Eine andere Perspektive auf barrierefreies Bauen

Ist die Rampe zu steil? Machen zwei Zentimeter Türschwelle wirklich einen Unterschied? Solchen Fragen stehen Architekten und Städteplaner immer wieder gegenüber. Wenn sie selbst keine Behinderung haben, neigen sie schnell zu einem falschen Urteil. Gefragt sind daher auch Bauentscheider, die Barrieren aus eigener Erfahrung beurteilen können.

"Barrierefreiheit wird oft nur mit rollstuhlgerecht gleichgesetzt", sagt Dirk Michalski, der als Architekt und Sachverständiger mit dem Schwerpunkt barrierefreies Bauen arbeitet. "Aber auch sehbehinderte, blinde und gehörlose Menschen müssen beispielsweise berücksichtigt werden." Deswegen bedarf es Beratung und Aufklärung darüber, was Barrieren sein können und wie man sie baulich vermeiden oder nachbearbeiten kann.
Foto: Barrierefreie Dusche

Bodengleiche Duschen setzen sich langsam, aber doch immer mehr durch; © Dirk Michalski

Barrierefreiheit unterliegt einem Wandel

Michalski, der seit etwa 30 Jahren selbst einen Rollstuhl nutzt, weiß, dass eine breite Fachkenntnis erforderlich ist, wenn man beispielsweise eine Arztpraxis einrichten oder gar neu bauen möchte. Denn es gilt nicht nur Rollstuhlfahrer zu berücksichtigen, sondern beispielsweise auch kleine Menschen, sehbehinderte Menschen oder Menschen, die einen Rollator benutzen. Doch Michalski weiß auch, dass der Vorbehalt, barrierefreies Bauen sei grundsätzlich zu teuer und aufwendig, weit verbreitet ist. Baue man allerdings von Anfang an barrierefrei, ergebe sich in der Regel meist ein nur sehr geringer Mehraufwand an Kosten.

"Aufzüge zum Beispiel gehören inzwischen in vielen Bauten selbstverständlich dazu. Weil erkannt wurde, dass es bequem ist und allen Vorteile bietet", sagt Michalski. Diesen Trend sieht er auch beim Einbau bodengleicher Duschen, die – im Vergleich zu vor zehn Jahren – auch immer mehr zum Standard werden.

In seiner eigenen Behinderung sieht der Architekt einen klaren Vorteil: "Dadurch bekomme ich eine Art Vertrauensvorschuss von meinen Auftraggebern". Er räumt ein, dass Fußgänger bestimmte Dinge einfach nicht wissen könnten, wenn es um rollstuhlgerechte Sachverhalte geht. "Aber in Bezug auf Seh- und Hörbehinderungen zum Beispiel muss auch ich mich sehr intensiv damit auseinandersetzen", sagt Michalski. "Wichtig ist also immer die Erfahrung und der Austausch mit Betroffenen."

Ansonsten sieht es Michalski wie Barbara Sima-Ruml, die dem Expertentum in eigener Sache grundsätzlich skeptisch gegenübersteht. Die Rollstuhlfahrerin arbeitet als Sachverständige für Barrierefreies Bauen beim Land Steiermark/Österreich. Ihrer Meinung nach sollte man immer sehr darauf achten, wer gegebenenfalls als Experte herangezogen wird. "Viele, oftmals sogar ohne bautechnische Ausbildung, können meist nur für sich und ihre Anforderungen sprechen und haben kein allgemeines Wissen über Barrierefreiheit und darüber, was andere Menschen mit Behinderungen benötigen", gibt Sima-Ruml zu bedenken.
Foto: Dirk Michalski und Barbara Sima-Ruml

Dirk Michalski und Barbara Sima-Ruml sind nicht nur Sachverständige zum Thema Barrierefreies Bauen, sondern nutzen auch beide jeweils einen Rollstuhl; © Dirk Michalski/privat

Die Perspektive wechseln

Sowohl Sima-Ruml als auch Michalski befürworten, wenn Planer und Architekten ohne eine Behinderung beispielsweise für eine gewisse Zeit selbst einmal einen Rollstuhl nutzen. Denn wenn man sich nur in der Theorie damit beschäftigt, bleibe man in der Regel an der Oberfläche. "Planer meinen zum Beispiel oft, dass die zwei Zentimeter in der Türschwelle nichts ausmachen oder dass eine Rampe wirklich nicht zu steil sei. Doch wenn sie es dann selbst einmal ausprobieren, sind sie erstaunt, wie groß schon vermeintlich kleine Barrieren sein können", sagt Michalski.

Auch Sima-Ruml kann das bestätigen: "Die Selbsterfahrung hat sich in meinen Augen so gut wie immer bewährt und ist für viele Planer ein echtes Aha-Erlebnis. In Zusammenarbeit mit mehreren Institutionen konnten wir schon viele Seminare für die Sensibilisierung zu diesem Thema machen. Gemeinsam mit einer nahezu blinden Person wurde beispielsweise über das Leben mit Behinderung gesprochen und danach ein Feldversuch gestartet. Allerdings finden die meisten Teilnehmer, dass es schwieriger ist, sich mit dem Langstock als blinde Person zurechtzufinden als mit einem Rollstuhl."

Allerdings, so sind sich Sima-Ruml und Michalski einig, könnten solche Seminare oder Erfahrungsparcours lediglich einen Einstieg in die Thematik ermöglichen, ein Anstoß in die richtige Richtung sein. Einen aktiven Austausch mit Betroffenen ersetzen sie nicht.
Foto: U-Bahn-Haltestelle mit Blindenleitsystem

Barrierefreiheit bezieht sich nicht nur auf Rollstuhlgerechtigkeit, sondern meint beispielsweise auch Blindenleitsysteme; © Dirk Michalski

Barrierefreiheit nützt allen

Außerdem wären in Sima-Rumls Augen ausreichende, flächendeckende Schulungsmaßnahmen langfristig sinnvoll. Zusätzlich müssten verantwortliche Bauherren, Politiker und Unternehmer endlich zu der Überzeugung gelangen, dass Barrierefreiheit kein Zugeständnis, sondern ein Menschenrecht ist. "Immerhin benötigen nicht nur Personen, die einen Rollstuhl nutzen, ein barrierefreies Umfeld, sondern insgesamt etwa 30 Prozent der Bevölkerung."

Der Rollstuhlfahrer und Architekt Michalski wünscht sich für die Zukunft, dass endlich die Vorurteile wegfallen. "Die Menschen sollen Barrierefreiheit als Komfortelement erkennen – für Menschen mit Behinderung, für Eltern mit Kinderwagen, für Reisende mit Koffern und auch ältere Menschen mit Rollatoren. Und auch gut lesbare, taktil erfassbare Beschilderungen haben für alle einen positiven Nutzen. Wir müssen Barrierefreiheit endlich von der Vorstellung loslösen, dass sie nur für Menschen mit Behinderung gedacht und sinnvoll ist."
Foto: Nadine Lormis; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Nadine Lormis
REHACARE.de