App für ein barrierefreies Bochum

22.06.2015
Foto: Studierende der Hochschule Bochum mit Spezialbrillen

Im Auftrag der Barrierefreiheit: Mit Spezialbrillen, Gewichten und Gelenk-Manschetten machten sich die Studierenden der Hochschule Bochum auf den Weg durch die Innenstadt; © Martin Bußkamp, Stadt Bochum

In Zusammenarbeit mit der Unfallkasse NRW und der Stadt Bochum konnten Studierende der Hochschule Bochum im wahrsten Sinne des Wortes "erleben", mit welchen Barrieren sich ältere oder behinderte Menschen im städtischen Alltag konfrontiert sehen. Der graue Star wurde bei ihnen lediglich durch eine Spezialbrille, die Gelenksteife durch Manschetten an Knien und Ellbogen sowie eine Halskrause simuliert.

Innerhalb weniger Minuten war Hans-Friedrich Voß um etwa 50 Jahre gealtert. Steife Gelenke und grauer Star führten dazu, dass er nur noch schleppend vorankam und den Geldautomaten fast übersehen hätte. Den Schlitz für die Bankkarte findet er tastend, an das gewünschte Bargeld kommt er trotzdem nicht. "Ich kann einfach nicht erkennen, was auf dem Display steht", sagt der 23-jährige Wirtschaftsstudent kopfschüttelnd. Als er sich hinunterbeugen will, um besser sehen zu können, klappt das auch nicht. "Keine schöne Erfahrung", so Voß.

"Am Anfang war das eher lustig, weil die Wahrnehmung stark verändert ist und man unfreiwillig mit anderen oder mit Hindernissen zusammenstößt", erzählt BWL-Student Ouassim Azzi: "Bald ist es dann aber nur noch anstrengend und lästig."

Hintergrund für die Selbsterfahrung ist eine Projektarbeit am Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Bochum. "Gemeinsam mit unseren Studierenden setzen wir uns für Barrierefreiheit am Campus und im Stadtgebiet ein", erläutert Professor Dieter Rüth, Behindertenbeauftragter der Hochschule. Dazu werden in einer ersten Phase Mängel und Probleme erfasst. Neben der Begehung der Hochschule wird auch der Bochumer Innenstadtbereich sowie der öffentliche Nahverkehr samt Bahnhöfen kritisch unter die Lupe genommen.

"In den letzten Jahren sind zwar viele Anstrengungen unternommen worden, um Barrieren im öffentlichen Bereich und im Nahverkehr abzubauen", so Projektmitarbeiter Benjamin Thomas, der aufgrund einer Gehbehinderung selber auf einen Rollstuhl angewiesen ist: "Trotzdem gibt es immer noch zahlreiche Gebäude und Straßen, die nicht barrierefrei gestaltet sind."

Für Studierende, die bewegungsbeeinträchtigt, schwer sehbehindert oder blind sind, spielt der Aspekt "Barrierefreiheit" oft eine entscheidende Rolle bei der Wahl des Studienorts. "Letztlich wollen wir unsere Hochschule und unsere Stadt attraktiver für beeinträchtigte Menschen machen", fasst Dieter Rüth das Ziel der Projektarbeit zusammen.

Derzeit erstellen die Bochumer Wirtschaftsstudierenden gemeinsam mit Mitarbeitern des Fachbereichs Geodäsie einen mobilen, interaktiven und barrierefreien Service zur Orientierung, der dann als App zum Beispiel auf Laptops und Mobiltelefonen eingesetzt werden kann. Hindernisse werden mit leicht verständlichen Symbolen erfasst und erläutert. "Man kann die Art der Behinderungen einstellen und die App ermittelt dann den besten Weg von A nach B", erläutert Geodäsie-Professorin Ulrike Klein das Prinzip.

Fernziel der interdisziplinären Projektarbeit ist die Erstellung eines kompletten Bochumer Stadtplans zur Barrierefreiheit. Da der Aufwand enorm ist und die personellen und finanziellen Möglichkeiten der Hochschule beschränkt sind, hoffen die Studierenden auf Unterstützung durch die Stadt. "Es wäre toll, wenn wir das Projekt gemeinsam weiterführen könnten", so Hans-Friedrich Voß, der sich freut, im Rahmen seines Studiums etwas Sinnvolles leisten zu können: "Wir werden auf jeden Fall die notwendigen Voraussetzungen schaffen, um Stadt und Hochschule für Menschen mit Behinderung attraktiver zu machen."

REHACARE.de; Quelle: Hochschule Bochum

Mehr über die Hochschule Bochum unter: www.hochschule-bochum.de