Essen und Trinken: Kleine Hilfen, die den Alltag erleichtern

01.09.2016

Nicht immer ist es leicht für Menschen mit Parkinson oder Lähmungserscheinungen das Essen zum Mund zu führen. Oft landet es dann nicht im Mund, sondern neben dem Teller. Um nicht ständig gefüttert werden zu müssen, können Menschen mit Behinderung zwischen verschiedenen Hilfsmitteln wählen – je nach Bedürfnis. So gibt es zum Beispiel ergonomisches Besteck oder Hilfen zum Greifen von Gegenständen.

Bild: Hand hält einen Stift in einem Gummiball, schreibt das Wort Gripoballs; andere Halt hält Zahnbürste mit dem Gummiball; Copyright: Gripoballs

Mit den etwa 15 Gramm schweren Gummibällen lassen sich Stifte und Besteck einfacher halten; © Gripoballs

Neben den allseits bekannten Hilfsmitteln wie Teller mit erhöhten Rändern, gebogenem Besteck oder Schnabeltassen, gibt es auch viele neuere Erfindungen, die den Alltag erleichtern sollen. So zum Beispiel die Gripoballs:

Menschen mit Rheuma, Parkinson oder Multipler Sklerose fällt es oft schwer, Gegenstände des täglichen Gebrauchs in den Händen zu halten, ohne dabei zu wackeln oder etwas fallen zu lassen. Das Unternehmen Gripoballs aus Belgien hat deshalb das gleichnamige Produkt entwickelt. Mithilfe von einem im Durchmesser 4 Zentimeter großen und 15 Gramm schweren Gummiball lassen sich Gabel, Messer, Schere oder Zahnbürste wieder besser greifen. Ein Schlitz im Ball ermöglicht einen komfortablen Halt der Gegenstände. Für die persönliche Beschaffenheit lässt sich der Gripoball mit Gripograms, kleine Metallkugeln, beliebig beschweren und sorgt so für einen guten Griff.

Bild: Hand hält Gabel über Teller, daneben liegt Besteck und Schüssel mit Erdbeeren; Copyright: etac GmbH

Bei dem Unternehmen etac werden Hilfsmittel für die individuellen Bedürfnisse hergestellt, wie zum Beispiel ergonomisches Besteck; © etac GmbH

Produktgewicht und Designs stehen im Vordergrund

"Das" Hilfsmittel im Ess- und Trinkbereich schlechthin gibt es laut Rainer Classen, zuständig für den Produktbereich Alltagshilfen bei der Firma etac GmbH, nicht. "Hilfsmittel wie Besteck oder Greifzangen sind sehr individuell und personenbezogen. Unsere Greifzange 'Aktiv' — die momentan leichteste Zange auf dem Markt – gibt es zum Beispiel mit einem Eigengewicht ab 111 Gramm,  je nach Länge und Ausführung." Da die "Aktiv" auch mit sehr geringer Handkraft betätigt werden kann, ist diese Greifzange vor allem für Personen geeignet, die Gicht oder Fingerprobleme haben, sowie Menschen, die sich nach Dingen, die auf dem Boden liegen, nicht bücken können. Nutzer hingegen zeigen im gesamten Hilfsmittelbereich ein größeres Interesse an farbenfrohen Designs.

Auch ein Schneidebrett für sehbehinderte und blinde Menschen hat etac entwickelt. "Mithilfe einer Führungsschiene für das Messer können diese Personen ein Stück Eigenständigkeit erlangen und rutschen so beim Schneiden von Brot nicht mit der Klinge ab", so Classen. Bei der Auswahl des Bestecks kommt es ebenfalls auf die Bedürfnisse der einzelnen Person an: "Es gibt speziell gebogenes Besteck für Links- und Rechtshänder. Aber auch hier spielen die Kraft der Hand sowie das Gewicht der Gegenstände eine Rolle, um die Balance zu halten. Je leichter, desto besser."

