ADHS: Mehr Diagnosen, aber weniger medikamentöse Therapien

12/12/2014
Foto: Kind macht Hausaufgaben

Laut Studie werden immer mehr Kinder mit ADHS diagnostiziert; © Cathy Yeulet /panthermedia.net

In Deutschland steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, bei denen Ärzte die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostizieren. Mehr als eine halbe Million ist inzwischen betroffen, Jungen dreimal so häufig wie Mädchen. Dies belegt eine neue Studie der Wissenschaftler vom Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung, die erstmals Daten aller Versicherten in Deutschland analysiert.

Die Untersuchung belegt auch deutliche regionale Unterschiede. Diese betreffen sowohl die Häufigkeit der Diagnose als auch die medikamentöse Behandlung.

Im Zeitraum von 2008 bis 2011 ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und 14 Jahren mit einer ADHS-Diagnose von 3,7 auf 4,4 Prozent gestiegen. In absoluten Zahlen waren im Jahr 2008 über 465.000 von 12,5 Millionen gesetzlich versicherten Kindern und Jugendlichen betroffen und im Jahr 2011 mehr als 519.000 von 11,8 Millionen. Bei Jungen wurde die Störung generell dreimal häufiger festgestellt als bei Mädchen. Das geht aus den Abrechnungsdaten der kassenärztlichen Vereinigungen hervor, welche die Wissenschaftler vom Versorgungsatlas ausgewertet haben.

Die Zahl der betroffenen Kinder liegt etwas niedriger als in anderen Studien aus Deutschland, etwa in Untersuchungen von einigen Krankenkassen, die Daten ihrer Versicherten ausgewertet haben. Der Grund: "Um nur gesicherte Diagnosen zu erfassen, haben wir ausschließlich Fälle berücksichtigt, bei denen die Diagnose in wenigstens zwei Behandlungsquartalen gestellt wurde", erklärt Ramona Hering, Erstautorin der Studie. Denn es gibt Hinweise, dass vor allem bei Jungen öfters einmalige, jedoch nicht bestätigte ADHS-Diagnosen gestellt werden.

In Rheinland-Pfalz, Bayern, Brandenburg, Thüringen und Sachsen wird ADHS häufiger diagnostiziert als im Bundesdurchschnitt. Niedriger sind die Raten in Hamburg, Bremen, Hessen, Schleswig Holstein und Mecklenburg Vorpommern. Auf Kreisebene sind die Prävalenzraten generell im Südosten höher, vor allem in bestimmten Kreisen in Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Bayern. Aber auch in Rheinland-Pfalz sowie in manchen Gebieten Niedersachsens und Sachsen-Anhalts wird die Diagnose öfter gestellt.

Seltener wird ADHS hingegen in östlichen Teilen Baden-Württembergs, in Ost-Sachsen und im südwestlichen Bayern diagnostiziert. Auffällig ist insgesamt eine geringere Diagnosehäufigkeit in großen Städten gegenüber weniger dicht besiedelten Kreisen.

Geht es um die Ursachen dieser Unterschiede, können die Wissenschaftler allerdings nur Vermutungen anstellen. "Möglicherweise fallen hyperaktive Kinder in ländlichen Gegenden eher auf als in der Stadt", lautet eine Hypothese. Eine andere: Auch die Facharztdichte einer Region kann die korrekte Diagnosestellung beeinflussen. Ebenso wirkt sich der Sozialstatus einer Familie aus. "Wir wissen aus anderen Studien, dass ADHS bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus doppelt so häufig diagnostiziert wird wie bei Kindern aus Familien mit hohem Sozialstatus", erklärt Mandy Schulz, Mitautorin des Berichtes.

REHACARE.de; Quelle: Versorgungsatlas

Mehr über den Versorgungsatlas unter: www.versorgungsatlas.de