, die auch eine Behinderung hat, in einem Team arbeiten kann, weil das Büro barrierefrei zugänglich ist. Im Großen geht es unter anderem darum, dass alle Menschen Zugang zu Recht und Unterstützung haben. Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland wäre ein großer Schritt, um endlich die Rechte von Menschen mit Behinderung, insbesondere auch von gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen mit Behinderung, anzuerkennen. Inklusion sollte aber nicht nur als reine staatliche Aufgabe gedacht werden. Es geht auch darum, auf mehreren Ebenen die Strukturen der Mehrheitsgesellschaft zu verändern.

Mehr über den bff unter: www.frauen-gegen-gewalt.de
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Melanie Günther
REHACARE.de