Audiodeskription für mehr Barrierefreiheit in Filmen

Studierende entwickeln im Medientextlabor der Universität Hildesheim barrierefreie Internetseiten und Übertitel für die Theaterbühne. Und sie produzieren Hörfilme – in Zusammenarbeit mit dem NDR Fernsehen. Erstmals wagen sich die Studierenden nun an einen Horrorfilm. Kann man Grusel und Schockmomente in Worte fassen? Danach möchte das Team um Professorin Nathalie Mälzer auch Tierdokumentationen übersetzen.

23/03/2016

 
Foto: Professorin und zwei Studentinnen bei der Audiodeskription; Copyright: Isa Lange/Uni Hildesheim

Hören, was passiert: Professorin Nathalie Mälzer (Mitte) und die Studentinnen Anna Pristouschek und Christine Seggelke erstellen Audiodeskription für Filme im Medientextlabor der Universität Hildesheim; © Isa Lange/Uni Hildesheim

"Wir erstellen Hörfilme", sagt Christine Seggelke. Die 25-jährige Studentin spezialisiert sich an der Universität in Hildesheim auf barrierefreie Kommunikation. Sie transportiert die Bildebene eines Films – Mimik, Gestik, Raum – auf eine sprachliche Ebene. "So gut das eben möglich ist."

Die Studentin gehört zu einem Team, das in den letzten Monaten im Medientextlabor der Universität Hildesheim eine Audiodeskription und Audioeinführung zu dem preisgekrönten Spielfilm "A girl walks home alone at night" für den NDR produziert hat. Der Film der iranisch-amerikanischen Regisseurin Ana Lily Amirpour handelt von einer Vampirin. "Der langsame Schwarz-Weiß-Film, in dem die Figuren kaum miteinander reden, sondern die suggestiven Bilder die Geschichte erzählen, birgt ganz eigene Herausforderungen für die Audiodeskription", sagt Nathalie Mälzer. Die Juniorprofessorin erarbeitet mit Studierenden in Zusammenarbeit mit dem Norddeutschen Rundfunk Filme, die man hören kann.

Diesmal haben sie sich einen Horrorfilm vorgenommen. Wie entsteht ein Hörfilm? Zunächst schauen sich die Studierenden den Film mehrfach an, lassen die Bilder auf sich wirken, auch ohne Ton. "Der Film spielt in einer fiktiven iranischen Stadt, die sehr einsam und verlassen wirkt. Es gibt eine Szene, in der ein junger Mann in einem alten Ford durch die Gegend fährt. Und im Hintergrund rauschen Pumpen, Strommasten, trockenes Gebüsch vorbei. Das was ich sehe, beschreibe ich", erzählt Christine Seggelke.

Manchmal, sagt die Studentin, sei es "schwierig eine Auswahl zu treffen". Eine Szene spielt zum Beispiel in einer luxuriösen Wohnung. Wie schafft man es, den Raumeindruck in wenige Worte zu fassen? Eine Wasserpfeife und ein Kristallkerzenleuchter stehen auf einem polierten Tisch, ein Kamin ist aus, Bilder hängen an den Wänden. "Als wir die Szene im Seminar angeschaut haben, hat jeder etwas anderes als wichtig eingeschätzt." Mit den Worten muss sie sparsam umgehen. Sie könne keine Abhandlung über 40 Seiten schreiben. "Die Zeit ist begrenzt, der Film läuft weiter. Es geht zwangsläufig etwas verloren", sagt Seggelke. Es sind nicht nur die Dialoge, auf die sie achten muss, um "in die Lücken etwas reinzuschreiben". Wenn Musik beginnt, lässt sie den Anfang oft frei stehen, ohne Worte. Dann gibt es Szenen, in denen kaum etwas geschieht und gesagt wird: "Das Blickverhalten der Figuren untereinander und die fehlenden Blickkontakte sind aber sehr wichtig, um die Figuren zu verstehen. Als Sehender nimmt man das einfach nebenbei wahr. Aber wenn man dies in Worte fasst, wirkt das komisch." Sie wolle mit ihren Worten "eine Geschichte erzählen" und dabei die Ästhetik des Films bewahren.

Der Vampirfilm sei sehr besonders, ergänzt die Studentin Anna Pristouschek. "Er ist etwas philosophisch, abstrakt, hat wenige Dialoge." Geräusche sind in der Audiodeskription auch ein wichtiges Signal: "Wenn eine Autotür zuknallt und der Motor anspringt, dann muss ich dies nicht mehr in Worte fassen", sagt Anna Pristouschek, die zuvor in Kiel studiert hat und für das Masterstudium nach Hildesheim gezogen ist.

Mit der Audiobeschreibung stoßen die Medienübersetzerinnen im Horrorgenre manchmal an Grenzen. Man habe manchmal kaum die Zeit, die Spannung und Überraschung einzufangen, sagt Nathalie Mälzer. "Dann arbeiten wir mit kurzen Sätzen. Was gut funktioniert sind ruhige Szenen, in denen wir eine Erwartungsangst aufbauen können. Manche Gruseleffekte und Schockmomente können wir mit Worten auffangen und prägnante Beschreibungen finden, um zu suggerieren wie eklig oder unangenehm etwas aussieht – andere nicht, da stoßen wir an Grenzen. Wir haben Rückmeldungen von blinden Audiodeskripteuren erhalten, die von dem Ergebnis sehr beeindruckt sind", sagt Professorin Nathalie Mälzer. "Wir verwenden in der Audiodeskription kein filmtechnisches Vokabular, sprechen nicht von Kameraeinstellungen, möchten aber sagen, was mit dem Bild eigentlich ist und warum man die Vampirin mal sieht und mal nicht, wegen der Unschärfe. Wir sagen dann: 'Man erkennt sie nur verschwommen. Jetzt wird sie wieder sichtbar'."

Als nächstes möchten die Hildesheimer Medienübersetzerinnen Tierdokumentationen beschreiben. "Man sieht die Dinge, aber wie heißt das? Hier kann man nicht Schummeln. Bei der Dokumentation müssen die Fakten stimmen. Wie sehen die Tiere genau aus? Man kann nicht einfach sagen: 'Der blonde Mann' oder der 'Herr mit der Brille'. Übersetzer benötigen das Fachwissen, wie sie die Tiere korrekt beschreiben können", so Mälzer.

Warum die Professorin mit ihren Studierenden diese Hörfilme produziert? "Mit dem Alter wird das Sehen beeinträchtigt. Eine Frau aus meinem Bekanntenkreis genießt Filme und möchte wie zuvor kulturelle Produkte wahrnehmen. Sie sieht mittlerweile kaum noch etwas. An sie denke ich oft, wenn ich in diesem Bereich arbeite. Wir möchten mit den Filmen einen ästhetischen Genuss vermitteln und weitergeben, auf welche Weise der Film erzählt." Die Art und Weise, wie man etwas benennt, sei entscheidend, sagt Mälzer.

REHACARE.de; Quelle: Stiftung Universität Hildesheim

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