Nachgefragt bei Simon Janatzek, Diplom-Pädagoge im Büro für Barrierefreie Bildung, Herne

Einige Smartphones sind beim Neukauf bereits barrierefrei

Mal eben mit dem Smartphone nachschauen, wann der nächste Bus fährt oder noch schnell dem Freund per WhatsApp Bescheid geben, dass man sich verspätet: für viele Menschen ganz alltägliche Situationen. Doch wie barrierefrei sind Smartphones eigentlich für sehbehinderte und blinde Menschen? REHACARE.de sprach mit Simon Janatzek. Er ist sehbehindert und erzählt, welche Apps im Alltag hilfreich sind.

14.04.2016

Foto: Simon Janatzek

Simon Janatzek; © privat

Herr Janatzek, welche Hemmungen haben blinde und sehbehinderte Menschen im Umgang und mit der Nutzung von Smartphones?

Simon Janatzek: Die größte Hemmung ist zuerst der Touchscreen. Für Menschen, die nichts sehen können, ist das alles erstmal neu und sie können sich gar nicht vorstellen, wie der Umgang mit einem Smartphone funktionieren soll. Ein sehbehinderter Mensch tastet nach etwas. Das funktioniert bei einem Smartphone natürlich nicht, da es eine glatte Oberfläche hat. Dies ist die erste Hürde. Wenn man dies schafft, kann man erfahrungsgemäß problemlos damit umgehen. Wenn ein Anruf eingeht, fühlt man kurz mit dem Finger über das Display und anstatt zur Seite zu wischen – wie man herkömmlicherweise einen Anruf entgegennimmt – tippt man einfach zwei Mal mit den Fingern auf das Smartphone. Genauso funktioniert auch das Bedienen von Apps: Indem man einmal das Symbol berührt, wird der Name der App vorgelesen. Beim zweimaligen Drauftippen öffnet sich diese.

Wie barrierefrei sind Smartphones?

Janatzek: Das Smartphone an sich ist bereits beim Neukauf komplett barrierefrei. Nutzer müssen nichts für weitere Zusätze ausgeben. Jedes iPhone verfügt über eine barrierefreie Werkseinstellung, dies ist bei allen Produkten von Apple so. Bei Smartphones mit dem Android-System sollte man sich vorab informieren, da nicht jedes Produkt über diese Werkseinstellung verfügt; bei den neueren Modellen ist es aber mittlerweile standardmäßig enthalten. Als blinder oder sehbehinderter Mensch kann man sich das Smartphone beim Start von einer anderen Person einstellen lassen und sofort loslegen. Über die Voice-Over-Funktion lassen sich diese Geräte problemlos steuern. Viele Menschen sind zu Beginn unsicher, ob ein Smartphone das richtige für sie ist. Deshalb kommen sie vor dem Kauf zu uns in die Beratung, um das Gerät auszuprobieren. Schulungen sind ebenfalls möglich. Vor allem ältere Menschen probieren vorab erst aus, ob sie mit einem Smartphone zurechtkommen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass etwa 90 Prozent keine Probleme beim Umgang mit dieser Technik haben.

Foto: Simon Janatzek hält Vortrag über barrierefreies Smartphone

Simon Janatzek erklärt auf einer Messe blinden und sehbehinderten Besuchern den Umgang mit barrierefreien Smartphones; © beta-web/Günther

Wie können blinde und sehbehinderte Menschen im Alltag von Smartphones profitieren?

Janatzek: Fast jede App hat auch eine Sprachfunktion für blinde und sehbehinderte Menschen. Das soziale Netzwerk Facebook oder die Kommunikationsplattform WhatsApp können mittels Sprachfunktion problemlos genutzt werden. Es gibt aber auch viele Apps speziell für Menschen mit Sehbehinderung, zum Beispiel eine Lupen-App, welche Bilder und Schriften vergrößert. Außerdem gibt es für vollblinde Menschen die Texterkennungs-App, bei der man ein Foto von einem Text macht und diese den erkannten Text direkt vorliest. Des Weiteren gibt es eine App zum Erkennen von Geldscheinen oder von Farben. Diese kosten im Schnitt zwischen zehn und 100 Euro. Es gibt aber auch kostenlose Varianten, wie zum Beispiel den Abfahrtsmonitor. Diese App ist sehr beliebt: Sie zeigt an, welcher Bus wann fährt und aus welcher Richtung dieser kommt, beziehungsweise in welche er Richtung fährt. Der Trend geht hin zu Apps, die einen kompletten Raum erkennen; mittels eines Fotos wird beschrieben, was die Kamera gerade sieht. Auch kann die aktuelle Umgebung beschrieben werden, wie etwa der Straßenverkehr, ob sich zum Beispiel vor mir eine Ampel befindet. Einen Blindenhund kann die App aber derzeit noch nicht ersetzen.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Janatzek: Dass, wenn man über Smartphones oder Tablets nachdenkt, es keine Barriere für behinderte Menschen gibt, sondern sie für jeden zugänglich sind. Wenn ein Schüler diese Technik einsetzen kann, um seine Lernmaterialien zu lesen, ist das für mich Inklusion. Dass Kinder nicht immer spezielle Geräte benötigen, sondern wie ihre Mitschüler die gleichen Geräte nutzen können, damit sie sich genauso fühlen wie alle anderen auch.

Mehr über das Büro für Barrierefreie Bildung unter: www.bf-bildung.de
Foto: Lorraine Dindas

© B. Frommann

Lorraine Dindas
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