Nachgefragt bei Dr. Peter Müller, Vorsitzender der Stiftung Gesundheit

An Barrierefreiheit in Arztpraxen sollte von Anfang an gedacht werden

Behindertenparkplätze, niedriger Tresen, Treppenlifte und Aufzüge – dies sind nur einige Vorkehrungen, die eine barrierefreie Arztpraxis ausmachen. Doch viele Praxen erfüllen diese Ansprüche nicht. Um die vorhandenen barrierefreien Praxen im näheren Umkreis zu finden, hat das Projekt "Barrierefreie Praxis" der Stiftung Gesundheit ein Verzeichnis erstellt, um Menschen mit Behinderung die Suche zu erleichtern.

28/04/2016

Foto: Dr. Peter Müller

Dr. Peter Müller; © Stiftung Gesundheit

REHACARE.de sprach mit Dr. Peter Müller. Er ist Vorsitzender der Stiftung Gesundheit, welche das Projekt mit ihrer Fördergemeinschaft 2009 ins Leben gerufen hat.

Dr. Müller, welche Ziele verfolgen Sie mit dem Projekt?

Dr. Peter Müller: Wir möchten einen möglichst guten Dienst dazu beitragen, dass alle Patienten den Weg zum für sie bestgeeignetsten Arzt finden. Die Stiftung Gesundheit, die bereits 1996 gegründet wurde, ist daher Trägerin der Arzt-Auskunft, dem umfassenden Verzeichnis aller medizinischen Leistungserbringer in Deutschland. Auf diesem Verzeichnis baut seit 2009 das Projekt „Barrierefreie Praxis“ auf, das die Informationen der Arzt-Auskunft um Angaben zur Barrierefreiheit ergänzt. Unsere Motivation ist einfach beschrieben: Das Thema hat einfach niemand anderes angepackt – obwohl der Bedarf bei vielen Menschen hoch ist. Wir sprechen übrigens nicht nur über Rollstuhlfahrer: Barrierefreiheit bedeutet beispielsweise auch, auf die Bedürfnisse von in ihrer Seh- oder Hörfähigkeit eingeschränkten Menschen einzugehen.

Das Projekt ist erfolgreich: Bislang haben uns rund 80.000 Ärzte Angaben zur Barrierefreiheit ihrer Praxis übermittelt – obwohl uns das natürlich freut, bleibt nach wie vor aber Luft nach oben. Ein Nebeneffekt dieser Arbeit ist auch, dass wir mit Unternehmen sowie Bundes- und Landespolitikern in intensivem Austausch stehen. Unsere Arbeit weckt Interesse – und Patienten profitieren durch die bessere Auffindbarkeit der für sie geeigneten Ärzte. 

Warum sind viele Arztpraxen nicht barrierefrei?

Müller: Das muss man sehr differenziert betrachten. Natürlich sind mit der Barrierefreiheit Kosten verbunden. Ein hinreichendes Maß an Bewusstheit schon bei der Praxis-Planung kann die Mehrkosten aber deutlich reduzieren. Farbige Türzargen für Leute mit eingeschränkter Sicht, Halterungen für Gehhilfen oder ein niedriger Empfangstisch, sodass die Praxis-Mitarbeiter auch Rollstuhlfahrern wortwörtlich auf Augenhöhe begegnen können – all das ist günstiger, wenn man derlei Maßnahmen schon beim Praxis-Neubau berücksichtigt.

Gründe, warum viele Praxen dennoch nicht barrierefrei sind, gibt es viele: Beispielsweise wird das Thema in der Bedarfsplanung bei der Vergabe von Vertragsarztsitzen nicht wirklich berücksichtigt. Und oft eignen sich die baulichen Gegebenheiten einfach nicht, um behinderten Menschen wirksam entgegenzukommen. Manche Ärzte haben uns aber auch schon mitgeteilt, dass sie gar nicht barrierefrei sein wollen – weil die vornehmliche Behandlung von Patienten mit Behinderungen nicht wirtschaftlich sei.

Foto: Deutschlandkarte

Welche Maßnahmen müssten durchgeführt werden, damit man eine Praxis als barrierefrei bezeichnen kann?

Müller: Die Frage ist nur schwer zu beantworten, denn „die“ Barrierefreiheit gibt es nicht: So unterschiedlich wie die Einschränkungen der Patienten sind auch ihre individuellen Ansprüche an die Arztpraxis. Das heißt, dass es in der Barrierefreiheit unweigerlich Zielkonflikte gibt: Ein Blindenhund im Wartezimmer eines Allergologen ist ein bildhaftes Beispiel dafür. Deshalb gehen Maximalforderungen, dass alle Praxen für jeden Menschen nutzbar sein sollen, auch an der Realität vorbei.

Um die Ärzteschaft bei der sinnvollen Gestaltung ihrer Praxen zu unterstützen, haben wir daher gemeinsam mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales das Praxis-Tool Barrierefreiheit entwickelt, ein interaktives Expertensystem für die barrierefreie Praxisplanung.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Müller: Inklusion ist ein weites Feld. Und es ist ungeheuer wichtig, es differenziert zu diskutieren. Mit Blick auf die ärztliche Versorgung heißt das für uns, dass jeder Mensch die gleichberechtigte Chance auf das Grundrecht der freien Arztwahl haben sollte. Daran gebricht es hierzulande noch, weil die Dichte an barrierefreien Praxen für Menschen mit Behinderung nach wie vor zu niedrig ist. Die Wahrnehmung dieses Problems und die Bereitschaft, daran etwas zu ändern, erscheinen uns an etlichen Stellen leider noch unzureichend.

Mehr über das Projekt "Barrierefreie Praxis" unter: www.stiftung-gesundheit-foerdergemeinschaft.de
Foto: Lorraine Dindas

© B. Frommann

Lorraine Dindas
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