Barrierefreies Bauen im öffentlichen Raum

Egal ob mit oder ohne Behinderung, ob alt oder jung – barrierefrei zugängliche Bauwerke bieten Vorteile für die ganze Gesellschaft. Doch die Praxis sieht noch anders aus. Das Argument, barrierefreies Bauen sei zu teuer, kommt recht häufig auf den Tisch, entspricht aber nur bedingt der Wahrheit. Denn wird Barrierefreiheit beim Bau von Anfang an mit eingeplant, entstehen kaum nennenswerte Mehrkosten.

02/03/2015

Foto: Eingangsbereich mit Stufen und Rampe

Öffentlich zugängliche Gebäude sollten über einen barrierefreien Zugang verfügen; © panthermedia.net/Maria Reichenauer

Dieses Ergebnis bildet unter anderem die Grundlage für den vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) herausgegebenen "Leitfaden Barrierefreies Bauen". Im Vorwort beschreibt Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Dr. Barbara Hendricks, die Absicht des Leitfadens: "Der Bund hat sich als Bauherr verpflichtet, durchgehend barrierefrei zu bauen. Barrierefrei zu bauen heißt, für alle zu bauen, auch für Menschen mit motorischen, visuellen und auditiven sowie kognitiven Einschränkungen. Barrierefreie Gebäude müssen leicht auffindbar, gut zugänglich und vor allem einfach nutzbar sein. Dieses gilt sowohl für Neu- als auch für Bestandsgebäude und genauso für deren Zuwegungen und Außenanlagen."

Weiter heißt es, dass der vorliegende Leitfaden als Hilfe dienen soll für die Arbeit der Bauverwaltung des Bundes und der Länder, für Bauherren, Planer, Architekten und Nutzer anderer öffentlicher Gebäude und Arbeitsstätten – also für alle, die barrierefrei bauen wollen. Der umfassende Leitfaden legt dar, was beim barrierefreien Bauen konkret zu beachten ist. "Mithilfe detailliert ausgearbeiteter Handlungsfelder und eines Beispielprojektes wird klar, was ganzheitliche Planung bedeutet und wie genau individuelle, praxistaugliche Lösungen aussehen können", führt Hendricks fort.
Foto: Rollstuhl in einem Bus

Barrierefreiheit spielt im öffentlichen Personennahverkehr ebenfalls eine große Rolle; © panthermedia.net/Vereshchagin Dmitry

Bauliche Barrierefreiheit im Verkehr

Wie gut Barrierefreiheit im öffentlichen Raum funktionieren kann, zeigt beispielsweise der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Wien, Österreich, findet Dirk Michalski. "Dort kommen nicht nur Rollstuhlfahrer gut zurecht, es gibt auch ein gutes Blindenleitsystem. Und außerdem sind nicht nur die Haltestellen selbst gut gebaut, sondern auch die weitläufigere Umgebung."

Der rollstuhlfahrende Architekt und Sachverständige für barrierefreies Bauen hat die Erfahrung gemacht, dass selbst Barcelona nicht so weit wie Wien ist. "Dort wurde Barrierefreiheit recht früh baulich umgesetzt. Damals war das gut. Doch die heutigen Ansprüche sind gestiegen, so dass das damals Gebaute den heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht."
Einen wirklichen Markt für entsprechende Fachplaner gibt es laut Barbara Sima-Ruml in Österreich derzeit aber nicht. "Das liegt hauptsächlich daran, dass die Übergangsfrist für die flächendeckende Barrierefreiheit, die theoretisch gemäß Bundesbehindertengleichstellungsgesetz ab dem 01.01.2016 herrschen sollte, noch nicht vorüber ist", sagt die Amtliche Sachverständige für Barrierefreies Bauen beim Amt der Steiermärkischen Landesregierung. "Andererseits werden von der Wirtschaftskammer auch sogenannte Fachplaner empfohlen, die aus meiner Sicht nicht immer die richtigen Qualifikationen haben und die Ergebnisse entsprechend schlecht angenommen werden." Es bleibt also deutlich Luft nach oben.
Foto: Christoph Rieker

Christop Rieker ist gerne und viel unterwegs - am liebsten barrierefrei; © privat

Zugängliche Hotels für alle

Dass ganzheitliche Barrierefreiheit immer noch nur sehr eingeschränkt vorzufinden ist, kann der Rollstuhlfahrer Christoph Rieker ebenfalls aus eigener Erfahrung bestätigen. Die Gründe dafür sieht er teilweise in den hohen Kosten des Umbaus, da in der Regel nicht von Anfang an barrierefrei geplant wurde. Aber auch fehlende Erfahrung trage ihren Teil dazu bei. "Aufgrund der Vielzahl der möglichen körperlichen Einschränkungen ist es sicher auch schwierig, umfassendes Wissen anzuhäufen. Dementsprechend fehlen oft die notwendigen Ansprechpartner für Bauunternehmen und Architekten, die ihnen bei den Planungen zur Hand gehen."

Diese Erfahrungen bestätigen sich für den Rollstuhlfahrer beispielsweise immer wieder im Urlaub. "Wenn man in einem angeblich barrierefreien Hotel ist und mit dem Rollstuhl ins Bad fährt und dann nicht in den Spiegel schauen kann, weil dieser zu hoch angebracht ist, wird schnell klar, an wie viele Details gedacht werden muss. Möchte man beispielsweise auf einen Balkon, aber die Schwelle ist zu hoch, ergeben sich weitere Barrieren."

Dazu kommt, dass zwar oft ebenerdig und somit rollstuhlgerecht gebaut, jedoch ein Blindenleitsystem vergessen wird. Denn barrierefreies Bauen meint mehr als nur für einen Rollstuhl zugänglich zu sein. "Die eigene Situation als Betroffener kann einem für Dinge die Augen öffnen, die man in keiner Bau-Norm vorfinden kann", sagt Rieker. "Werde ich um Rat gefragt, so ist meine Antwort also nicht sachfremd. Ich und auch andere Menschen mit Behinderung können daher sicher authentischer beraten als jemand, der keine körperliche Einschränkung hat."

Ob nun im Hotel am Urlaubsort oder in den Ämtern und anderweitig öffentlich zugänglichen Gebäuden in der eigenen Stadt, barrierefreie Bauwerke nützen nicht nur Menschen mit Behinderung. Nun gilt es für Bauverantwortliche der Länder und des Bundes, dies zu verinnerlichen, künftig entsprechend zu planen – und zu bauen.
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de