Barrierefreies Reisen: Was bietet die Branche?

Das Ziel ist der Anfang – zumindest wenn es ums Reisen geht, steht die Auswahl des Urlaubsortes in der Regel an erster Stelle. Im Reisebüro oder Internet werden Informationen gesammelt und Entscheidungen getroffen. Anschließend wird gebucht, geplant, gepackt und schließlich kann es losgehen. Doch ist das auch für Menschen mit Behinderung so ohne Weiteres möglich? Und geht die Tourismusbranche auf sie als Gäste ein?

02.05.2016

 
Foto: Mann und seine Frau, im Elektro-Rollstuhl auf der Strandpromenade; Copyright: panthermedia.net/ronfromyork

Neben Buchung und Unterbringung sollten bei einer perfekten Reise auch die Gegebenheiten vor Ort barrierefrei sein; © panthermedia.net/ronfromyork

Im Prinzip fängt es schon bei der Wahl des Reiseziels an: Sind Unterbringung und Umgebung barrierefrei? Welche Region oder welches Land ist generell gut für Menschen mit Behinderung geeignet? Die einzelnen Städte bieten da online oft nur bedingt gute Informationen. Auf der Homepage von Hamburg Tourismus beispielsweise finden interessierte Besucher recht viele und ausführliche Informationen zu Gegebenheiten und Angeboten vor Ort. Vor allem für den deutschsprachigen Raum gibt es immer mehr Informationsportale, die versuchen Informationen für gewisse Regionen zu bündeln und gegebenenfalls Tipps zu geben.

Buchen mit Barrieren

Ist das Ziel endlich ausgemacht, geht es zur Buchung. Neben speziellen Reisebüros, die sich auf Menschen mit Behinderung spezialisiert haben, gibt es natürlich auch die Option online zu buchen. Hier besteht allerdings häufig das Problem, dass nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, ob ein Hotel barrierefreie Zimmer anbietet und wie diese genau ausgestattet sind. Oftmals bleibt es daher nicht bei der reinen Online-Buchung und es muss der eine oder andere Anruf erfolgen, um alles sicher abzuklären. Und in vielen Fällen wird bei Barrierefreiheit ausschließlich an mobilitätseingeschränkte Gäste gedacht. Die Bedürfnisse sehbehinderter, blinder oder auch gehörloser Menschen werden oft vergessen. Daher sind beispielsweise mit Braille-Schrift versehene Shampooflaschen in Hotelzimmern bislang eher eine Ausnahme.

Noch vor der Ankunft im Hotel steht die Anreise. Auch hier wird oft ausschließlich über die Anforderungen für Rollstuhlfahrer gesprochen. Der Miami International Airport hat zum Jahreswechsel das MIAair Programm ins Leben gerufen. Damit soll sichergestellt werden, dass sowohl autistische als auch hörbehinderte Fluggäste ihren Flug genießen können. Ausführliche Beschreibungen und Broschüren erklären jeden Schritt am Flughafen. So soll den künftigen Passagieren so viel Sicherheit wie möglich gegeben werden. Auch wenn diese Maßnahmen sicher nicht alle Unsicherheiten nehmen können, so sind sie zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

Foto: Mehrere Strand-Rollstühle am Strand; Copyright:panthermedia.net/Maria Kraynova

Die Angebote vor Ort müssen noch zunehmend mehr auf Menschen mit Behinderung abgestimmt werden - wie beispielsweise diese Strand-Rollstühle; © panthermedia.net/Maria Kraynova

Tourismus-Branche muss umdenken

Dass das Thema "barrierefreier Tourismus" in der Branche noch immer nicht selbstverständlich ist, zeigte sich 2016 bereits an zwei Beispielen: Das Zentrum selbstbestimmt Leben (ZsL) Stuttgart war auf der Reise- und Touristikmesse CMT im Januar der einzige Stand, der sich explizit diesem Thema widmete. Und auch auf der Internationalen Tourismusmesse ITB war das Thema nahezu nicht vertreten. Kaum ein Aussteller konnte Auskünfte zu barrierefreien Reiseangeboten machen, berichtete eine reisefreudige Rollstuhlfahrerin, die an den Ständen explizit immer wieder nachfragte.

Zwar fand der Tag des barrierefreien Tourismus parallel zur ITB statt, war aber sehr weit ab vom eigentlichen Messegeschehen und schwer zu finden. Wer also nicht davon wusste und gezielt danach suchte, kam mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mit dem Thema in Berührung. Doch gerade das wäre in Anbetracht der derzeitigen Situation wichtig. "Die Branche muss verstehen, dass man wertvolle Gäste verliert, wenn man nicht auf ihre Bedürfnisse eingeht", sagte Francesc Aragall während der Podiumsdiskussion. "Dies gilt sowohl dann, wenn man beispielsweise nicht auch für Vegetarier kocht, als auch dann, wenn Barrierefreiheit ignoriert wird."

Auch Dr. Rüdiger Leidner, Vorstandsvorsitzender der Natko ist überzeugt: "Es ist noch viel zu tun." Neben der Branche an sich sieht er die Verantwortung aber auch an anderer Stelle: "Die Verlässlichkeit und Qualität der Kennzeichnung barrierefreier Angebote muss an den Staat gehen, am besten länderübergreifend und einheitlich." Des Weiteren forderte er, dass öffentliche Förderungen von Projekten nur dann erfolgen sollten, wenn sie Barrierefreiheit explizit mitdenken.

Die verschiedenen Experten der Podiumsdiskussion waren sich auf dem Tag des barrierefreien Tourismus im März jedenfalls einig: Grundsätzlich muss die komplette touristische Servicekette abgedeckt werden. Von der Anreise über die Unterbringung bis zu den Unternehmungen vor Ort – alles muss für die unterschiedlichen Gäste barrierefrei nutzbar sein. Ursula Wallbrecher, selbst Rollstuhlfahrerin und Ansprechpartnerin für Barrierefreiheit im Landesmuseum Mainz, fasste am Ende des Tages zusammen, wie eine barrierefreie Reise im Idealfall ablaufen sollte: hinkommen, reinkommen, klarkommen.

Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de

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