App FURDY hilft, kommunikative Barrieren zu überwinden und kognitive Fähigkeiten zu fördern

21.11.2016

Vielseitig einsetzbares Instrument für die Kommunikation zwischen Autisten, Angehörigen und Betreuern wird auf Jubiläumsfeier des Master-Studiengangs Barrierefreie Systeme vorgestellt.

Foto: Zeichenbrett FURDY; Copyright: Christoph Noll, Tagesförderstätte für Menschen mit Autismus in Unterfranken (TAU)

FURDY im Einsatz: Mit dem Zeichenbrett können auf kreative Weise Stimmungen, Wünsche und Sehnsüchte dargestellt und die motorischen Fähigkeiten stimuliert werden; © Christoph Noll, Tagesförderstätte für Menschen mit Autismus in Unterfranken (TAU)

Zum 11-jährigen Jubiläum des Masterstudiengangs Barrierefreie Systeme (BaSys) unter dem Motto "Eine Dekade BaSys 10+" lädt die Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) alle Interessierten ein, über eine inklusive Welt zu diskutieren. Erwartet werden dazu am 22. November 2016 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Vertreter/-innen verschiedener Interessenverbände, Studieninteressierte und Alumni. Auch Absolvent Benjamin Göddel wird vor Ort seine App FURDY präsentieren, die er entwickelt hat, um Autisten und deren Umfeld zu helfen.

"Wenn Sprache als Mittel der Verständigung nicht ausreicht, bedarf es intelligenter Lösungen", erklärt Göddel (33) seine Motivation die App zu programmieren, die auch "als Hilfe zur Selbsthilfe" dienen soll. "FURDY kommt von Fördern", erklärt er. Der frühkindliche Autismus ist als komplexe neurologische Entwicklungsstörung definiert, die unterschiedlichste Ausprägungen haben kann, und die bis heute noch viele unbekannte Größen beinhaltet. Im Vordergrund steht jedoch immer die Schwierigkeit der Betroffenen, Informationen wahrzunehmen und in eine soziale Interaktion umzusetzen – das Problem liegt in der höchst begrenzten Fähigkeit zu kommunizieren. Bekannt ist seit längerem, dass die Visualisierung von Informationen für die Auseinandersetzung sehr hilfreich ist. Viele Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sprechen überhaupt nicht. Dafür haben verschiedene Anbieter bereits Bildkartensysteme entwickelt, die ganz alltägliche Themen nonverbal in Bildern darstellen. Wie viele Bilder nötig sind, um nur die einfachsten Vorgänge eines gewöhnlichen Tagesablaufs zu visualisieren, ist leicht vorstellbar. Aber wie finden die betroffenen "Gesprächsteilnehmer" die entsprechenden Karten zu dem, was sie sagen bzw. darstellen möchten? Bisher herrscht in den Betreuungseinrichtungen für die Sortierung und Aufbewahrung der Bildkarten ein sehr strenges Ordnungssystem. FURDY hat die Bildkarten der beiden gängigsten Anbieter integriert. Die elektronische Ordnung vereinfacht und beschleunigt die Kommunikation erheblich, allein schon weil die App die Aufräumarbeit überflüssig macht. Die Themen lassen sich sehr viel einfacher und schneller finden und aufrufen.

Nachdem der gebürtige Hanauer Göddel seinen Bachelor of Science in Informatik an der Frankfurt UAS absolviert hatte, belegte er dort den Masterstudiengang "Barrierefreie Systeme". Im Rahmen seiner Masterthesis hat Benjamin Göddel eine Idee aus einem interdisziplinären Projekt des Studiengangs BaSys zu FURDY weiter entwickelt. Mit FURDY ist ein vielseitig einsetzbares Instrument für die Erleichterung kommunikativer Vorgänge entstanden. Die App unterstützt das kontinuierliche Training kognitiver Fähigkeiten und führt so zu einer wachsenden Selbstständigkeit der Betroffenen. Und das hat automatisch auch eine große Entlastung für Familien und Betreuer zur Folge. "Wer 'barrierefrei' hört, denkt zunächst sicher an körperliche Behinderungen. Auf der physischen Ebene sind die Anforderungen an Hilfsmittel zur Überwindung von Barrieren vergleichsweise leicht nachvollziehbar. Schwieriger wird es bei Behinderungen, die jenseits der greifbaren Einschränkungen liegen. FURDY ist somit eine revolutionäre Erfindung", bekräftigt Prof. Dr. Gerd Döben-Henisch, der Göddel im interdisziplinären Projekt begleitete und dann zusammen mit Prof. Dr. Matthias Deegener die Masterthesis betreute. FURDY wurde für androidbasierte Systeme entwickelt und ist bald im Google Play Store erhältlich.

Mit der Aufgaben-Funktion werden komplexe Aufgaben in einzelne, für die Betroffenen leicht nachvollziehbare Schritte aufgeteilt. Über den Tagesplaner können die wichtigsten Abläufe eines Tages komplett zusammengestellt und nacheinander abgearbeitet werden. Mit dem Talker funktioniert der Informationsaustausch schneller und interaktiver. Mit dem Zeichenbrett können auf kreative Weise Stimmungen, Wünsche und Sehnsüchte dargestellt und die motorischen Fähigkeiten stimuliert werden. Auf dem Schlagzeug werden Takt und Rhythmus spielerisch trainiert – und überschüssige Energien kanalisiert. Ein Sprachcomputer übersetzt geschriebene Texte in eine phonetische Sprachausgabe und animiert zum Schreiben und Nachsprechen. FURDY ist individuell konfigurier- und erweiterbar. Neue Kommunikationskarten werden zum Beispiel per Fotografie erstellt. In der Notizfunktion können allerlei wichtige Informationen zur betreuten Person gesammelt werden, zum Beispiel Vorlieben, Abneigungen, Allergien, Medikamente. Die elektronische Lärmampel visualisiert den Geräuschpegel im Raum und macht mit rot und einem akustischen Signal darauf aufmerksam, dass es an der Zeit ist, etwas ruhiger zu werden.

REHACARE.de; Quelle: Frankfurt University of Applied Sciences
Mehr über die Frankfurt University of Applied Sciences unter: www.frankfurt-university.de