Exoskelette: Alltagshelfer auf zwei Beinen

Interview mit John Frijters, Vice President of Sales and Business Development in Europa

14.10.2015
Foto: John Frijters

John Frijters; © beta-web/Stöter

Mittlerweile sind Exoskelette auch in der Therapie und Rehabilitation von Menschen mit Rückenmarksverletzungen, aber auch in der allgemeinen Nutzung angekommen. Sie ermöglichen eine spezielle Therapieform, um den Betroffenen zumindest einen kleinen Teil ihrer Eigenständigkeit zurückzugeben. Geheilt werden sie dadurch nicht, aber insoweit wieder mobil, dass sie sich mit Unterarmgehstützen oder Rollatoren fortbewegen können.

REHACARE.de hat John Frijters von ReWalk Robotics am Stand in Halle 4/A05 getroffen und mit ihm über das ReWalk System gesprochen.


Herr Frijters, wie funktioniert das ReWalk System?


John Frijters: Ein ReWalk Exoskelett ist ein modernes Hilfsmittel, genauer gesagt eine Art Orthese, die am Körper getragen wird. Es besteht aus zwei Beinteilen, also einem Oberschenkel- und Unterschenkelmodul, die im Becken zusammenlaufen. In diesen Beinteilen befinden sich Motoren und Bordelektronik. Der Anwender kontrolliert die Bewegungen mit geringfügigen Verlagerungen des Körperschwerpunktes. Eine Vorwärtsbeugung des Oberkörpers wird vom System wahrgenommen, was den ersten Schritt initiiert. Durch eine wiederholte Verlagerung des Körpergewichts wird eine Reihe von Schritten ausgelöst, die den natürlichen Bewegungsablauf der Beine nachahmt. Bei jedem Anwender wird der Gang individuell eingestellt. Der Anwender muss dann lernen, zu stehen und zu balancieren. Aus diesem Grund wird er durch Unterarmgehstützen zusätzlich unterstützt. Das komplette System ist selbsttragend, sodass der Anwender das Gewicht von 25 Kilogramm nicht spürt.

Welche Typen von Exoskeletten gibt es derzeit auf dem Markt und zu welchem gehört Ihr System?


Frijters: Grundsätzlich gibt es einen großen gemeinsamen Nenner: Ein Exoskelett soll jemanden, der im Rollstuhl sitzt, aufrichten und wieder zum Laufen bewegen. Im Prinzip gibt es zwei Haupttypen: ein Exoskelett für die reine Rehabilitation und eins für den persönlichen Gebrauch, sozusagen für den Alltagsgebrauch. Letzteres ist unsere Hauptzielgruppe. Dann gibt es Untergruppen, beispielsweise rehabilitative Systeme, die für eine inkomplette Querschnittslähmung geeignet sind. Andere Systeme ermöglichen eine funktionelle Elektrostimulation und kommen im Bereich der Schlaganfalltherapie zum Einsatz.

 
 
Foto: Exoskelett

John Frijters und Anwenderin am Stand von ReWalk; © beta-web/Stöter

Für wen eignet sich die Therapie?


Frijters: Das System eignet sich für Menschen mit einer kompletten oder inkompletten Querschnittslähmung, die daher nicht mehr in der Lage sind, zu laufen oder nur eingeschränkt beweglich sind. Was man braucht, ist eine Funktion der Hand, da, wie bereits erwähnt, eine Unterarmgehstütze zusätzlich notwendig ist, um den Körper ausbalancieren zu können. Auch eine kognitive Aufnahmefunktion ist wichtig. Für Menschen mit einem Schädelhirntrauma in Kombination mit einer Querschnittslähmung ist das System nur geringfügig geeignet. Außerdem muss der Kreislauf belastbar und genügend Knochendichte vorhanden sein.

Daher bieten wir unseren Kunden eine Probestellung an. Erst danach wird entschieden, ob ein Training aus medizinischer beziehungsweise therapeutischer Sicht sinnvoll ist oder nicht. Im Anschluss folgen Übungsstunden, die darüber Aufschluss geben sollen, ob der Kunde das System auch verwenden kann und möchte. Mittlerweile übernehmen mehrere Kostenträger das Exoskelett im Rahmen der Hilfsmittelversorgung.

Exoskelette werden insbesondere von Menschen mit Behinderung immer noch kritisch beäugt: Im Vordergrund steht dabei meist, dass sie den Eindruck erwecken, die Mobilität vollständig wieder herstellen zu können. Dies vermögen sie einerseits nur bedingt und sind andererseits nicht für jeden Patienten geeignet. Wie begegnen Sie als Hersteller den kritischen Stimmen gegenüber Exoskletten?


Frijters: Wir wollen den Menschen einen angenehmeren Lebensstil ermöglichen und keine Wunderheilung anpreisen. Aus diesem Grund gehen wir proaktiv auf die Menschen zu, indem wir beispielsweise Messen wie die REHACARE besuchen. Viele Leute sind offen und neugierig. Daher bieten wir auch Testsessions und Probestellungen an. So können sie sich einen eigenen Eindruck verschaffen. Vielen ist gar nicht klar, dass sie neben einem aufrechten Gang mit dem Exoskelett auch etwas für ihre Gesundheit tun. Die aufrechte Mobilität kann viel mehr: Sie fördert die Blasen- und Darmfunktion, die Durchblutung sowie den Muskelaufbau. In anderen Fällen treten weniger Schmerzen auf, was die Medikation automatisch verringert. Das System kann viel, aber eben nicht alles. Kritische Stimmen wird es immer geben. Wir gehen damit offen um. Daher sind Messen für uns auch sehr wichtig.

Den Stand der ReWalk Robotics Argo Medical Technologies GmbH finden Sie in Halle 04/A05.

Mehr über das ReWalk System finden Sie unter: www.rewalk.com
 
 
Foto: Melanie Günther

© B. Frommann




Das interview führte Melanie Günther
REHACARE.de