Nachgefragt bei Dorothea Pitschnau-Michel, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)

"Welt-MS-Tag macht auf die Notwendigkeit der Inklusion aufmerksam"

Seit 2009 stellt der Welt-MS-Tag Multiple Sklerose und die Menschen, die mit dieser Erkrankung des Zentralen Nervensystems leben, rund um den Globus in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. REHACARE.de sprach mit Dorothea Pitschnau-Michel, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), über diesen besonderen Tag, der immer auf den letzten Mittwoch im Mai fällt.

26.05.2015

Foto: Dorothea Pitschnau-Michel; Copyright: DMSG, Bundesverband e.V.

Dorothea Pitschnau-Michel; © DMSG, Bundesverband e.V.

In Deutschland steht der diesjährige Welt-MS-Tag am 27. Mai unter dem Motto "MS reißt Löcher in den Alltag". Frau Pitschnau-Michel, was hat es mit diesem Motto genau auf sich?

Dorothea Pitschnau-Michel: Die Diagnose MS bedeutet nicht nur die Konfrontation mit einer noch immer unheilbaren Erkrankung des Zentralen Nervensystems, deren Verlauf nicht vorhersehbar ist. Sie bedeutet für jeden Einzelnen einen tiefen Einschnitt in seine Lebensplanung, verändert seinen Alltag, sein familiäres, gesellschaftliches und berufliches Leben. Das trifft sowohl für Neu-Erkrankte als auch für länger beziehungsweise lange Diagnostizierte  und auf alle Altersstufen zu. Für sie alle gilt: "MS reißt Löcher in ihren Alltag". Hinter dem Slogan steckt aber auch, dass durch die Erkrankung sogenannte "black holes" in Gehirn und Rückenmark entstehen können. Wichtige Fähigkeiten wie Laufen, Sehen, Greifen können verloren gehen. Um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, sind eine medizinische Behandlung und eine individuelle Beratung sehr wichtig. Darauf will die DMSG aufmerksam machen und das Bewusstsein, für die möglichen Auswirkungen durch die sichtbaren und unsichtbaren Symptome der MS in der Öffentlichkeit schärfen. Während die DMSG-Plakate und -Postkarten das Motto pointiert visualisieren, erzählen im DMSG-Flyer drei MS-Erkrankte von den Löchern, die die MS in ihren Alltag reißt.  

Warum und inwiefern unterscheidet sich das deutsche von dem internationalen Motto?

Pitschnau-Michel: Das eigentliche Motto der Multiple Sclerosis International Federation (MSIF), der 44 nationale MS-Gesellschaften rund um den Globus angehören, darunter auch die DMSG, lautet "Acces" (Zugang) und ist mit Absicht allgemein gemein gehalten, um den nationalen MS-Gesellschaften die Möglichkeit zu geben, einen eigenen plakativen Slogan zu kreieren und mit Leben zu erfüllen. Mit dem Hashtag #strongerthanMS lädt die MSIF zum internationalen Erfahrungsaustausch und zu virtuellen Begegnungen auf Twitter ein. Darauf weist die DMSG in ihren Veröffentlichungen hin und fordert zum Mitmachen auf.
Foto: Ausschnitt des DMSG-Flyers zum Welt-MS-Tag; Copyright: DMSG

Mit verschiedenen Flyern und Plakaten (hier ein Ausschnitt) zum Welt-MS-Tag wirbt die DMSG unter anderem für den internationalen Hashtag #strongerthanMS; © DMSG

Inwiefern ist der Welt-MS-Tag wichtig für Menschen, die mit Multipler Sklerose leben?

Pitschnau-Michel: Am Welt-MS-Tag geht es darum, ganz gezielt über die Erkrankung Multiple Sklerose und ihre Auswirkungen auf das tägliche Leben aufzuklären. Bei den Veranstaltungen und Aktionen im Rahmen des Welt-MS-Tages nutzen MS-Erkrankte die Möglichkeit, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren, die Probleme, die mit der Krankheit einhergehen, zu schildern, aber auch mit Vorurteilen aufzuräumen. Es ist ihr Tag, um das öffentliche Interesse auf sich zu ziehen und Solidarität einzufordern – in dem guten Bewusstsein, dass rund um diesen Tag in allen Teilen der Welt Multiple Sklerose thematisiert wird. MS ist eine weltweit verbreitete Krankheit, weltweit leben 2,5 Millionen, in Europa 500.000 und in Deutschland, nach einer aktuellen Untersuchung des Bundesversicherungsamtes, möglicherweise mehr als 200.000 Menschen mit MS. Die mit ihr verbundenen Schwierigkeiten lassen sich nur in einem globalen Miteinander lösen. Das gilt für alle Bereiche: die weltweite Ursachen- und Grundlagenforschung, die Durchsetzung therapeutischer Standards sowie die Umsetzung der gesellschaftlichen Teilhabe – der Welt-MS-Tag bietet hier eine großartige Bühne.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Pitschnau-Michel: Jeder Mensch hat Anspruch auf Selbstbestimmung, Diskriminierungsfreiheit und gleichberechtigte Teilhabe – das zumindest legt die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 auch in Deutschland gilt, fest. Leider sind wir noch immer weit von der tatsächlichen Realisierung entfernt, das muss sich ändern. Der DMSG-Bundesverband als Interessenvertreter MS-Erkrankter sieht es als seine wesentliche Aufgabe an, sich für das verbriefte Recht von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, zu denen ja MS zählt, auf einen ungehinderten Zugang zu den Leistungen des Gesundheitswesens und der Sozialversicherung, der Chancengleichheit in Schule, Ausbildung, Beruf, im gesellschaftlichen und familiären Leben, auf allen Ebenen einzusetzen. In der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Inklusion zu schaffen, ist unter anderem ein Schritt in die richtige Richtung und gehört auch zu den Anliegen des Welt-MS-Tages.

Mehr über die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. unter: www.dmsg.de
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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