Assistenz: "Ein Hund wertet nicht und nimmt den Menschen, so wie er ist"

Der Hund ist der beste Freund des Menschen. Die VITA-Assistenzhunde sind noch mehr als das: Sie sind Partner fürs (Hunde-)Leben. Ob beim Ausräumen der Waschmaschine oder bei sozialen Kontakten – sie helfen, wo sie können. Und das bedingungslos. Auf REHACARE.de spricht Dr. Ariane Volpert, Tierärztin und zweite Vorsitzende des Vereins VITA e.V. Assistenzhunde, über die anspruchsvolle Ausbildung der Hunde und die Geschichten dahinter.

01.07.2015

Foto: Ariane volpert mit Hund

Dr. Ariane Volpert mit einem Assistenzhund; © VITA e.V. Assistenzhunde

Frau Dr. Volpert, Tatjana Kreidler gründete den Verein VITA e.V. Assistenzhunde nach ihrer Ausbildung in Großbritannien – dem Pionierland, wenn es um die Ausbildung von Assistenzhunden geht. Danach entwickelte sie eine neue Ausbildungsmethode. Was macht die Kreidler-Methode aus?

Ariane Volpert: Bei der Methode geht es vor allem um die Sensibilisierung des Hundes auf den Menschen und des Menschen auf den Hund, sodass sie dann nach der Ausbildung als Partner durchs Leben gehen. Dabei sind Begriffe wie freundliche Autorität, liebevolle Konsequenz, positive Bestärkung, Fairness, Vertrauen und Geduld wichtig.

Außerdem hat Tatjana Kreidler als erste auf dem europäischen Festland Kinderteams zusammengebracht. Auch in Großbritannien waren die Experten damals skeptisch, ob man einem Kind die Verantwortung für einen Hund übergeben kann. Kreidler hat aber bewiesen, dass einem Kind so viel Verantwortung abverlangt werden kann, wie es seinem Entwicklungszustand entspricht. Den Rest muss dann ein Elternteil übernehmen und das Kind wächst immer weiter in die Verantwortung hinein. Inzwischen haben wir 22 Kinderteams sehr erfolgreich ausgebildet.

Wie lange dauert eine Assistenzhund-Ausbildung und welche Teilstadien beinhaltet sie?

Volpert: Wir betreuen die Hunde bereits als Welpen. Schon mit sechs Wochen überprüfen wir das Wesen und die Gesundheit der Tiere in Hinblick auf die Eignung zum Assistenzhund. Mit acht Wochen holen wir die oder den ausgewählten Welpen ins Ausbildungszentrum. Nach weiteren zwei Wochen kommt der Welpe dann zu einem Paten. Paten können Einzelpersonen, Familien oder Paare sein, bei denen die Hunde bis zu dem Alter von circa eineinhalb Jahren bleiben. Dieses Gespann – Pate mit Welpen – betreuen und unterstützen wir bei der Ausbildung. Mindestens einmal die Woche haben sie Unterricht bei uns. Die ganze Zeit über sind wir im engen Kontakt und bereiten den Hund zusammen mit dem Paten auf seine große Aufgabe vor. Zunächst geht es vor allem um die Sozialisierung im Alltag, das Aufbauen von Bindung, Beziehung und Vertrauen zum Menschen. Danach kommt der Hund wieder ins Ausbildungszentrum und die Grundausbildung wird noch einmal sechs Monate lang verfestigt. Dazu gehört zum Beispiel der Grundgehorsam wie das Fußlaufen, Sitz machen oder auch spezielle Aufgaben wie Drücken oder Ziehen – alles, was er später im Alltag braucht, um zu helfen.
 