Bild: Elektronischer Löffel, rechts schriftliche Beschreibungen auf Englisch; Copyright: Liftware

Mit dem Stabilisierungsgerät können Menschen mit Parkinson leichter ihr Essen zum Mund führen; © Liftware

Sensor und Motor sorgen für Stabilität beim Essen

Aber nicht jeder kann dieses Besteck auch nutzen, denn jede Hand ist unterschiedlich und braucht unterschiedliches Besteck. "Individuelle Lösungen oder Anpassungen, die im Bereich der Greifhilfen benötigt werden, werden individuell, zum Beispiel von Ergotherapeuten in Kliniken, mit den Patienten bedarfsgerecht gefertigt", weiß eine Mitarbeiterin vom Hilfsmittel-Portal REHADAT.

Ein kleines Stabilisierungsgerät speziell für an Parkinson erkrankte und Menschen, deren Hände oft zittern, haben Ingenieure und Wissenschaftler der Produktlinie Liftware entwickelt. Für dieses Gerät gibt es verschiedene Aufsätze: eine Gabel sowie verschiedenartige Löffel. In dem Produkt sind ein Sensor und ein kleiner Bordcomputer integriert, welche die Handbewegungen erkennen und versuchen diese zu stabilisieren. Dafür leitet ein Motor den Griff in die entgegengesetzte Richtung. So wackelt ein Parkinson-Patient durchschnittlich 70 Prozent weniger mit seiner Hand und kann seine Mahlzeit zu sich nehmen, ohne allzu viel zu kleckern. Der Motor startet sobald man beide Komponenten miteinander verbunden hat. Legt man zum Beispiel den Löffel auf den Tisch, wird automatisch der Ruhemodus angeschaltet.

Bild: Roboter hebt mit Löffel Bonbons von Teller auf; Copyright: beta-web GmbH

Das Assistenzgerät "Bestic" wurde von Post-Polio-Patient Sten Hemmingsson erfunden; © beta-web GmbH

Post-Polio-Patient erfindet Assistenzgerät

"Beliebt sind auch aktive Greifhilfen, wie Gripability oder Roboterarme, die beispielsweise auch am Arbeitsplatz eingesetzt werden können", erklärt die REHADAT-Mitarbeiterin. Diese kleinen Roboter übernehmen die Arbeit von Pflegern oder der Familie und füttern zum Beispiel Personen mit neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson.  So eine Technologie hat auch die schwedische Firma Bestic AB entwickelt. Sie haben ihr gleichnamiges Assistenzgerät "Bestic" bereits auf der REHACARE 2015 interessierten Besuchern vorgestellt.  "Mithilfe eines Joysticks oder eines Knopfes lässt sich das Gerät steuern", erklärt Catherina Borgenstierna, CEO der Bestic AB. Ein elektronisch gesteuerter Arm führt dann einen Löffel zum Mund. "Insgesamt vier Benutzerprofile stehen zur Verfügung. Man kann für jede Person die optimale Höhe und Ausrichtung für den Löffel einstellen." Erfunden hat das Gerät Sten Hemmingsson. Er erkrankte mit 15 Jahren an dem Post-Polio-Syndrom und wollte nicht, dass seine Frau ihn immer füttern muss. "Er wollte kein Patient im eigenen Haus sein. Er wollte selbstständig sein", so Borgenstierna. Das Gerät ist auch für Kinder geeignet.

Dies sind nur einige Hilfsmittel, die den Alltag von Menschen mit Beeinträchtigungen beim Greifen erleichtern können. Wissenschaftler und Experten arbeiten allerdings stetig an neuen Produkten und versuchen außerdem bereits Produziertes zu verbessern. Denn die zahlreichen Alltagshelfer sorgen dafür, dass Menschen mit Behinderung ihre Selbstständigkeit bewahren oder zurück erlangen können und nicht unbedingt auf fremde Hilfe angewiesen sind.

Mehr zum Portal REHADAT unter: www.rehadat.info
Foto: Lorraine Dindas; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Lorraine Dindas
REHACARE.de

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