Barrierefreies Theater mit Übertiteln

20/02/2015
Foto: Probe der Theatergruppe

Probe mit Projektionen: Medientext-Studierende der Uni Hildesheim projizieren das Schriftbild live während der Aufführung im Theaterraum; © Isa Lange/Uni Hildesheim

In Deutschland gibt es kaum Theater mit Übertiteln für Gehörlose: Medienübersetzerinnen und Theaterstudierende wollen das ändern. Dabei nutzen sie den Bühnenraum, um Worte zu projizieren. Wenn eine Schauspielerin schreit, platzieren sie das Schriftbild "I C H W I L L". Und umschreiben das Gefühl nicht mit der Fomulierung "(schreiend)". Statt Text in eine dezente LED-Leiste zu setzen werden die Übertitel Teil des Bühnenbildes.

In Hildesheim befassen sich derzeit Medienübersetzerinnen und Theaterstudierende mit der Frage, wie Menschen, die nicht oder kaum hören können, gemeinsam mit Hörenden Theater erleben können. Studierende aus dem Studiengang "Medientext und Medienübersetzung" entwickeln in einem Projektseminar gemeinsam mit der Theatergruppe Kirschrot ein Stück über Dickköpfe und Besserwisser, das einen inklusiven Ansatz verfolgt: Während der Vorstellungen projizieren die angehenden Medienübersetzerinnen Übertitel live auf die Bühne und binden diese als ästhetische Elemente ein – nicht als fremd wirkende oder dezent am Rand stehende LED-Leiste. In die Erarbeitung des Stückes haben sie gehörlose und schwerhörige Kinder einbezogen.

"Die Übertitel sollen integrativer Bestandteil der Inszenierung werden, keine Fremdkörper sein. Wir möchten das ästhetische Potential der Übertitel in unterschiedlichen Formen nutzen", sagt Projektleiterin Nathalie Mälzer, Professorin für Transmediales Übersetzen an der Hildesheimer Uni. "Denn erst wenn die Übertitel mehr als eine Übersetzung sind und sich an das gesamte Publikum richten, kann ein inklusiver Effekt entstehen."

Wenige Tage vor der Premiere. Eine Probe am Vormittag. Der Raum ist dunkel. In weißer Schrift werden Wörter auf die Bühne projiziert: "Aus Spaß wird oft Ernst", "Sturm ernten", "Kristin ist stur" und "Nicht immer halli galli machen". "Wütend", "durchsetzen" und "will" landen zunächst auf einem Gewächshaus, welches die Spielerinnen im Baumarkt gekauft haben. "Darin können Ideen wachsen", so Sarah Kramer, die auf der Bühne steht. Ideen in ihrem Stück über den Umgang mit Zuschreibungen und Vorurteilen und Ideen für neue Ansätze im Theater. Die Buchstaben landen in der Tiefe des Raumes und drei junge Frauen fischen sich Wörter heraus, mit Karton in Neonfarben, so lenken sie den Blick des Zuschauers. Aus der Tiefe des Raumes holen sie "Du bist ein echter Dickkopf!" hervor. Gesprochene Sprache wird sichtbar.

Willkommen seien "alle Schlaumeier, Rumdiskutierer, Trotzköpfe und die, die die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben", sagt Marietherese Jesse. Die 24-Jährige studiert an der Universität Hildesheim Kulturwissenschaften mit den Fächern Theater und Bildende Kunst und steht gemeinsam mit der 26-jährigen Kulturwissenschaftsabsolventin Kristin Grün und der ein Jahr älteren Theaterpädagogin Sarah Kramer als Theaterensemble Kirschrot Ende Februar auf der Bühne des Theaterhauses. In dem Stück werden außerdem Videos auf die Bühne projiziert. Die drei Theaterschaffenden haben mit hörenden und hörbehinderten Kindern und Jugendlichen vom Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte in Hildesheim und Schülern aus dem Kindertheaterclub Wilde 13 in Münster Geschichten und Erfahrungen von und mit Dickköpfen und Besserwissern gesammelt. Diese Geschichten von Kindern finden sich nun auf der Bühne wieder. "Die Kinder sehen, was aus ihren Ideen auf der Bühne geworden ist", so Jesse.

Die Theaterspielerinnen arbeiten in der Produktion schon früh mit Medienübersetzern der Universität Hildesheim zusammen. Wenn Marietherese Jesse "ich will, ich will, ich will" schreit und in der Szene an einen Supermarkteinkauf als Fünfjährige mit ihrer Mutter erinnert, bei dem sie Cornflakespackungen unbedingt haben möchte und sich kreischend auf den Boden wirft, dann entwickeln die Medienübersetzer dafür folgenden Lösungsvorschlag: Statt das Gefühl der Szene zu umschreiben, etwa mit schriftlichen Worten wie "(wütend)" und "(schreiend)", platzieren sie Übertitel in Großbuchstaben über die gesamte Bühne, um das Schreien im Schriftbild zu zeigen, dann steht dort: "I C H W I L L". Dabei arbeiten die angehenden Medienübersetzerinnen auch mit üblichen Beamern und Powerpoint, da diese Software, anders als Profisoftware, mehr gestalterischen Freiraum bietet. So können sie den gesamten Raum der Bühne, auch in seiner Tiefe, nutzen.

Die Theatergruppe musste den Sprechtext, anders als sonst üblich, schon vier Wochen vor der Probe an die Übersetzer weiterleiten. Im Medientextlabor der Uni am Bühler-Campus arbeiten Studierende derzeit an den finalen Übersetzungen, in enger Abstimmung mit dem Theaterensemble, das selbst weiße Kleidung trägt – so werden die Körper der Spielerinnen zur Projektionsfläche für Übertitel.

"Eine Eins-zu-eins-Übersetzung der gesprochenen Sprache in ein Schriftbild geht nicht, wir gehen gemeinsam mit dem Theaterensemble die Szenen durch und kürzen sinngerecht. Häufig gilt: Je diskreter, desto besser. Das Theater Kirschrot arbeitet anders, Übertitel sind für sie ein ästhetisches Element und sie laufen nicht auf einer dezenten LED-Leiste. Wir wollen in einer Rezeptionsstudie auch herausfinden, ob sich das hörende und nicht hörende Publikum von den Übertiteln abgelenkt fühlt, ob zum Beispiel alles gut zu lesen war oder der Einsatz von Farben hilfreich ist, um Sprecher zu kennzeichnen", sagt Maria Wünsche, die an der Universität Hildesheim Medienübersetzung bei Professorin Nathalie Mälzer studiert und das Theaterprojekt mit umsetzt.

Auf den Ergebnissen der Rezeptionsstudie können Theaterhäuser in Deutschland aufbauen. Dafür befragt Nathalie Mälzer im Anschluss an die Theateraufführungen das Publikum. Außerdem bringt sie Theaterschaffende aus Häusern in Oldenburg, Braunschweig, Hannover und Dresden mit Vertretern des Landesbildungszentrums für Hörgeschädigte und Theaterpublikum zusammen. Sie tauschen sich über inklusives Theater, die Arbeitsprozesse bei der Erstellung von Übertiteln sowie deren Qualität und über eine weitere Zusammenarbeit mit der Universität aus. Dabei diskutieren die Fachleute Vor- und Nachteile der Übertitelung gegenüber anderen Formen der barrierefreien Gestaltung von Theateraufführungen (etwa Gebärdendolmetschen und Induktionsschleifen).

REHACARE.de; Quelle: Stiftung Universität Hildesheim

Mehr über die Stiftung Universität Hildesheim unter: www.uni- hildesheim.de