Ergotherapeuten und ihr Bezug zur Inklusion

26.11.2014
Foto: Jugendliche an Bushaltestelle, Mädchen im Rollstuhl

Menschen mit und ohne Behinderung müssen gemeinsam an der Umsetzung einer inklusiven Gesellschaft arbeiten; © DVE

Welche Rolle spielen Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft? Einmal im Jahr, am internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, wird flächendeckend auf sie aufmerksam gemacht. Doch wie sieht es in der restlichen Zeit für immerhin mehr als neun Prozent der gesamten Bevölkerung aus, die in Deutschland als schwerbehindert gelten? Findet Inklusion so, wie es die Behindertenrechtskonvention vorsieht, statt?

"Es ist ein laufender Prozess", stellt Irini Tsangaveli, Ergotherapeutin und Vorsitzende der Landesgruppe Hessen des DVE (Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V.) fest. Sie findet, dass – blickt sie auf die letzten zwei Jahre zurück – eine Veränderung im Sinne von mehr Inklusionsmaßnahmen wahrzunehmen ist. Aber gerade was den Einsatz von Ergotherapeuten angeht, meint sie: "Es ist noch viel Luft nach oben."

"Hinter dem Begriff der Behinderung verbergen sich mannigfaltige Beeinträchtigungen: zeitlich begrenzte bis dauerhafte, körperliche Behinderungen und/oder Lernschwierigkeiten mit mehr oder weniger ausgeprägten Schweregraden", zeigt Tsangaveli die große Bandbreite dieses Themas auf. Nicht alle Menschen mit Behinderung haben diese von Geburt an. Wer beispielsweise nach einem Unfall oder einer Erkrankung auf Gehhilfen oder einen Rollstuhl angewiesen ist, bekommt eine ganz neue Perspektive und Verständnis für das Thema Behinderung und Inklusion. Denn der Alltag stellt sich plötzlich völlig anders dar. Hürden, Barrieren, Unerreichbarkeiten in vielfältigster Art und Weise tauchen auf oder besser gesagt waren auch vorher da. Aber eben nur für Menschen mit Behinderung spür- und sichtbar.

Im Zuge der Inklusion sollen Kinder mit Behinderung mehr und mehr gemeinsam mit anderen Gleichaltrigen die Regelschule. Ziel und Wirkung: Die kommenden Generationen haben keine Berührungsängste, wachsen damit auf. Um die Akzeptanz auch bei den Eltern zu verbessern und gleichzeitig die Entwicklung aller Kinder optimal zu fördern, schlägt Tsangaveli vor: "Es wäre vernünftig und mittelfristig auch wirtschaftlicher, Ergotherapeuten fest in jedes Schulteam aufzunehmen."

Denn Ergotherapeuten sind im Gesundheitswesen an erster Stelle zu nennen, wenn es um den Umgang mit Menschen mit Behinderungen und die Bewältigung des (Schul)Alltags geht.

"Ergotherapeuten wissen, wie sich bestimmte Behinderungen oder Einschränkungen im Alltag auswirken. Wir erarbeiten mit unseren Klienten, wie sich diese Auswirkungen ausgleichen oder beheben lassen und fördern dadurch den Inklusionsprozess", verdeutlicht Tsangaveli ihre Kompetenz auf diesem Gebiet.

Doch wie sieht es bei erwachsenen Menschen mit Behinderung aus? Ist Inklusion in den Betrieben angekommen? "Ich weiß, dass es mittlerweile mehr Unternehmen gibt, die – anstatt einfach die geforderte Ausgleichszahlung zu leisten – erkennen, dass Inklusion am Arbeitsmarkt funktionieren kann und entsprechend qualifizierte Menschen mit Behinderung einstellen", sagt Tsangaveli, gesteht aber im selben Atemzug, dass dies vermutlich noch immer eine deutliche Minderheit sei.

Dabei wollen Menschen mit Behinderung durchaus produktiv sein, bei der Arbeit Anerkennung finden. Und das nicht nur in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Für sie ist es, ebenso wie für jeden anderen Menschen, eine unglaubliche Aufwertung, fest angestellter Mitarbeiter in einem Betrieb zu sein. Doch wie kann diese Facette der Inklusion in der Leistungsgesellschaft, in der wir leben, funktionieren?

Tsangaveli empfiehlt, die ergotherapeutische Brille aufzusetzen. "Wir messen den Fähigkeiten und Ressourcen, über die unsere Klienten verfügen, eine zentrale Bedeutung zu – beim Behandlungskonzept ebenso wie beim Umgang miteinander. Wenn ich erkenne, welche Stärken ein Mensch besitzt, dann sehe ich die an erster Stelle und nicht die Behinderung", ist ihre plausible Erklärung dieser typisch ergotherapeutischen Sichtweise. Wenn Inklusion also wirklich funktionieren soll, erfordert dies neben dem konsequenten Einsatz von Experten wie Ergotherapeuten den Willen und die positive Einstellung eines jeden Einzelnen gegenüber Menschen mit Behinderung. Nur so können sie tatsächlich Teil der Gesellschaft in allen Bereichen werden.

REHACARE.de; Quelle: Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V.

Mehr über den Deutschen Verband der Ergotherapeuten unter: www.dve.info