Erster Realitäts-Check Inklusion an Berliner Nachbarschaftshäusern

25.03.2015
Foto: Tester beim Realitäts-Check Inklusion

Wie barrierefrei sind Wohngegenden für Menschen, die einen Rollstuhl nutzen oder eine Sehbehinderung haben? Der Realitäts-Check Inklusion ging der Frage nach; © inklusion konkret

15 Monate lang stellten sich vier Berliner Nachbarschaftshäuser einer umfassenden Untersuchung, inwieweit Menschen mit Behinderungen und Einschränkungen von ihren Angeboten profitieren und teilnehmen können. Nicht nur bauliche Barrieren standen auf dem Prüfstand, sondern erstmals die individuelle Realität von Menschen mit Behinderungen. Die Ergebnisse zeigen, wie hoch vor allem die unsichtbaren Barrieren sind.

Eine Auswahl sowie erste Umsetzungen werden bei der Verleihung des Signets "Realitäts-Check Inklusion" im Abgeordnetenhaus von Berlin am 25. März um 17.00 Uhr vorgestellt. Anwesend sind der Präsident des Abgeordnetenhauses, der Staatssekretär für Soziales sowie sozialpolitische Sprecher der Fraktionen.

Nachbarschaftshäuser sind offen für alle Bewohner eines Stadtteils. Es sind Orte für vielfältige Angebote wie Theatergruppen, Computerkurse oder Beratungsangebote für Nachbarn jeden Alters. Wirklich? "Weil niemand gebärdete und mich keine Kommunikationsassistenz begleitet hat, war die Kommunikation mit anderen Nachbarn unmöglich", beschreibt Patrick Marx seinen Besuch in einem Nachbarschaftshaus. Er ist Angestellter bei der Geteq – Gesellschaft für teilhabeorientiertes Qualitätsmanagement mbH und hat mit einem Team die Nachbarschaftshäuser nach der Methode nueva (Nutzer evaluieren Nutzer) geprüft. Die Mitglieder des Teams haben selbst eine Behinderung und können besonders gut beurteilen, wie Angebote gestaltet sein müssen, um von Menschen mit Behinderungen genutzt werden zu können. Sie verfügen über eine spezielle Ausbildung als Fachpraktiker für Nutzerevaluation, die von der IHK Berlin anerkannt ist.

Hannah Furian, Leiterin des Projektes, gibt einen Einblick in den komplexen Prozess: "Gemeinsam mit Nutzern mit und ohne Behinderungen haben wir Fragebögen und Checks zu Lernschwierigkeiten, Gehörlosigkeit, körperlicher Beeinträchtigung sowie Sehbehinderungen entwickelt. Insgesamt befragten wir anschließend über 100 Besucher und haben die verschiedenen Barrierefrei-Checks durchgeführt."

Berücksichtigt wurden ganz unterschiedliche Blickwinkel: Von Themen wie "Bin ich erwünscht? Kann ich überhaupt teilnehmen?" bis zu "Wo sind eigentlich die behinderten Menschen im Kiez? Fühlen sie sich in unserem Haus willkommen? Wie kommen sie zu uns?". Ulrike Pohl hat den Realitäts-Check Inklusion beauftragt, mitentwickelt und leitet das übergeordnete Projekt "inklusion konkret". Für sie ist wichtig: "Inklusion ist Entwicklung. Für alle Beteiligten." Pohl kann bereits erste Erfolge benennen, zum Beispiel gemeinsame Fortbildungsangebote von Menschen mit und ohne Behinderungen, barrierearme Webseiten oder einen Handlauf für Menschen mit eingeschränkter körperlicher Beweglichkeit.

"Die qualitative Weiterentwicklung von Nachbarschaftseinrichtungen als Orte der interkulturellen Begegnung, Bildung, des bürgerschaftlichen Engagements und der gleichberechtigten Teilhabe ist in unserem eigenen Interesse", unterstreicht Dirk Gerstle, Staatssekretär für Soziales, die Bedeutung des Realitäts-Checks. Die vier Ausgezeichneten – die NachbarschaftsEtage in der Fabrik Osloer Straße, das Stadtteil-Zentrum Pankow, das Nachbarschafts- und Familienzentrum Finchleystraße und das Rabenhaus e. V. in Köpenick – erhalten jetzt als Vorreiter für ihr besonderes Engagement das Signet "Realitäts-Check Inklusion". Das Signet ist barrierefrei. Es ist hörbar, fühlbar und sichtbar.

Auch wenn Inklusion sozialpolitisch gewollt ist – es gibt noch viel zu tun: Die neun rollstuhlnutzenden Teilnehmer an der Veranstaltung brauchten im Vorfeld jeweils zwei Personen, die schriftlich versichern, dass sie die Rettung der Rollstuhlnutzenden im Gefahrenfall durchführen. Zeit für einen neuen Realitäts-Check?

REHACARE.de; Quelle: inklusion konkret

Mehr über inklusion konkret unter: www.inklusionkonkret.info