"Viele unterschätzen die ökonomische Bedeutung des barrierefreien Tourismus in Europa"

Interview mit Dr. Victoria Eichhorn, Hochschule Fresenius München

Der Markt für barrierefreies Reisen in Europa existiert. Doch er wächst nur langsam. Dabei ist die Nachfrage groß, wie eine Studie jüngst belegte. Welche Bedürfnisse haben also mobilitäts- und aktivitätseingeschränkte Menschen? Und was kann die Reiseindustrie bieten – heute schon und in Zukunft?

01.04.2015

Foto: Dr. Victoria Eichhorn; Copyright: privat

Dr. Victoria Eichhorn; © privat

Dr. Victoria Eichhorn ist Studiengangsleiterin Tourismus-, Hotel- und Eventmanagement (B.A.) an der Hochschule Fresenius in München. REHACARE.de sprach mit ihr über Barrieren, Potenziale und Best Practice Beispiele.

Frau Dr. Eichhorn, Sie haben kürzlich in Berlin die Ergebnisse der Studie "Ökonomische Bedeutung und Reisemuster im barrierefreien Tourismus in Europa" vorgestellt. Diese wurde von der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben. Wie würden Sie die aktuelle Situation beschreiben?

Dr. Victoria Eichhorn: Ich denke man muss fairerweise sagen, dass wir in den letzten Jahren einige Entwicklungen gesehen haben. Die Informationen, die wir über die Nachfrage- und Angebotsstrukturen in den verschiedenen europäischen Ländern haben, sind allerdings eher bruchstückhaft. Aus diesem Grund unterstützte die Europäische Kommission drei Projekte, die sich mit dem Thema der Barrierefreiheit auf einer detaillierten und ganzheitlicheren Ebene beschäftigten und sowohl den europäischen Markt als auch die wichtigen Quellmärkte abdecken.

Eines der von Ihnen bereits angesprochenen Projekte analysierte die Nachfrage nach Barrierefreiheit. Der Zweck dieses Projektes war es, ein besseres Verständnis über die Größe und das Potenzial des Marktes für Barrierefreiheit (aktuell und inklusive einer Prognose bis 2020) zu entwickeln. Auch wollten wir mehr über die Reisemuster, das Reiseverhalten und die Erfahrungen von mobilitäts- und aktivitätseingeschränkten Menschen erfahren. Die Einsichten, die wir gewinnen konnten, werden hoffentlich den Anbietern helfen, diesen Marktbereich besser zu verstehen und ihnen somit ermöglichen, die entsprechenden Anpassungen vorzunehmen, um dieses Segment bedienen zu können. Dies ist unbedingt notwendig, um eine barrierefreie Umgebung zu schaffen und damit die Reiseangebote für alle Menschen zu erhöhen. Wir müssen an dieser Stelle auch betonen, dass Barrierefreiheit tatsächlich allen Menschen in der Gesellschaft zu Gute kommt – jeder hat Bedarf an einer barrierefrei gestalteten Umwelt (vorübergehend oder auch dauerhaft). Demzufolge sind Eltern mit Kindern ebenfalls ein Kernsegment des Marktes für Barrierefreiheit.  

Inwiefern hat barrierefreies Reisen eine ökonomische Bedeutung?

Eichhorn: Viele Leute unterschätzen die ökonomische Bedeutung des barrierefreien Tourismus in Europa. Hier sind nur ein paar Zahlen hierzu: Unsere Untersuchung ergab, dass Menschen mit Mobilitäts-und Aktivitätseinschränkung (in der EU) ungefähr 783 Millionen Reisen im Jahr 2012 innerhalb der EU unternahmen, während die Nachfrage nach Reisen bis zum Jahr 2020 auf etwa 862 Millionen Reisen pro Jahr steigen wird. Der aktuelle Tourismusmarkt erzeugte 786 Milliarden Euro Bruttogesamtumsatz und 394 Milliarden Euro als Beitrag zum Bruttoinlandprodukt, was einem Anteil von 3 Prozent am Bruttoinlandprodukt der 27 EU-Mitgliedsländer und 8,7 Millionen Berufstätigen innerhalb der EU entspricht. Dies ist unter Berücksichtigung direkter, indirekter und induzierter Beiträge (2012).

Die Wirtschaft der EU könnte von weiteren Beiträgen profitieren. Ausgehend von Szenarien von minimalen, mittleren und weitreichenden Verbesserungen der Barrierefreiheit, könnten Verbesserungen von etwa 18 Prozent bis 36 Prozent erwartet werden. Obwohl Argumente rund um die soziale Verantwortung sehr wichtig und notwendig sind, glauben wir dennoch, dass die Zahlen hinsichtlich der aktuellen und zukünftigen wirtschaftlichen Beiträge auch entscheidend sind, um einen starken Business Case zu bieten, der hoffentlich Anbieter überzeugen wird, (weiter) in Barrierefreiheit zu investieren.
Foto: Rollstuhlgerechte Wege an einem Strand; Copyright: panthermedia.net/Silvina Rusinek

Mit schon kleinen Maßnahmen lässt sich die Barrierefreiheit am Urlaubsort erhöhen und etwas mehr Teilhabe erreichen; © panthermedia.net/Silvina Rusinek

Welche Barrieren gibt es, mit denen Reisende sich auseinander setzen müssen?

