Ausbildung mit Behinderung – gemeinsam ans Ziel

02.11.2016

Wer seinen schulischen Bildungsweg in einer inklusiven Regelschule begonnen hat, strebt in der Regel auch weiterhin den Weg der Inklusion an – zum Beispiel in der Berufsausbildung. Und wer diese Erfahrung nicht machen konnte, wünscht sich das oft erst recht. Damit junge Menschen mit Behinderung nicht alleine dastehen, gibt es Angebote, die sie auf dem Weg ins Berufsleben unterstützen.

Foto: Bewerbungs-Speeddating; Copyright: Paul Esser

Immer häufiger lernen sich Bewerber und potentielle Ausbilder über ein Bewerbungs-Speeddating kennen; © Paul Esser

Eines dieser Angebote nennt sich STAR – Schule trifft Arbeitswelt. Bereits seit Ende 2009 werden in Nordrhein-Westfalen (NRW) schwerbehinderte Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf begleitet. Organisiert wird das Projekt durch die Landschaftsverbände LVR und LWL, zusammen mit dem Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales NRW in enger Kooperation mit dem Ministerium für Schule und Weiterbildung und der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit NRW.

Mit STAR auf den ersten Arbeitsmarkt

"Ab dem drittletzten Schulbesuchsjahr werden den Schülerinnen und Schülern Angebote der vertieften Berufsorientierung und Berufsberatung unterbreitet und somit der Übergang von der Schule ins Erwerbsleben begleitet", erklärt Johanna Korte, Projektleiterin STAR beim LWL-Integrationsamt Westfalen. "Der Integrationsfachdienst vor Ort behält während des gesamten Berufsorientierungsprozesses den roten Faden in der Hand und ermöglicht durch gutes Netzwerken vor Ort, mehr Schülerinnen und Schüler in Ausbildung und Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt oder andere berufsvorbereitende Maßnahmen zu vermitteln. STAR setzt somit den behinderungsspezifischen Ansatz des Landesvorhabens 'Kein Abschluss ohne Anschluss' um."

Mit diesem Vorgehen soll STAR eine frühzeitige und systematische Berufsorientierung ermöglichen und Alternativen zur Werkstatt für Menschen mit Behinderung aufzeigen. "Die Chance, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, wird durch das modulare Angebot nach STAR erhöht", fährt Korte fort. "Schülerinnen und Schüler mit Behinderung in NRW wird somit eine Wahlmöglichkeit zur Werkstatt für Menschen mit Behinderung geboten. Dies, indem die Schülerschaft beispielsweise die Möglichkeit bekommt, Praktika auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu absolvieren, und die Teilhabe an einem behinderungsspezifischen und individualisierten Berufsorientierungsprozess ermöglicht wird."

Seit 2012 wird STAR, im Rahmen des Bundesprogrammes 'Initiative Inklusion', flächendeckend an nahezu allen Förderschulen in NRW angeboten. Die Begleitung von inklusiv beschulten Schülerinnen und Schülerin an Schulen des Gemeinsamen Lernens nimmt weiterhin zu. In NRW wurden bisher insgesamt 617 Schulen erreicht, davon 256 Förderschulen und 361 Schulen des Gemeinsamen Lernens.

Foto: Junger Mann vor einer geöffneten Motorhaube eines Autos; Copyright: Markus Inderbitzin

Jugendliche mit Behinderung stehen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz nicht alleine da; © Markus Inderbitzin

"Seit Beginn von STAR wurden in NRW über 11.000 Schülerinnen und Schüler durch die Integrationsfachdienste begleitet. Diese haben insgesamt fast 50.000 Unterstützungsprozesse wie Potenzialanalyse, Berufsfelderkundung, Praktika und weitere behinderungsspezifische STAR-Standardelemente der Berufsorientierung wie Training arbeitsrelevanter sozialer Kompetenzen, Arbeitsplatzbezogenes Kommunikationstraining und Übergangsbegleitung in Anspruch genommen", fasst Korte zusammen. "Im Anschluss an die Berufsorientierung nach STAR konnten bis zum Stichtag 30.09.2016 rund 650 Schülerinnen und Schüler in Ausbildung und Arbeit vermittelt werden. Weitere 960 junge Menschen konnten in betriebliche und außerbetriebliche berufsvorbereitende Maßnahmen begleitet werden."

Erste Lehrstellenbörse in der Schweiz

Auch in der Schweiz gibt es seit Juni 2016 ein ähnliches Projekt. Über die Lehrstellenbörse "Lehre + Handicap" sollen sich Lehrstellensuchende mit Behinderung und Arbeitgeber, die jungen Menschen eine Chance geben wollen, finden. Da es so ein Angebot bisher nicht in der Schweiz gab, findet Simon Müller, Projektleiter bei der Stiftung MyHandicap, diesen Ansatz besonders wichtig: "Die Lehrstellenbörse 'Lehre + Handicap' vereint sowohl Lehrstellen in der Privatwirtschaft ohne Unterstützung der Invalidenversicherung als auch Lehrstellen im geschützten Bereich mit finanzieller Unterstützung. Durch das neue Angebot müssen Jugendliche ihre Behinderung nicht verstecken oder verschweigen. Sie finden Lehrbetriebe, welche ihre Fähigkeiten nutzen, anerkennen und fördern."

Das Angebot wird bereits sehr gut angenommen. Über 200 Lehrstellen aus der ganzen Schweiz und auf allen Bildungsniveaus sind aktuell dort ausgeschrieben. Mehrere tausend Seitenaufrufe pro Monat bestätigen Müller außerdem die gute Frequentierung der Seite. Regelmäßig erhalten er und sein Team viel positives Feedback von Lehrstellensuchenden, Berufsberatern, Schulen, Arbeitgebern und Lehrlingsbetreuern. Und es gibt bereits erste kleine Erfolge zu berichten: "Wir wissen bisher von drei Lehrstellen, die dank unseres Angebotes durch Jugendliche mit Behinderung besetzt wurden. Da der Bewerbungsprozess zwischen Lehrling und Lehrbetrieb abläuft, erfahren wir aber nur in den seltensten Fällen von solchen Erfolgserlebnissen."

Foto: Junger Mann an einem Computer; Copyright: Markus Inderbitzin

Die Schweizer Lehrstellenbörse "Lehre + Handicap" bringt Jugendliche mit Behinderung und potentielle Ausbilder in Kontakt; © Markus Inderbitzin

Angebote wie "Lehre + Handicap" und STAR können Jugendlichen durchaus helfen bei der Suche nach einer Lehrstelle, in der ihre Behinderung kein Hindernis bedeutet. Auf diesem Wege können sich also Menschen finden, die für den weiteren beruflichen Weg vor allem individuelle Fähigkeiten und Möglichkeiten in den Vordergrund stellen.
Mehr über STAR unter: www.star.lwl.org
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de

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