Fahrkurse für Menschen mit Behinderung geben neue Sicherheit und Mobilität

Interview mit MMag. Edith Grünseis-Pacher, MSc, Gründerin und Vorsitzende des CLUB MOBIL in Österreich sowie zertifizierte Mobilitätsexpertin

01.07.2016

Selbstbestimmt mobil sein zu können, ist für alle wichtig – vor allem für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Viele mit einer unfallbedingten Behinderung sind anfangs noch unsicher, wenn sie aktiv zurück auf die Straße wollen. Um sich langsam wieder an das Verkehrsgeschehen herantasten zu können, bietet der CLUB MOBIL in Österreich Fahrsicherheitskurse an. Neben theoretischen und praktischen Übungen werden auch elementare Dinge, wie das Umbauen des eigenen Fahrzeugs, erörtert.

Foto: Edith Grünseis-Pacher; Copyright: Markus Rambossek, rambossek.eu

Edith Grünseis-Pacher; © Markus Rambossek, rambossek.eu

Im Interview mit REHACARE.de erklärt Gründerin Edith Grünseis-Pacher, welche Voraussetzungen man für die Teilnahme erfüllen muss, und was sie zur Mobilität von Menschen mit Behinderungen beitragen kann.

Frau Grünseis-Pacher, Sie bieten Fahrsicherheitstrainings für Menschen mit Behinderung an. Wie kam es dazu?

Edith Grünseis-Pacher: Ich habe 1989 selbst einen schweren Verkehrsunfall gehabt und war drei Jahre in einem Rehabilitationszentrum. Seitdem sitze ich im Rollstuhl. Nach dem Unfall konnte ich nicht mehr Auto fahren. Zu dieser Zeit gab es keine Fahrsicherheitskurse für körperlich eingeschränkte Menschen, diese Lücke wollte ich schließen. Aus diesem Grund habe ich die Initiative CLUB MOBIL ins Leben gerufen und beschäftige mich mit der Steigerung der Mobilität behinderter Personen und der Erhöhung der Verkehrssicherheit. Ich habe Trainings entwickelt, in denen richtiges Verhalten in Extremsituationen gelehrt wird.

Diese Kurse richten sich an Menschen mit einem Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent. Die Teilnehmer absolvieren den Kurs mit dem eigenen Auto, um künftig in Gefahrensituationen schnell reagieren und richtig agieren zu können. Außerdem braucht man natürlich einen gültigen Führerschein. Am Ende erhalten die Teilnehmer eine Teilnahmebescheinigung.

Es gibt einen theoretischen und praktischen Teil. Wie gestalten sich diese?

Grünseis-Pacher: Zu Beginn wird die Fahrphysik genau erläutert, damit einem bewusst wird, wie und warum sich ein Kraftfahrzeug entsprechend verhält. Anschließend folgen praktische Übungen in den ÖAMTC-Fahrtechnikzentren (Österreichischer Automobil-, Motorrad- und Touringclub). Im Projekt „Training mit Handicap“ bieten wir zwei Module an. Im ersten wird gezeigt, wie man richtig ausweicht und bremst auf unterschiedlichen Fahrbahnbeschaffenheiten. Außerdem üben wir, wie man ein schleuderndes Fahrzeug unter Kontrolle bringt und sich in Kurven richtig verhält. Im zweiten Modul, dieses kann nur nach zweimaliger Teilnahme an Modul eins absolviert werden, gibt es zusätzlich noch Übungen in einem speziellen Aquaplaning-Becken und einen Handlingparcours, bei welchem alle zuvor trainierten Extremsituationen zu bewältigen sind.

Das Fahrsicherheitstraining unterscheidet sich nur in einem Punkt von denen, die auch von Berufsfahrern oder Privatpersonen absolviert werden. Die Teilnehmer müssen bei uns draußen auf der Piste für Erklärungen nicht jedes Mal aussteigen. Das haben wir der körperlichen Beschaffenheit unserer Teilnehmer entsprechend angepasst.

Sie bieten außerdem noch eine Fahreignungsüberprüfung an. An wen richtet sich dieses Angebot?

Grünseis-Pacher: Die Fahreignungsüberprüfung ist ein Projekt, welches ich 2007 aufgrund hoher Nachfrage entwickelt habe. Es richtete sich anfangs ausschließlich an neurologische Patienten. Nachdem immer mehr Krankenhäuser und diverse Fachärzte anfragten, haben wir unsere Zielgruppe um internistisch-, unfall- oder altersbedingte Betroffene erweitert. Bei den Fahreignungsüberprüfungen, im Vorfeld der Behörde, geht es in erster Linie darum, zu prüfen, ob man zum Beispiel nach einem Schlaganfall oder mit Multipler Sklerose noch fahrtauglich ist. Damit stehen wir mittlerweile auch in der Durchführungsverordnung des Führerscheingesetzes. Eine wesentliche Neuerung im Vergleich zu herkömmlichen Testmethoden besteht darin, dass die Fahreignung nicht anhand theoretischer Aufgaben am Simulator oder Computer getestet, sondern die praktische Umsetzung der Fahreignung in einem den jeweiligen Bedürfnissen angepassten Fahrschulauto von zwei speziell geschulten Mobilitätsexperten beurteilt wird.