Foto: Ariane Volpert mit Kim und Assistenzhund Birdie
Foto: Assistenzhund öffnet Schublade
Foto: Levin mit Assistenzhund Ashley
Foto: Teams im Training
Foto: Pauline mit Assistenzhund Eve
Danach folgt die Fortgeschrittenenausbildung: Rollstuhlbegleitung, das sensible, sanfte Fußlaufen am Rollstuhl. Dabei kommt der Hund mit verschiedenen Rollstühlen, Rollern oder Krücken in Berührung. Wenn er ungefähr zwei Jahre alt ist, kommt das sogenannte Matching – Bewerber und Hunde treffen aufeinander. Dabei schauen wir, wie die Hunde auf die jeweiligen Bewerber reagieren und wie sie sich verstehen. Wenn die Chemie stimmt, ist es eine geeignete Beziehung. Zusammen treffen wir mit dem Bewerber eine Entscheidung, je nachdem was er braucht. Danach folgt eine spezielle sechsmonatige Ausbildung, die sich an den individuellen Bedürfnissen des Bewerbers orientiert. Es ist wichtig, dass eine Bindung zwischen den beiden Partnern wächst, deshalb freuen wir uns, wenn der Bewerber oft in unser Ausbildungszentrum kommt. Danach folgt eine sechs bis acht Wochen lange intensive Zusammenführung von Mensch und Hund bei uns im Zentrum. Der Partner Mensch lernt den täglichen Umgang mit seinem Assistenzhund, in den ersten Wochen ist das Augenmerk auf der Bindung, Beziehung und Vertrauen. Zum Schluss begleiten wir das Team noch einmal ein paar Tage zu Hause im Alltag. Darauf folgt ein Hundeleben lang die intensive Nachbetreuung, die je drei bis vier Tage dauert und das bis zu viermal im Jahr.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie bei der Ausbildung von Kinderteams?

Volpert: Es kommt schon mal vor, dass ein Kind von seinen Eltern und Geschwistern aufgrund seiner Behinderung sehr verwöhnt wird. Für so ein Kind, das immer im Mittelpunkt steht, stehen Rücksichtnahme und Verantwortung oft im Hintergrund. Auch das alleine Rollern müssen sie oft noch lernen, denn sie werden meist von Familienmitgliedern im Rollstuhl geschoben. Bei VITA begegnen die Kinder zunächst anderen Kinderteams mit ähnlichen Beeinträchtigungen. Mit und über den Hund lernen sie Rücksicht auf andere zu nehmen, auf den Hund zu achten und Geduld mit ihm zu haben. Die Hunde müssen nicht auf das erste "Sitz" hören. Viel wichtiger ist uns die Wertschätzung im Umgang zwischen Mensch und Assistenzhund.
Foto: Tatjana Kreidler mit einem Kinderteam beim Marktbesuch

Bei der Ausbildungsmethode von Tatjana Kreidler geht es vor allem um die Sozialisierung im Alltag, das Aufbauen von Bindung, Beziehung und Vertrauen zwischen Mensch und Hund; © VITA e.V. Assistenzhunde

VITA e.V. Assistenzhunde ist Mitglied des Verbandes Assistance Dogs Europe (ADEu), was bedeutet, dass die Hunde in Ihrem Verein nach international anerkannten Qualitätsstandards ausgebildet werden.

Volpert: ADEu ist ein Dachverband, der gemeinnützige Organisationen vereint, die Assistenzhunde für Menschen mit Behinderung ausbilden. Seit 2007 sind wir zertifiziertes Vollmitglied der ADEu. Dafür müssen viele Kriterien erfüllt werden, die nach strengen Vorschriften geprüft werden. Die ADEu setzt hohe Qualitätsstandards bei der Ausbildung von Mensch und Hund, prüft die Verwendung von Spendengeldern und achtet insbesondere auf das Wohlergehen der Tiere.

Was macht den Verein VITA e.V. Assistenzhunde aus?

Volpert: Ich denke, das stellt dieses Beispiel am besten dar: Die kleine Frieda hatte sehr viel Angst vor Hunden, sodass sie sogar auf der REHACARE damals ihrer Mutter nicht erlaubte, zu unserem Stand zu gehen. Jetzt ist sie bereits ein Teenie, umgibt sich bedenkenlos mit 20 Hunden auf einmal und gibt den jüngeren VITA-Kinderteams Tipps und Hilfestellung im Umgang mit ihrem Hund. Das ist das Schöne bei VITA: Dass die Kinder Aufgaben und Verantwortung übernehmen, sich mitteilen und austauschen können. Das betrifft nicht nur das Handling des Hundes, sondern zum Beispiel auch wie rollere ich, wie komme ich den Berg hoch mit meinem Rollstuhl, wie mache ich die Kurven. Kinder mit einem Rollator machen Wettspiele, wer länger ohne seinen Rollator stehen kann. Diese schöne Atmosphäre, der Ansporn und das Miteinandersein werden durch und mit unseren Assistenzhunden erzielt.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Michalina Chrzanowska
REHACARE.de