Eichhorn: In unserer Studie untersuchten wir die zahlreichen Barrieren, denen mobilitäts-und aktivitätseingeschränkte Menschen immer noch ausgesetzt sind, wenn sie auf Reisen gehen möchten. Wir analysierten diese Barrieren bezüglich der Art der Einschränkung entlang der unterschiedlichen Segmente der touristischen Wertschöpfungskette. So prüften wir beispielsweise die Hauptbarrieren, denen Menschen ausgesetzt sind, wenn sie Informationen zu Reisezielen einholen und untersuchten die Haupthindernisse während der Anreise und am Zielort (in den Unterkünften, bei Attraktionsangeboten und im Verpflegungsbereich). Jetzt haben wir einen sehr umfassenden Überblick.

Bei der Erwägung aller Segmente der touristischen Wertschöpfungskette wurde das Fehlen barrierefreier Toiletten in allen touristischen Einrichtungen als Hauptbarriere angesehen, weil es Einzelpersonen daran hindert, ihren Urlaub vollständig zu genießen. Was besonders wichtig ist und dementsprechend auch unbedingt anzusprechen ist, ist die Meinung von Menschen mit Mobilitäts-und Aktivitätseinschränkung, dass Barrieren im zwischenmenschlichen Verhalten und im Service von größerer Bedeutung sind als infrastrukturelle Barrieren. Demzufolge müssen wir also umso intensiver daran arbeiten, diese interaktionalen Barrieren zu beseitigen. Mit anderen Worten: Wir müssen den zwischenmenschlichen Aspekt als wesentlichen Bestandteil im Kundenkontakt verbessern. Hier sind eine größere Sensibilität und Schulungsmaßnahmen in der Industriebranche gefordert. Allerdings sollten diese Schulungsmaßnahmen nicht auf der Industrieebene ansetzen. Eine Sensibilisierung für dieses Thema sollte bereits in den Schulen, Universitäten und anderen schulischen Einrichtungen stattfinden. Wir können es uns nicht leisten, dieses wichtige Thema für zukünftige Generationen von Tourismusmitarbeitern oder Managern, und auch generell für die Menschheit zu ignorieren.
Foto: Zwei Männer helfen einem Rollstuhlfahrer in ein Boot; Copyright: panthermedia.net/Manfred Sobottka

Wenn Mitarbeiter am Urlaubsort keine Berührungsängste haben und geschult sind im Umgang mit Menschen mit Behinderung, wird auch der Urlaub zu einem schönen Erlebnis; © panthermedia.net/Manfred Sobottka

Gibt es Best Practice Beispiele, die Sie hervorheben würden?

Eichhorn: Ich denke, wir sehen bereits einige sehr gute Beispiele. Auch was meinen vorangehenden Punkt betrifft, gibt es einige Hotelketten, die ein solides – und ständiges – Mitarbeitertraining anbieten. Es basiert auf den Prinzipien des Erfahrungslernens, das heißt jeder im Unternehmen bekommt Erfahrungen aus erster Hand, indem er im Rollstuhl sitzen oder sich mit verbundenen Augen fortbewegen muss. Diese Erfahrungen helfen nicht nur immens dabei, die Bedürfnisse von Menschen mit Mobilitäts-und Aktivitätseinschränkungen vollständig zu verstehen, sondern auch selbst Vorschläge machen zu können, wie man bestimmte Produkte und Dienstleistungen verbessern kann.

Welche Potenziale gilt es künftig noch besser auszuschöpfen?

Eichhorn: Es besteht ein zukünftiges Potenzial in Sachen Marketing und Förderung barrierefreier Angebote. Menschen mit Mobilitäts-und Aktivitätseinschränkungen betonen immer wieder, dass Informationen, die sie bezüglich barrierefreiem Tourismus brauchen, in die Standardmedien eingebunden werden sollten. Natürlich müssen diese Informationen auch absolut verlässlich sein, aber die Informationskanäle sollten die Gleichen sein, die von uns allen benutzt werden. Wir sollten auch sorgfältig prüfen, wie Menschen mit Mobilitäts- und Aktivitätseinschränkungen in Werbematerialien dargestellt werden. Diese sollten ansprechend sein und keinesfalls Klischeevorstellungen unterstreichen. Hierzu gibt es zahlreiche schlechte Beispiele.

Nur zur Erinnerung: Menschen mit Mobilitäts- und Aktivitätseinschränkungen haben viele ähnliche Reisewünsche und Verhaltensmuster wie andere Reisende. Deswegen müssen wir daran arbeiten, die bestehenden Barrieren abzubauen, damit auch Menschen mit Mobilitäts- und Aktivitätseinschränkungen die gleichen touristischen Erfahrungen wie alle anderen machen können.
Hier geht es zur kompletten Studie als PDF (in englischer Sprache)
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Nadine Lormis
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