Forschende finden Ursache für Abwehrdefizit bei MS und Gegenmittel

25.05.2016

NeuroimmunologInnen und NeuropathologInnen aus Münster und München haben entdeckt, was genau im Körper bei der Multiplen Sklerose (MS) abläuft. Sie zeigten auch: Es gibt eine Therapie für die schubförmige MS, die geradezu maßgeschneidert ist, um das Defizit zu beheben.

Foto: ForscherInnen im Labor; Copyright: FZ

Dr. Catharina Groß, Prof. Heinz Wiendl und Dr. Andreas Schulte-Mecklenbeck bei der Arbeit im Labor; © FZ

Die beteiligten ForscherInnen sprechen von einem Meilenstein: NeuroimmunologInnen und NeuropathologInnen der Universitäten Münster und München haben entdeckt, was genau im Körper bei der Multiplen Sklerose (MS) falsch läuft: Zellen des angeborenen Immunsystems - die natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) - erfüllen bei MS ihre Schutzfunktion nicht mehr. Sie können Effektor-T-Zellen – das sind die Zellen, die bei der Krankheit im Körper Schaden anrichten - nicht ausreichend in Schach halten. Zugleich konnten die NeurowissenschaftlerInnen zeigen: Es gibt eine Therapie für die schubförmige MS, die geradezu maßgeschneidert ist, um das Defizit zu beheben: die Blockade des Interleukin-2-Rezeptors.

Der dafür einsetzbare Wirkstoff Daclizumab wurde gerade von der EU-Arzneimittelbehörde EMA zur Zulassung empfohlen - PatientInnen können ihn also schon bald als Therapie verwenden. Die Wirkung des neuen Medikaments wurde - auch unter Beteiligung der Münsteraner NeuroimmunologInnen - bereits in Studien nachgewiesen. Ihre Ergebnisse – erzielt im Sonderforschungsbereich TR-128 "Multiple Sklerose" – sind nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences.

Ein gesundes Immunsystem funktioniert wie eine effiziente Verkehrskontrolle. Die Raser – hier: autoreaktive T-Lymphozyten - werden herausgefischt und bestraft. Andererseits reicht allein die Drohung mit den "Knöllchen", damit das Gros der Fahrer den Fuß vom Gas nimmt. So werden potenzielle Gefährder in Schach gehalten. Bei der Multiplen Sklerose aber ist diese Kontrolle gestört: Autoreaktive T-Zellen überqueren ungehindert die Blut-Hirn-Schranke in das Gehirn und greifen dort die Schutzschicht der Nervenzellen an. Um im Bild zu bleiben: Die Raser werden nicht gestoppt und verursachen schwere Unfälle.

Die Projektleiter Dr. Catharina Groß und Prof. Heinz Wiendl von der münsterschen Uniklinik für Allgemeine Neurologie zeigten: Zellen des angeborenen Immunsystems – die NK-Zellen – tragen bei gesunden Menschen entscheidend dazu bei, gefährliche autoreaktive T-Zellen in Schach zu halten. Die Forschenden entschlüsselten sogar den genauen molekularen Mechanismus, mit dem NK-Zellen das Immunsystem schützen. Außerdem enthüllten sie, dass bei der MS nicht nur die Überwachungsmechanismen des Immunsystems versagen: Zusätzlich nutzen die schädlichen T-Zellen Tricks, um der Kontrolle der natürlichen Killerzellen zu entgehen - etwa so, als würden Verkehrssünder ihre Nummernschilder abschrauben, um nicht identifiziert zu werden.

Die WissenschaftlerInnen belegten aber auch: Mit dem monoklonalen Antikörper gegen den Interleukin-2-Rezeptor (Daclizumab) gibt es einen vielversprechenden Wirkstoff, der die immunregulatorische Funktion des NK-Zellen stärken kann – eine Unterstützung für die Verkehrskontrolle sozusagen. "Wir konnten zeigen, dass Daclizumab nicht nur die positive immunregulatorische Funktion der natürlichen Killerzellen verstärkt", sagt Dr. Groß, deren Arbeit von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) gefördert wurde. Zusammen mit den Kollegen untersuchte sie unter anderem auch Blut von PatientInnen mit Multipler Sklerose, die bereits mit dem neuen Präparat behandelt wurden. Der Wirkstoff führe dazu, dass die schädlichen T-Zellen wieder empfänglicher für die Regulation durch NK-Zellen seien. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat nach erfolgreichen Phase-II- und Phase–III-Studien bei MS-PatientInnen das Präparat Ende April zur Zulassung empfohlen.

Für Forschungserfolge wie diese brauche es nicht nur das Wissen der NeuroimmunologInnen aus Westfalen, betont Projekt- und Arbeitsgruppenleiter Wiendl. Insbesondere die Zusammenarbeit mit den Neurowissenschaftlern Prof. Reinhard Hohlfeld und Priv.-Doz. Dr. Klaus Dornmair von der Universität München sowie Prof. Tanja Kuhlmann aus der münsterschen Neuropathologie habe das Projekt vorangetrieben. Alle Genannten kooperieren innerhalb des Sonderforschungsbereiches TR-128 "Multiple Sklerose" der DFG. Dessen klinische Translationsplattform stellte auch die notwendigen Blut- und Nervenwasserproben von PatientInnen für Analysen zur Verfügung.

REHACARE.de; Quelle: Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Mehr über die Westfälische Wilhelms-Universität Münster unter: www.uni-muenster.de