Foto: Auto fährt durch Wasserstraße für Aquaplaning-Übung
Foto: Edith Grünseis-Pacher am Steuer
Foto: Zwei Personen sitzen im Auto, zwei sind davor
Foto: Einige Leute unterhalten sich, im Vordergrund spritzt Wasser in die Luft
Foto: Zwei Personen sitzen im Auto, zwei sind davor
Foto: Vier Menschen am Tisch, schauen auf Unterlagen
Foto: Edith Grünseis-Pacher vor einem LKW
Foto: Edith Grünseis-Pacher am Steuer von einem LKW
Foto: Zwei Personen sitzen im Auto, zwei sind davor
Foto: Frau am Lenkrad, drei Personen drum herum

Was genau wird überprüft?

Grünseis-Pacher: Vorab informieren wir die Teilnehmer über ihre möglichen persönlichen Einschränkungen beim Führen eines Fahrzeugs – bedingt durch ihre Krankheit oder Behinderung. In sieben Übungen werden im Schonbereich der Straße grundlegende Fähigkeiten getestet. Anschließend wird 60 Minuten lang das Fahrverhalten in Echtsituationen analysiert. Bei einer standardisierten Beobachtungsfahrt im Straßenverkehr wird das besondere Augenmerk auf die notwendigen kraftfahrspezifischen Leistungsfunktionen, wie Aufmerksamkeit, Reaktion, Konzentration und Überblicksgewinnung, gelegt. Ein Experte agiert bei der Fahrt als Fahrlehrer und kann im Notfall eingreifen. Der zweite Mobilitätsspezialist beobachtet unter anderem das Verhalten des zu überprüfenden Lenkers und seine Blicktechnik. Die Eindrücke werden in einem ebenfalls standardisierten Protokoll noch während der Fahrt festgehalten. Nach diesem Durchlauf füllen die Teilnehmer einen Bogen zur Selbstwahrnehmung aus. Nachdem, aufgrund der Analyse, ein bei Behörden anerkanntes Gutachten erstellt wurde, werden die getesteten Person und die Angehörigen zu einer Schlussbesprechung eingeladen. Dabei werden das Verhalten während der Fahrt, das Ergebnis der Fahreignung, die weitere Vorgehensweise und eventuell notwendige Fahrzeugadaptierungen besprochen. Zusätzlich wird das Resultat der subjektiven dem der objektiven Wahrnehmung gegenübergestellt. Erfahrungsgemäß unterscheidet sich die Wahrnehmung eines beeinträchtigten Führerscheinbesitzers massiv von der objektiven Feststellung der Experten. In diversen Studien werden die Erkenntnisse wissenschaftlich ausgewertet.

Wie gut wird das Angebot angenommen?

Grünseis-Pacher: Die Fahrsicherheitskurse werden in der Zeit von August bis November angeboten. Jedes Jahr sind die Kurse ausgebucht. Bis zu 1.000 Personen nehmen teil. Die Fahreignungsüberprüfungen bieten wir das ganze Jahr über an mehreren Tagen im Monat an.

Interessierte aus Deutschland kommen für die Fahreignungsüberprüfung vor allem für das Führen eines Lastkraftwagens zu uns. Im Jahre 2012 habe ich die Führerscheinausbildung für Schwerkraftfahrzeuge mit Anhänger gemacht und ließ extra einen LKW umbauen. Somit kann ich Fahreignungsüberprüfungen für körperlich eingeschränkte LKW-Fahrer anbieten.

Sie haben im Jahre 2012 eine Studie zum Thema Fahrsicherheitsüberprüfung herausgegeben. Zu welchen Ergebnissen sind Sie dabei gekommen?

Grünseis-Pacher: Wir haben nachgewiesen, dass auch Personen, die bei der medizinisch psychologischen Untersuchung (MPU, in Österreich VPU) das Ergebnis „nicht fahrtauglich“ erhalten haben, durchaus fahrtauglich sein können. 48 Prozent der Ergebnisse des Tests – welcher am Computer durchgeführt wird – stimmten nicht mit unseren Ergebnissen aus der praktischen Überprüfung überein. Wir sind somit zu dem Ergebnis gekommen, dass eine MPU keine hundertprozentige Aussagekraft über die Fahrtauglichkeit einer Person hat und die von CLUB MOBIL entwickelte intensive Fahrverhaltensanalyse sicheren Aufschluss über die tatsächliche Eignung zum Lenken eines Kraftfahrzeuges gibt.

Inwiefern können Sie die Mobilität von Menschen mit Behinderung mit Ihrem Angebot fördern?

Grünseis-Pacher: In unseren Fahrsicherheitskursen haben Autofahrer mit körperlichen Beeinträchtigungen die Möglichkeit, den richtigen Umgang in Gefahrensituationen zu trainieren. Bei den Fahreignungsüberprüfungen können Personen, die erst seit kurzem körperlich eingeschränkt sind, im Vorfeld der Behörde testen lassen, ob und inwiefern eine Teilnahme am Straßenverkehr bereits wieder möglich ist, ohne dass sie Angst haben müssen, ihren Führerschein zu verlieren. Unsere Teilnehmer erhalten Tipps zu diversen Trainingsprogrammen. Wie können ihnen die Sicherheit im Straßenverkehr geben, damit sie wieder mobil im Leben sind.

Weitere Informationen zum CLUB MOBIL unter: www.clubmobil.at
Foto: Lorraine Dindas; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann


Lorraine Dindas
REHACARE.de

Weitere Beiträge im Thema des Monats Juli: