Barrierefreier Zugang zu Kunst und Kultur!?

Konzerte besuchen, ins Kino gehen oder einen Ausflug ins Museum machen – all diese Unternehmungen sind für viele Menschen mit Behinderung nicht uneingeschränkt möglich. Denn der Kulturbetrieb birgt noch immer zahlreiche Barrieren. Kann also überhaupt von Inklusion in unserer Kulturlandschaft gesprochen werden?

04/01/2016

 
Foto: Junge Frau mit Popcorn im Kino

Im Kino müssen Begleitpersonen von Rollstuhlfahrern oft ganz woanders sitzen; © panthermedia.net/stokkete

Wenn Rollstuhlfahrer ins Kino oder Theater gehen möchten, haben sie in der Regel keine freie Platzwahl. Denn es gibt festgelegte Rollstuhlplätze. Begleitpersonen müssen außerdem häufig entweder auf einem klapprigen Stuhl neben ihnen oder aber ganz woanders Platz nehmen. Gemeinsames Kulturerlebnis? Fehlanzeige!

Für gehörlose und blinde Menschen gibt es in Kinos immer häufiger die Möglichkeit, dass ihnen über Apps entweder Untertitel beziehungsweise Videos in Gebärdensprache oder aber für blinde Kinogänger die sogenannte Audiodeskription zur Verfügung gestellt wird. Auch bei Konzerten werden zwar zunehmend Übersetzungen in Gebärdensprache für gehörlose Menschen angeboten – in der Regel aber auch nur, wenn die Künstler und/oder der Veranstalter von dieser Möglichkeit wissen und es bewusst anbieten, weil sie eben nicht fälschlicherweise davon ausgehen, dass gehörlose Menschen grundsätzlich keine Konzerte besuchen.

Inklusion als Basis für Konzepte

Doch woher weiß man eigentlich im Vorfeld, ob ein Kino oder Theater barrierefrei ist und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung eingeht? Das Projekt Culture Inclusive setzt genau an dieser Frage an: Auf einer Kulturkarte kann man online recherchieren, ob gewünschte Kulturstätten barrierefreie Lösungen für verschiedene Besuchergruppen anbieten.
Foto: Taktiles Orientierungssystem und inklusive "Trommel"

Ein taktiles Bodenleitsystem (links) führt die Besucher der Ausstellung unter anderem zu den inklusiven Kommunikations-Stationen; © DHM/Thomas Bruns

Das Deutsche Historische Museum in Berlin verfolgt beispielsweise in seiner gerade bis zum 28. Februar 2016 verlängerten Ausstellung "Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft" ein inklusiv gestaltetes Konzept: Das Kernstück ist eine sechseckige, drehbare "Trommel", die speziell für die Ausstellung entworfen wurde und die auf jeder Seite eine andere Vermittlungsebene bedient. So sind die Informationen je nach Bedarf in deutschen oder englischen Texten, in Texten in Leichter Sprache und in Brailleschrift, in Videos mit Gebärdensprache sowie in Audiotexten mit Audiodeskriptionen für Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zugänglich.

Alle vorhandenen Kommunikations-Stationen sind außerdem durch ein taktiles Bodenleitsystem miteinander verbunden. So können sich blinde und sehbehinderte Menschen eigenständig vor Ort zurechtfinden. Außerdem sind alle Stationen unterfahrbar und bieten spezielle Halterungen für Gehstöcke. Viele dieser Details des Ausstellungskonzeptes wurden gemeinsam mit behinderten Experten erarbeitet.

Kulturelle Begegnungen im Blick

An diesem kooperativen Punkt knüpft auch das Projekt "Neue Perspektiven gewinnen" an: Seit April 2015 arbeitet das Team daran, in der deutschen Museumslandschaft langfristig Raum für Begegnungen zu schaffen und Dialoge auf Augenhöhe zwischen Menschen mit Behinderung und Museumspersonal zu ermöglichen.
Foto: Teilnehmer eines Workshops im Museum

Menschen mit und ohne Behinderung kommen beim Projekt "Neue Perspektiven gewinnen" in Museums-Workshops zusammen; © Matthew Schoenfelder 2015 bzw. Jochen Mooslehner

"Seit Projektbeginn haben 24 inspirierende Workshops in verschiedenen Berliner Museen (unter anderem im Deutschen Technikmuseum, in der Berlinischen Galerie, im Deutschen Historischen Museum und im Jagdschloss Grunewald) an 490 Workshoptagen stattgefunden", blickt Projektassistentin Stefanie Wiens zurück. "Mit diesen konnten wir circa 320 Teilnehmer mit und ohne Behinderung erreichen. Allein 30 Moderatoren und Fachleute mit Behinderung konnten bislang an das Projekt gebunden werden und sorgten für einen fruchtbaren Austausch über unterschiedliche Wahrnehmungen, vorgefundene Barrieren aber auch beispielhaft gute Praxis."
 
Wiens kann daher bestätigen, dass Menschen mit Behinderung überhaupt erst in letzter Zeit als Zielgruppe wahrgenommen und allgemein in der Museumsarbeit noch zu wenig berücksichtigt werden. "Das widerspricht jedoch massiv den Grundsätzen wichtiger Institutionen wie dem Internationalen Museumsrat, laut dem sich Museen unter anderem über ihren Bildungsauftrag definieren und dem Verein Museumspädagogik e.V., demgemäß Museen allen Bevölkerungsgruppen den Zugang verschaffen sollen. Es besteht also dringender Handlungsbedarf", sagt Wiens.

Kulturlandschaft Europa

Doch was sehen wir bei einem Blick über den Tellerrand in unseren europäischen Nachbarländern? Zum Beispiel: Der Eurovision Song Contest wurde im österreichischen Fernsehen nicht nur mit Live-Untertiteln und Audiodeskription angeboten, sondern auch mit Übersetzungen von Gebärdensprachdolmetschern übertragen. Der schwedische Vorentscheid wurde ebenfalls von einem Gebärdensprachdolmetscher so eindrucksvoll übersetzt, dass dieser sogar über die Grenzen Schwedens hinweg für große Begeisterung sorgte – auch bei hörenden Zuschauern.

Im Roald Dahl Museum and Story Centre westlich von London wird derzeit die App "Signly" getestet: Via Smartphone können schwerhörige und gehörlose Menschen QR Codes neben den Ausstellungsstücken scannen. Daraufhin erhalten sie Informationen zu dem Kunstobjekt in Form eines Videos in Gebärdensprache.
Foto: Gemälde "Mona Lisa" als tastbarer 3D-Druck

Klassische Gemälde wie die Mona Lisa können mithilfe von 3D-Druck auch blinden Menschen Kunstgenuss bescheren; © Vesa Laitinen/Unseen Art

Und auch in Finnland möchte ein Projekt namens "Unseen Art" seinen Teil zu einem inklusiveren Kunstgenuss beitragen: Das Team aus Helsinki möchte mithilfe von 3D-Druck klassische Gemälde wie etwa die Mona Lisa für sehbehinderte und blinde Menschen zugänglich zu machen. Ob die im November 2015 gestartete Crowdfunding-Kampagne erfolgreich verlaufen wird, war bei Redaktionsschluss noch nicht abzusehen.

Es zeichnet sich aber eindeutig ab, dass auch die Kunst- und Kulturszene versucht, sich zunehmend auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung einzustellen. Das ist zwar nach wie vor mit vielen Hindernissen, Fehlschlägen und Unsicherheiten verbunden, aber das sollte die Entscheider dieser Branche nicht davon abhalten, unsere Kulturlandschaft auf lange Sicht inklusiv zu gestalten.
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de