"Viele Arbeitgeber denken, dass sie Umbauten und Hilfsmittel selbst bezahlen müssen"

Interview mit Dennis Winkens, Online-Redakteur bei moso GmbH

02.11.2016

Dennis Winkens ist ein Paradebeispiel für die gelebte Inklusion im Beruf: Der Tetraplegiker schreibt als Online-Redakteur über verschiedene Hilfsmittel. REHACARE.de hat den 28-Jährigen in Remscheid bei seinem Arbeitgeber besucht und erfahren, wie er den Weg zu seinem Beruf gefunden hat und welchen Hürden er sich stellen musste.

Foto: Dennis Winkens; Copyright: beta-web/Dindas

Dennis Winkens ist oft als Schauspieler der Aktion Mensch-Kampagnen zu sehen; © beta-web/Dindas

Seit einem Unfall vor elf Jahren ist Dennis Winkens vom Hals abwärts gelähmt und sitzt in einem elektrischen Rollstuhl. Mit Hilfe seiner Mund-Maus kann er problemlos mit dem PC arbeiten.

Herr Winkens, Sie haben Ihren aktuellen Arbeitgeber vor einigen Jahren auf der REHACARE kennengelernt. Wie genau hat sich das ergeben?

Dennis Winkens: Kurz nach meiner Ausbildung als Bürokaufmann, bei einem Möbelhaus in Mönchengladbach, war ich spontan als Besucher auf der REHACARE 2011 und wollte mich unter anderem über Hilfsmittel erkundigen. Irgendwann bin ich am Stand der moso GmbH gelandet. Im Gespräch mit Klaus Gierse, unserem Geschäftsführer, habe ich dann erfahren, dass er aktuell jemanden für den Online-Bereich sucht, der bereits Kenntnisse im Hilfsmittelbereich mitbringt. Das passte perfekt zu mir. Seit Anfang 2012 bin ich nun hier in Remscheid und auch im Home-Office als Online-Redakteur tätig.

Was sind Ihre Aufgaben als Online-Redakteur?

Winkens: Zu meinen Aufgaben gehört hauptsächlich die Pflege der Firmenhomepage. Außerdem schreibe ich Berichte über Hilfsmittel unseres Unternehmens, zum Beispiel über Stehtrainer, Elektro-Rollstühle und Sitz-Systeme. Diese werden dann natürlich auch von mir auf unseren Social Media Plattformen verbreitet. Aber auch die Bildbearbeitung sowie das Erstellen von Animationen und Videos gehört zu meinen Tätigkeiten. Für den Internet-Auftritt bin hauptsächlich ich verantwortlich. Ich schreibe aber nicht nur über Hilfsmittel, sondern teste diese auch vor Ort und draußen. Meines Erachtens macht es einen großen Unterschied bei der Bewertung der Produkte, ob ein Kollege ohne Behinderung sich einfach hineinsetzt oder ob ich als Tetraplegiker diese Stühle teste.

Welche speziellen Hilfsmittel helfen Ihnen bei Ihrer täglichen Arbeit?

Winkens: Am wichtigsten ist meine Mund-Maus. Mit ihr kann ich mit Hilfe meines Mundes den Computer bedienen. Die Maus ist an meinem Schreibtisch befestigt und mit dem PC verbunden. Der Cursor meiner Maus bewegt sich entsprechend meiner Mundbewegungen. Wenn ich hinein puste, mache ich einen Rechts-Klick, sauge ich daran, so klicke ich links. Man kann allerdings noch weitere Befehle hinterlegen. Des Weiteren benutze ich noch eine Bildschirm-Tastatur mit Wortvorschlägen, um Texte schneller schreiben zu können und nicht jeden Buchstaben extra antippen zu müssen. Schreibe ich längere Texte, so benutze ich auch gerne die Spracherkennung, mit der funktioniert das Tippen schneller und flüssiger. Das sind die grundlegendsten Hilfsmittel, die ich für meine Arbeit brauche. Zusätzlich habe ich noch eine Arbeits-Assistenz, da ich zum Beispiel unsere Kamera nicht selbst bedienen kann. Sie fährt mich zur Arbeit und reicht mir auch einige Dinge an.

Bild: Dennis Winkens und Klaus Gierse; Copyright: beta-web/Dindas
Bild: Dennis Winkens an seiner Mund-Maus; Copyright: beta-web/Dindas
Bild: Dennis Winkens im Gespräch mit Klaus Gierse; Copyright: beta-web/Dindas
Bild: Dennis Winkens schaut auf sein iPad; Copyright: beta-web/Dindas

Wurden seitens Ihres Arbeitgebers bauliche Veränderungen am Arbeitsort nach Ihren Bedürfnissen vorgenommen?

Winkens: Um mich im Gebäude fortzubewegen, wurde beim Bau einiges mitbedacht, damit es komplett barrierefrei ist. Vorher waren wir noch in einem gemieteten Gebäude, dort konnte ich mich nicht frei bewegen. So kann ich jetzt mit meinem iPad den Aufzug steuern, um in die obere Etage in mein Büro zu gelangen. Außerdem lassen sich damit die Jalousien hoch- und runterfahren. Die Außentüren öffnen sich automatisch durch einen Bewegungsmelder. Um in die gegenüberliegende Werkstatt und zum Fotostudio zu gelangen, wurde auch dort ein Übergang für mich errichtet. Ich kann mich hier überall frei bewegen.

Auf welche Barrieren sind Sie in der Vergangenheit bei der Jobsuche gestoßen?

Winkens: Es fing bei mir direkt schon bei der Ausbildungssuche an: Nach meinem Abschluss an der Höheren Handelsschule bin ich zur Agentur für Arbeit, um mich zu informieren, welche Möglichkeiten ich in der Arbeitswelt habe. Von meinem Sachbearbeiter wurde zuerst freundlichst darauf hingewiesen, dass es Berufsbildungswerke gibt. Dies schien die einfachste Variante für ihn zu sein, da die Kosten schnell übernommen werden. Bei dieser Einrichtung wäre ich die ganze Woche über dort und nur am Wochenende bei meiner Familie. Ich habe von vorneherein gesagt, dass ich dies nicht möchte. Ich kann ganz normal im Büro arbeiten wie alle anderen Angestellten auch. Dies war meine größte Hürde, denn ich musste meinen Sachbearbeiter lange davon überzeugen, dass ich in keine Einrichtung muss. Dann durfte ich endlich Bewerbungen schreiben zu ersten Job-Verschlägen, die er für mich rausgesucht hatte.

Was muss sich in Zukunft – in den Unternehmen und in der Politik – ändern, damit immer mehr Menschen mit Behinderung außerhalb von speziellen Einrichtungen arbeiten können?

Winkens: Das fängt für mich schon beim Jobcenter an. Menschen mit Behinderungen dürfen nicht einfach in eine Schublade gesteckt werden, sondern müssen individuell beraten werden. Man sollte uns nicht einfach in eine Einrichtung stecken, denn auch wir können ganz normale Tätigkeiten ausüben. Außerdem sollten Arbeitgeber aufgeschlossen sein und nicht von vorneherein alles abblocken. Denn wir arbeiten vielleicht anders, mit speziellen Hilfsmitteln, aber nicht schlechter. Viele Arbeitgeber denken, dass sie Umbauten und Hilfsmittel selbst bezahlen müssen. Das stimmt aber nicht: Es gibt genug Förderungen, die die Inklusion im Beruf voranbringen können.

Foto: Lorraine Dindas; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Lorraine Dindas
REHACARE.de

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