Altengerechte Quartiersentwicklung: Herausforderung und Chance

Interview mit Ursula Kremer-Preiß, Leiterin des Bereichs Wohnen und Quartier, Kuratorium Deutsche Altershilfe

29.09.2016

Beim altengerechten Quartierskonzept geht es um mehr als barrierefreie Wohnungen und verbesserte Pflege. Stattdessen steht bei dieser Idee der ganzheitliche Aspekt im Vordergrund. Das erfordert jedoch die Kooperation von vielen Akteuren. Auf dem REHACARE-Kongress "Wir fürs Quartier" haben die einzelnen Beteiligten die Möglichkeit, Erfahrungen und Informationen auszutauschen.

Bild: Frau Kremer-Preiß beim Kongress ; Copyright: beta-web/Höpfner

Ursula Kremer-Preiß spach auf dem REHACARE Kongress über altengerechte Quartiersentwicklung; © beta-web/Höpfner

REHACARE.de hat mit Ursula Kremer-Preiß über altengerechte Quartiersentwicklung gesprochen.

Frau Kremer-Preiß, der Schwerpunkt des diesjährigen REHACARE-Kongresses "Wir fürs Quartier" liegt auf einer altengerechten Quartiersentwicklung, durch welche die Herausforderungen des demographischen Wandels begegnet werden können. Wie sehen altersgerechte Quartiere aus? Oder anders gefragt: Was unterscheidet "normale" Quartiere von altersgerechten Quartieren?

Ursula Kremer-Preiß: Altersgerechte Quartiere gehen besonders auf die Bedürfnisse von Älteren ein. Man versucht die Wohnung und das Wohnumfeld so zu gestalten, dass Ältere, auch wenn sie in der Mobilität eingeschränkt, pflegebedürftig oder demenziell erkrankt sind, trotzdem noch in ihrem vertrauten Wohnumfeld bleiben können. Es gibt zum Beispiel barrierefreie Wohnungen, Beratungsangebote vor Ort, Begegnungsmöglichkeiten, die man vor Ort erreichen kann, oder auch viele Hilfen, die mobil ins Quartier hineingebracht oder kleinteilig vor Ort angeboten werden.

Vor welche Herausforderungen werden Land und Kommunen bei der Umsetzung eines altersgerechten Quartierkonzepts gestellt?

Kremer-Preiß: Um diese ganzen einzelnen Bausteine wirklich so im Quartier zu implementieren, dass es nachher auch ein altersgerechtes Quartier ist, braucht man sehr viele Akteure. Die Wohnungswirtschaft, die sozialen Dienstleister und die Kommune müssen sensibilisiert werden und miteinander zusammenarbeiten. Das ist eine der größten Herausforderungen: die Kooperationen im Quartier zwischen den doch sehr unterschiedlichen Akteuren.

Ein anderer Aspekt ist, dass es immer auch um die Bürger vor Ort, um die Älteren selber geht. Wichtig ist, dass sie in diesem ganzen Prozess auch eingebunden sind. Das heißt, schon am Anfang sollen sie ihre Wünsche einbringen können. Und auch nachher bei der Umsetzung müssen sie dabei unterstützt werden, sich zu beteiligen. Das heißt, die Aktivierung der Bürgerbeteiligung ist die zweite große Herausforderung.

Warum ist Quartiersentwicklung so ein wichtiges Thema im Bereich altengerechtes Wohnen?

Kremer-Preiß: Der Quartiersansatz ist ein Ansatz, mit dem man einige Herausforderungen, die sich in Zukunft stellen werden, vielleicht lösen kann. Wir stehen vor der Herausforderung, dass es immer mehr unterstützungsbedürftige, ältere Menschen gibt. Auf der anderen Seite gibt es immer weniger Jüngere, die zur Versorgung der wachsenden Zahl der Älteren zur Verfügung stehen. Wir müssen möglichst viele andere Akteure gewinnen, sich in diesen Prozess einzubringen. Vor allem auch die ältere Generation selbst, sie haben eigenen Vorstellungen und enorme Potentiale, die wir nutzen müssen. Das gelingt am ehesten in sozialen Lebensräumen, wo man über viele Jahre zusammengelebt hat und wo schon Beziehungen gewachsen sind. Da wird es eher gelingen, Eigenaktivitäten und gegenseitige Hilfe zu motivieren, weil man damit auch den eigenen Lebensraumgestaltet. Man hofft, dass Kooperation, Vernetzung und Aktivierung am ehesten in den Lebensräumen, mit denen sich die Menschen identifizieren, erreicht werden können.

Das Thema Ihres Vortrags lautet "Es muss Quartier drin sein, wo Quartier drauf steht". Was genau meinen Sie damit?

Kremer-Preiß: In den vergangenen Jahren sind viele Aktivitäten und Ansätze gestartet worden, um Quartiere altengerecht zu gestalten. Häufig wurden allerdings lediglich einzelne Elemente umgesetzt. Aber ein Quartiersansatz ist ein umfassendes Konzept. Wenn bestimmte Strukturprinzipien hier nicht gewahrt werden, dann ist es auch kein Quartierskonzept. Es stellt sich die Frage: Was muss man an grundlegenden Strukturprinzipien wahren, damit man auch wirklich sagen kann, dass es sich um ein Quartiersprojekt handelt und nicht nur um ein altersgerechtes Wohnen? Es geht darum, die Lebensräume ganzheitlich auf die Bedürfnisse von älteren Menschen auszurichten und dabei Bürger zu beteiligen und viele örtliche Akteure einzubinden. Diese drei Dinge muss man bei einem Quartierskonzept wahren.   

Was erhoffen Sie sich vom Informationsaustausch auf dem REHACARE-Kongress?

Kremer-Preiß: Das Kuratorium Deutsche Altershilfe hat die Erfahrung gemacht, dass an vielen Bereichen über diesen Ansatz diskutiert wird und auch viele Dinge schon in Angriff genommen und umgesetzt werden. Sehr viele Akteure haben sich aus unterschiedlichen Richtungen auf den Weg gemacht, Quartiersprojekte umzusetzen. Wir erhoffen uns vom Kongress, dass diese Akteure voneinander lernen und einander informieren, wie sie Lösungswege für Herausforderungen gefunden haben. Oder dass andere motiviert werden, auch in diese Richtung zu gehen.

Inwiefern gehört das Thema Quartierskonzepte auf eine Messe wie die REHACARE?

Kremer-Preiß: Ich denke, dass es ein ganz wichtiges Thema ist und dass man in Zukunft die Bedürfnisse von älteren oder auch behinderten Menschen nicht nur mit der Optimierung von pflegerischen und unterstützenden Versorgungsleistungen beantworten kann. Stattdessen ist ein ganzheitlicher Ansatz notwendig. Und dafür steht das Quartierskonzept. Es geht natürlich darum, auch für Hilfebedürftige, für Menschen mit Behinderung, für Demenzkranke Hilfen vor Ort sicherzustellen. Aber das ist nicht alles. Sie brauchen auch altersgerechte Wohnungen, Hilfen, damit sie soziale Kontakte pflegen und am Leben teilhaben und ein Wohnumfeld, das sie selbstständig nutzen können. Es geht um einen ganzheitlichen Ansatz, wofür das Quartierskonzept steht. In diesem Sinne ist dies auch ein wichtiges Thema für die REHACARE, die das Ziel verfolgt, unterstützungsbedürftigen Menschen ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben in ihrem vertrauten Wohnumfeld zu ermöglichen.

Mehr Informationen zum REHACARE Kongress unter: www.rehacare.de

Olga Wart
REHACARE.de