Culture Inclusive: eine Brücke zwischen Kulturgenuss und Inklusion

Interview mit Jörn Erkau, Geschäftsführer der Sennheiser Streaming Technologies GmbH

Der Kulturbetrieb befindet sich im Umbruch, denn inklusive Angebote werden immer wichtiger. Um den Inklusionsgedanken ganzheitlich zu gestalten, fehlte es bisher an Informationsangeboten. Abhilfe schafft das Projekt Culture Inclusive: Wer sich über inklusive Kulturinstitutionen informieren möchte, findet diese auf einer Kulturkarte, die nach Behinderungsmerkmalen gefiltert werden kann.

04.01.2016

Foto: Jörn Erkau

Jörn Erkau; © Sennheiser

Jörn Erkau ist Geschäftsführer der Sennheiser Streaming Technologies GmbH. REHACARE.de sprach mit ihm über das Projekt und wie dieses zum Selbstläufer entwickelt werden soll.

Herr Erkau, mit Culture Inclusive haben Sie eine Plattform geschaffen, die über barrierefreie Kulturveranstaltungen informiert. Warum braucht es ein solches Projekt überhaupt im deutschen Kulturbetrieb?

Jörn Erkau: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass immer mehr Kulturinstitutionen aktiv in Sachen Inklusion sind oder werden und ein entsprechendes Angebot zur Verfügung stellen. Das Problem ist, dass die Besucher, für die das Angebot relevant ist, häufig nichts davon wissen. Daraus entwickelte sich die Idee zu einer Kommunikationsplattform, die diese Lücke schließt und gleichzeitig einen Nutzen für alle Beteiligten hat. Kino-, Theater- oder Museumsbesucher erfahren von den Veranstaltungsorten und können so verstärkt am kulturellen Leben teilnehmen. Die Spielstätten verkaufen mehr Tickets und erhöhen dadurch ihre Umsätze, sodass weitere barrierefreie Events stattfinden können.

Welches Ziel verfolgt Culture Inclusive?

Erkau: Kultur mit allen Sinnen zu genießen und für jeden zugänglich zu machen, ist die Idee hinter Culture Inclusive. In Deutschland leben rund 1,2 Millionen Menschen mit einer Sehbehinderung oder Blindheit und etwa 15 Millionen sind schwerhörig. Für sie stellt der Besuch von Kulturorten wie Kinos, Theatern, Opern oder Sportveranstaltungen oft eine Herausforderung dar, der sich viele der Betroffenen erst gar nicht stellen. Das belegt auch eine europaweite Studie der Firma Sennheiser. Aus diesem Grund bündeln wir auf dem Portal inklusive Kulturorte aus ganz Deutschland sowie redaktionelle Artikel und Informationen zu inklusiven Techniklösungen. Unser Anliegen ist es, mit Culture Inclusive eine Brücke zwischen Kulturgenuss und Inklusion zu schlagen.
Foto: Landkarte zeigt verschiedene Institutionen in Berlin

Veranstaltungsstätten werden in einer Kulturlandkarte eingetragen. Sie informieren über die jeweiligen Angebote und Inklusionsmerkmale; © beta-web/Günther


Wie funktioniert die Plattform?

Erkau: Auf Culture Inclusive entsteht eine deutschlandweite Kulturkarte. Dafür recherchiert eine bei uns interne Redaktion inklusive und barrierefreie Veranstaltungsstätten. Diese Orte werden in vier Kategorien eingeteilt – Kino, Bühne, Museum und Sportarena – und mit Informationen zur Kulturstätte und zu den Inklusionsmerkmalen (Seh- und Hörunterstützung, Gebärden, Mehrsprachigkeit, Mobilität) versehen. So entstehen nach und nach neue Punkte auf der Kulturlandkarte, die über die Suche aus einer großen Auswahl und nach individuellen Bedürfnissen selektiert werden können. Das ist dank der Filterfunktionen möglich, die auf die Spielstätten und Inklusionsmerkmale anwendbar sind. Ein zusätzliches Kommunikationstool bietet der Blog, auf dem Beiträge von Gastautoren, wie zum Beispiel Veranstaltungshinweise oder -berichte, veröffentlicht werden können.

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass jeder Veranstaltungsort sein inklusives Angebot auf Culture Inclusive selbstständig einstellt und die Verbände und Institutionen sich stärker einbringen. Am Ende ist es unser Ziel, dass Culture Inclusive von denjenigen betreut und verantwortet wird, für die es in ihrer täglichen Arbeit als Kommunikationstool hilfreich ist. Nur in der Zusammenarbeit kann das Portal funktionieren.
Foto: Senorin sitzt mit Enkel im Kino und nutzt Sprach-App

Mithilfe der App CinemaConnect können Besucher eine Hörunterstützung nutzen; © Sennheiser

Gibt es ein inklusives Vorzeigeprojekt in Deutschland, das Sie exemplarisch einmal erläutern könnten?

Erkau: Das Hamburger Ernst Deutsch Theater ist ein gutes Beispiel für gelebte und ganzheitliche Inklusion. Angefangen mit einem barrierefreien Zugang und Sitzplätzen für unterschiedliche Rollstuhlmodelle, hat das Theater gerade zum zweiten Mal die Auszeichnung "Wegbereiter der Inklusion" verliehen bekommen. Damit wird die Veranstaltungsreihe TheaterPlus gewürdigt, bei der Gebärdensprachdolmetscher die Vorstellungen für höreingeschränkte Besucher übersetzen. Außerdem bietet das Theater seinen Besuchern mit einem Streaming System ein inklusives Theatererlebnis mit Hörunterstützung oder Audiodeskription an.

Welche Hilfsmittel bieten Sie darüber hinaus Menschen mit Behinderung und kulturellen Einrichtungen, um am Kulturleben teilhaben zu können?

Erkau: Wir bei Sennheiser haben neben dem Kulturportal Culture Inclusive ein Streaming System entwickelt, das Hörunterstützung und Audiodeskription in Kulturstätten wie Theater oder Kinos bringt. Das funktioniert für Theater mittels der kostenlosen App MobileConnect und für Kinos mithilfe der App CinemaConnect. Nach einmaliger Installation können Besucher bei jeder Vorstellung eine Hörunterstützung nutzen – bei ausgewählten Veranstaltungen auch Audiodeskription. Der zusätzliche Hearing Assistant ermöglicht außerdem, dass die Hörunterstützung manuell auf das eigene Gehör eingestellt werden kann. Und das alles funktioniert mit dem eigenen Gerät – einem Smartphone oder Tablet.
Mehr über Culture Inclusive unter: www.culture-inclusive.com
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Fromman


Melanie Günther
REHACARE.de