Auch blinde Menschen haben Sehnerven

Foto: Hand tastet Blindenschrift auf Tastatur 

Auch von Geburt an blinde Menschen haben aktive Sehnerven, die sich trotz fehlender Sehinformationen nicht zurückbilden. Statt optische Informationen zu verarbeiten, scheinen sie aber den Tastsinn zu verschärfen und so das schnelle Lesen der Blindenschrift zu unterstützen.

Forscher am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI) stellten in einer Studie fest, dass bei geburtsblinden Menschen auch der sogenannte Gennaristreifen vorhanden ist.

Der etwa 0,3 Millimeter dicke Strang von Nervenfasern ist bei Blinden genauso stark ausgeprägt wie bei Sehenden; das lässt vermuten, dass er nicht nur für die Verarbeitung visueller Reize zuständig ist.

Der Gennari-Streifen durchzieht als gut sichtbare Linie die graue Substanz im visuellen Bereich des Gehirns. Trotz seiner recht auffälligen Struktur wurde bei diesen Nervenfasern bisher nie genauer erforscht, warum sie sich bilden und welche Funktion sie haben. Wissenschaftler vermuteten einen Zusammenhang mit dem Sehen.

Das kann jedoch, wie sich nun zeigte, nicht die einzige Funktion des Gennari-Streifens sein: In einer Studie untersuchten Forscher des MPI blinde und sehende Menschen mittels einer Kernspintomographie mit extrem hoher Auflösung. Sie fanden die Nervenfasern normal entwickelt im Gehirn geburtsblinder Menschen.

„Die Hirnstruktur verarbeitet also zumindest nicht ausschließlich visuelle Reize, sondern muss in der Lage sein, auch andere Aufgaben zu übernehmen“, sagt Derek Ott, einer der Ko-Autoren der Studie. Einiges spreche dafür, dass der Gennari-Streifen den Berührungssinn verschärfen könnte. Denn gerade die Region, in der sich der Streifen befindet, weist bei Blinden während des Lesens der Brailleschrift eine erhöhte Aktivität auf.

Bereits in den ersten Lebensjahren übt der Gennari-Streifen möglicherweise eine wichtige Funktion aus. Bei blinden Menschen nutzt das Gehirn den Hör- und Tastsinn, um auch ohne visuelle Informationen eine ungefähre räumliche Vorstellung von der Umwelt zu erzeugen.

Der Gennari-Streifen könnte dabei eine besondere Rolle spielen und später die Feinwahrnehmung von Berührungsreizen unterstützen, die beim Braille-Lesen besonders gefordert ist. Weitere Studien sollen demnächst genauere Informationen über die Arbeit des vielseitigen Nervenbündels liefern.

- Mehr über die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V über: www.mpg.de