Nachgefragt bei Marius Deckers, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Duisburg-Essen, Institut für Psychologie

Entlastungskonzept für Pflegekräfte: "Empathie ist ein fundamentaler Teil unseres Wesens"

13.09.2016

Pflegepersonal ist während seiner Arbeit vielen Emotionen ausgesetzt. Menschen haben Schmerzen, haben Fragen zu ihrem eigenen Tod oder versterben. Um mit diesen emotionalen Erlebnissen psychisch besser umgehen zu können, wurde das empathiebasierte Entlastungskonzepts empCARE gegründet. Mithilfe von Schulungen sollen Pflegekräfte lernen, wie man einen empathischen Kurzschluss verhindert.

Bild: Marius Deckers; Copyright: .fotomenken

Marius Deckers; © .fotomenken

Das Projekt "Pflege für Pflegende: Entwicklung und Verankerung eines empathiebasierten Entlastungskonzepts in der Care-Arbeit" (empCARE) wird vom Bildungsministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) über eine Laufzeit von 42 Monaten gefördert. REHACARE.de hat bei Marius Deckers nachgefragt, mit welchen psychischen Belastungen Pflegekräfte konfrontiert werden, und was die Gründe dafür sind.

Herr Deckers, das Projekt empCARE besteht aus vier Projektpartnern. Wer ist für was zuständig?

Marius Deckers: Das Projekt wird hauptsächlich von der Universität Duisburg-Essen aus geleitet. Unsere drei weiteren Projektpartner sitzen an verschiedenen Standorten. Dazu gehört das Uniklinikum in Köln und Bonn sowie ein ambulanter Pflegedienst namens "Die Mobile". Wir an der Universität sind für die wissenschaftliche Forschung und die theoretischen Hintergründe des Projektes zuständig. An den beiden Unikliniken werden Schulungen für Pflegekräfte praktisch durchgeführt. Die Kräfte des Pflegedienstes "Die Mobile" sind außerdem während der Sitzungen mit dabei. Insgesamt schulen wir derzeit etwa 400 Pflegekräfte an den Standorten Köln und Bonn. Dazu bieten wir Blockveranstaltungen und Coachingsitzungen für bis zu 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmern regelmäßig an, die an zwei Tagen stattfinden.

Mit dem Projekt sollen Pflegende emotional entlastet werden. Welchen psychischen Belastungen sind sie denn ausgesetzt?

Deckers: Wir wollen den Pflegekräften einen anderen Umgang mit Empathie zuführen. An der Universität Duisburg-Essen haben wir eine Theorie entwickelt, die besagt, dass der richtige Umgang mit der Empathie zu Personen mit Pflegebedarf ganz entscheidend ist.

Patienten werden zum Beispiel mit einer schweren Krankheit konfrontiert und sind dem Lebensende sehr nah. Damit sind aber auch die Pflegekräfte konfrontiert. Betroffene stellen Fragen wie: "Meinen Sie, ich komme hier noch mal lebend raus?". Diese Frage an sich ist psychisch sehr belastend für das Personal. Menschen neigen dann zu einem emphatischen Kurzschluss und äußern Sätze wie: "Kopf hoch, das wird schon wieder." Diese Gesten sind positiv formuliert und gut gemeint, helfen dem Patienten aber leider nicht, was den Pflegekräften implizit klar ist und ein ungutes Gefühl hinterlässt. Sie möchten helfen, deshalb kommt es zu empathischen Reaktionen. Da sie aber wissen, dass diese Aussagen nichts an der Situation ändern, wird es längerfristig zu einer psychischen Belastung für diese Berufsgruppe. Wir wollen den Pflegekräften alternative emphatische Reaktionen beibringen, damit ein Austausch zwischen ihnen und den Patienten über die aktuelle Situation des Patienten stattfinden kann. Sie sollen zeitökonomisch kommunizieren, sodass sie den Personen mit Pflegebedarf helfen können und dabei den emphatischen Kurzschluss verhindern, damit es zu keiner langfristigen psychischen Belastung seitens des Personals wird.

Bild: Pflegerin hält Hand von Patientin; Copyright: panthermedia.net/michaeljung

In Schulungen wird den Teilnehmern beigebracht, wie man einen empathischen Kurzschluss verhindert; © panthermedia.net/michaeljung

Was sind die Gründe für die psychischen Belastungen?

Deckers: Die Empathie ist ein fundamentaler Teil unseres Wesens, wir können uns emotional in eine Person hineinversetzen und mitfühlen. Wenn sich jemand schlecht fühlt, dann übertragen sich diese Emotionen unter Umständen auf uns und diese negativen Gefühle möchte man loswerden. Daher antworten wir dann gerne mit Floskeln wie "Kopf hoch", um uns emotional von dieser Situation zu lösen. Die Pflegekräfte möchten diesen Personen helfen und wissen aber implizit, dass sie dies mit solchen Aussagen nicht schaffen. Empathie zu empfinden ist nichts Schlechtes, doch im Pflegeberuf ist der richtige Umgang mit Empathie für die psychische Belastung sehr entscheidend. Auch Verwandte, mit denen die Kräfte sprechen, fühlen sich schlecht. Diese emotionale Belastung nimmt die Pflegekraft sozusagen auch mit nach Hause. Wir vermuten, dass hierin ein Grund für die häufigen Fälle von Burnout oder Depressionen in Pflegeberufen liegt.

Was bedeutet für Sie Inklusion?

Deckers: Während meines Zivildienstes in einem integrativen Kindergarten gab es in den Gruppen ebenfalls fünf bis sechs Kinder mit Lernschwierigkeiten (einer sogenannten geistigen Behinderung). Dort kam ebenfalls das Thema Inklusion auf. Ziel war es damals, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung im Rahmen ihrer Möglichkeiten jeden Beruf ergreifen können, denen sie ausüben möchten. Für mich ist eine gelungene Inklusion, dass Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung ermöglicht wird, jeden Beruf auszuüben. Und dass ihnen nicht mit Vorurteilen oder Legitimationen begegnet wird. Ich wünsche mir, dass es in naher Zukunft irgendwann alltäglich ist, dass Menschen mit Behinderungen mit Menschen ohne Behinderungen zusammenarbeiten können. Ich finde, das ist ein erstrebenswertes Ziel.

Mehr zum Projekt auf: www.empcare.de
Foto: Lorraine Dindas; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Das Interview führte Lorraine Dindas.
REHACARE.de