"Wir erhoffen uns von dem Beckenrandwarnsystem weniger Verletzungen bei blinden Schwimmern"

Wird ein blinder Schwimmer mit einer langen Stange, an deren Ende ein Schaumstoffball befestigt ist, vom sogenannten "Tapper" an Kopf oder Rücken berührt, weiß dieser, dass der Beckenrand in greifbarer Nähe ist. Wird dieses Signal zu früh oder zu spät gegeben, kann das zur Disqualifikation oder zu Verletzungen führen. Forscher aus Leipzig tüfteln derzeit an einer Alternative.

03.08.2015

Foto: Prof. Dr. Ulrich Hartmann

Prof. Dr. Ulrich Hartmann; © Universität Leipzig

Prof. Dr. Ulrich Hartmann, Leiter des Instituts für Bewegungs- und Trainingswissenschaft der Sportarten II der Universität Leipzig und Wissenschaftlerin Alexandra Wippich betreuen das Forschungsprojekt. REHACARE.de sprach mit ihnen über unsichtbare Magnetvorhänge und strenge Regularien.

Herr Prof. Hartmann, Frau Wippich, wie kam es zu der Idee, ein Beckenrandwarnsystem für blinde Schwimmer zu entwickeln?

Alexandra Wippich: In Chemnitz hat vor ein paar Jahren ein Student eine gute Schwimmtruppe mit etwa fünf blinden Schwimmern aufgebaut. Diese Gruppe startete bereits erste Versuche und experimentierte in diese Richtung. Dadurch bin ich, als ehemalige Leistungsschwimmerin, auf das Thema aufmerksam geworden. Als ich dann erfahren habe, was genau ein "Tapper" macht, war ich schockiert. Das fand ich schon ganz schön brutal, wenn die Schwimmer so einen Schaumstoffball auf den Kopf bekommen. Da kam die Überlegung auf, dass das auch anders gehen muss.

Wie genau soll dieses Warnsystem funktionieren?

Ulrich Hartmann: Aus dem Fußball kennen einige vielleicht den magnetischen Torvorhang. Wir legen einen ähnlichen, unsichtbaren, magnetischen Vorhang quasi horizontal über das Wasser – circa 20 Zentimeter über der Wasseroberfläche, ungefähr einen Meter unter Wasser und in einem Bereich von etwa fünf Metern vor dem Beckenrand. Der Schwimmer trägt ein Neoprenband um den Kopf, worin sich ein Empfänger befindet. Passiert der Sportler diesen Vorhang, wird er mit einem Vibrationssignal aufmerksam gemacht, dass er sich in der Nähe des Beckenrandes befindet.

Welche Vorteile ergeben sich für die Schwimmer?

Wippich: Zum einen bekommen sie nicht mehr einen Ball auf den Kopf, wenn der Tapper durch dieses System abgelöst wird. Dadurch ergibt sich dann auch eine größere Selbstständigkeit, die den Athleten sehr wichtig ist. Zum anderen erhoffen wir uns durch das Warnsystem außerdem weniger Verletzungen – nicht nur im Wettkampf, sondern auch im Training. Denn auch Profischwimmern passiert das heute immer noch, dass sie mit dem Beckenrand kollidieren.
Foto: Alexandra Wippich

Alexandra Wippich; © Universität Leipzig

Werden blinde Schwimmer an der Entwicklung beteiligt?

Hartmann: Der Deutsche Behindertenschwimmverband hat Interesse bekundet, uns zu unterstützen.

Wippich: Und wir arbeiten mit Leipziger Vereinen und Stützpunkten zusammen. Die blinden Probanden trainieren sowieso direkt auf dem Campus. Zu Beginn des Projektes gab es beispielsweise Workshops, in denen wir mit blinden Schwimmern zwischen 14 und 17 Jahren zusammengearbeitet haben. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass die Sportler nur so viel Hilfe wollen wie wirklich nötig ist.

Wie ist denn der derzeitige Stand des Vorhabens?

Hartmann: Die Voruntersuchungen zum Projekt sind jetzt soweit abgeschlossen. Es geht nun um die konkrete Machbarkeit und Durchführbarkeit der Idee. Im Frühjahr 2016 wird es dann wohl die ersten praktischen Testläufe geben. Danach geht es um die Miniaturisierung und darum, das System noch weiter für die praktische Anwendung zu optimieren.

Wir haben inzwischen außerdem einen Kooperationspartner gefunden, eine Firma aus dem süddeutschen Raum. So können nun Wirtschaft und Universität kombiniert werden.
Foto: Schwimmer im Becken

Beim Schwimmen entstehen recht hohe Geschwindigkeiten. Wenn blinde Schwimmer nicht rechtzeitig vor dem Beckenrand gewarnt werden, kann es zu Verletzungen kommen; © panthermedia.net/Jenny Sturm

Wird das System auch in der Praxis eingesetzt werden, zum Beispiel bei sportlichen Wettkämpfen wie den Paralympics?

Hartmann: Das haben wir natürlich nicht in der Hand. Wir stellen in erster Linie das Tool zur Verfügung. Wenn alles gut geplant und durchgeführt wird, könnte es sich aber sicher durchsetzen. Das war aber gar nicht unser Ausgangsziel! Wir würden uns aber natürlich freuen.

Das Problem sind im Prinzip die Regularien der Verbände. Für den internationalen Schwimmverband sind beispielsweise die Tapper ein Ausnahmehilfsmittel. Auch unser neues System könnte als solches eingeordnet werden und muss danach erst noch offiziell anerkannt und entsprechend zertifiziert werden. Allerdings denken wir, dass unser System sowohl moderner als auch ethischer ist als der Tapper. Daher hoffen wir, dass es sich bei den Verbänden durchsetzen wird. Wenn nicht, haben sie unserer Meinung nach das Potenzial verkannt.
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
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